| | Die Globalisierung der Gewalt von David Harvey
'Imperialismus und globale Enteignung' Redebeiträge an einer Podiumsdiskussion bei 'Das andere Davos - , Zürich, 17.1.2004 Imperialismus als Wort existiert erst seit ungefähr 150 Jahren. Die Frage, was es genau bedeutet, ist ziemlich kompliziert. Ich bin der Meinung, dass wir die Antwort auf diese Frage nicht finden können, indem wir gelehrte Diskussionen und Debatten darüber führen, was Lenin gesagt hat im Gegensatz zu Bukarin oder Kautsky oder irgendjemand anderem. Ich denke, es ist wirklich wichtig zu lesen, was diese Leute über ihre Zeit zu sagen hatten; was wir tun müssen ist jedoch, jetzt ein eigenes Verständnis auszubilden für diesen Begriff und wir müssen das sehr stark in unseren eigenen Worten versu-chen.
Der zweite Punkt, über den ich sprechen möchte, ist, dass ge-nau so, wie es viele verschiedene Formen von Weltreichen gegeben hat - das Russische Reich, das Osmanische Reich, das Französische Reich, das Chinesische Reich - müssen wir, meine ich, erkennen, dass es viele Formen von Imperialismus gegeben hat und die verschiedenen Länder auch sehr ver-schiedene imperialistische Strategien verfolgt haben. So ist es auch heute. Und ich denke, was wir während des letzten Jah-res, der letzten zwei oder drei Jahre erlebt haben, ist eine Ver-änderung der US -Politik hinsichtlich des Imperialismus, eine ziemlich dramatische Veränderung, auch wenn die Substanz des US-Imperialismus sich nicht verändert hat. Was das also bedeutet, ist, dass wir unser Augenmerk auf eine ganze Reihe gegenwärtiger imperialistischer Aktivitäten richten müssen. Da gibt es in der Tat ein ganzes Set von dem, was ich als Va-riationen des Imperialismus bezeichnen würde. Zum Beispiel sahen sich Südkorea und Taiwan in den achtziger Jahren mit Kapitalüberschüssen konfrontiert und sie mussten sie irgend-wohin schaffen. Was machten sie also? Sie brachten das Ka-pital ins Ausland und begannen es weiterzugeben an viele der multinationalen Konzerne und sie exportierten von Südkorea und Taiwan einige der schlimmsten Arbeitspraktiken, die man sich nur vorstellen kann. So sind es koreanische und taiwane-sische Firmen, die in Zentralamerika und sogar Südafrika am Werke waren und sich bei extremen Ausbeutungsverfahren engagiert haben, die für ihre heimischen Volkswirtschaften genau so von Vorteil waren wie für die multinationalen Kon-zerne mit Sitz in Europa und den Vereinigten Staaten.
Gegenwärtig scheint es mir, dass wir die besondere Beschaf-fenheit des US-Imperialismus betrachten müssen. Dies ist ewas, was zentral war bei den Dingen, über die ich in den letzten paar Jahren gearbeitet habe. Die US-imperialistischen Strategien sind geopolitisch in dem Sinn, dass sie eine Kon-trolle über bestimmte Zonen in der Welt erlangen wollen. Hi-storisch gesehen war Lateinamerika dabei immer an der Spit-ze. Aber jetzt sehen wir natürlich die Ergebnisse von ungefähr fünfzig Jahren geopolitischem Interesse im Mittleren Osten. Und dieses Interesse im Mittleren Osten zielt darauf ab, das Öl zu kontrollieren, nicht einfach nur das Öl für die USA, nein, es geht darum, in einer Position zu sein, wenn nötig, die ökonomischen und militärischen Aktivitäten von potentiellen Konkurrenten der USA auf der Weltbühne, besonders Europa und Japan, kontrollieren zu können; und mehr als jemals zu-vor China. China hat kein Öl oder zumindest sehr wenig. Es braucht unbedingt einen Zugang zum Mittleren Osten. China ist eine Bedrohung für die USA, durch sein aussergewöhnli-ches Wachstum, seines riesigen Marktes und seinem unglaub-lichen Sprung in der kapitalistischen Entwicklung. Die USA wollen in der Lage sein, die Ölhähne zuzudrehen, sobald Chi-na ihnen aus den Händen gleitet. So ist dort die geopolitische Strategie. Das Zweite ist: beim Versuch Kontrolle über ein Gebiet der Welt zu erlangen geht man nicht hin und richtet Kolonien ein. Man etabliert einen Staat, der einem nützt und befreundet ist und man kann das auf ganz verschiedene Art und Weise tun.
Die Schwierigkeit für die USA seit 1979, der Iranischen Re-volution, und der Instabilität Saudi-Arabiens ist die Frage, wer der Satellitenstaat der USA im Mittleren Osten ist. Keiner dort erfüllt dies besonders zufrieden stellend. Und ich denke wir müssen die Invasion im Irak genau so als einen Versuch ver-stehen, einen Satellitenstaat im Mittleren Osten zu installieren, der das tut, was die USA von ihm verlangt. Und alles was ge-rade geschieht bei dem Versuch eine neue Regierung im Irak zu bilden, zielt darauf ab eine Regierung zu bilden, die be-ständig und deshalb vereinbar mit den geopolitischen Interes-sem der USA ist.
Diese Strategie ist äusserst verschieden von der der Europäer. Europa ist genau so ein Imperialist wie die USA. Warum scheiterte Cancun? Es hatte natürlich eine Menge zu tun mit dem Konflikt zwischen dem Süden und Europa über landwirt-schaftliche Subventionen. Die Europäer sagen: 'Öffnet eure Kapitalmärkte, das ist zu unserem Vorteil, aber unsere Agrarmärkte werden euch weiterhin verschlossen bleiben.'
So hat man hier etwas, was ein sehr spezifisch europäisches Thema ist. Und dazu würde ich auch gerne etwas vorschlagen. Die USA sind nicht besonders besorgt wegen der WTO. Da gibt es einen Mythos, glaube ich, in der Anti-Globalisierungsbewegung, dass auf die eine oder andere Wei-se die WTO eine US-Konstruktion ist. Ich denke, wenn man es vergleicht, sind die USA genau so interessiert an der WTO wie sie interessiert sind an Kyoto oder diesen anderen inter-nationalen Vereinbarungen: sie werden sie benutzen, wenn es zu ihrem Vorteil ist, andernfalls werden sie diese fallen lassen. Es wird in der WTO drei Entscheidungen mehr gegen die USA brauchen und die USA werden sich davon zurückziehen. Die USA bevorzugen bilaterale Verhandlungen. Sie können alle Versuche unterbrechen, Amerika zu einen, als Strategie, dadurch, dass sie bilaterale Vereinbarungen mit Chile haben. In Südostasien ist es dasselbe: es gibt Vereinbarungen mit Taiwan und Singapur. Ich kann wirklich sagen, dass man es bevorzugt, bilateral zu arbeiten; nicht mittels internationaler Organisationen wie der WTO.
Die Europäer, denke ich, sind sehr viel mehr auf internatio-nale Strukturen hin festgelegt, als Wege ihre eigene imperiale Präsenz in der Welt zu erschaffen; durch Organisationen wie dem internationalen Gerichtshof, durch andere Angelegen-heiten dieser Art. So gibt es einige Hauptunterschiede und auf diese müssen wir unseren Blick richten.
Und wenn ich mir diese Struktur gerade jetzt anschaue, würde ich sagen, dass wir uns in einer extrem unbeständigen Periode von geopolitischen Allianzen befinden. Indien und China sprechen zum ersten Mal ernsthaft miteinander. Dies macht einen grossen Unterschied in der Art wie die Welt funktio-niert. Diese Allianz, sie mag nur taktischer Art sein, zwischen Ländern wie Brasilien, China, Indien und Südafrika, ist wie-derum etwas, was sehr verschieden ist. Dort gab es vor zwei Jahren eine erstaunliche Bewegung, als der französische, deutsche und russische Aussenminister eine gemeinsame Pressekonferenz gaben und den USA vorschlugen und sie ba-ten, nicht in den Irak einzufallen. Diese Art von Allianz ist etwas,was in den sechziger Jahren undenkbar war. Was wir beobachten ist eine unglaubliche Unbeständigkeit des Weltsy-stems. Und die USA versuchen diese Unsicherheit auszunut-zen, um ihre eigene Machtbasis zu zementieren. Und der Schwerpunkt, zu dem ich in meinem Buch gearbeitet habe, ist das Argument, dass die USA militärisch in diese Richtung ge-hen, weil sie ökonomisch schwach sind. Sie haben eine un-glaubliche Dominanz im Produktionssektor auf der Welt, aber finanziell sind sie beim Rest der Welt verschuldet, so dass 1.5 Billionen US-Dollar in die USA fliessen müssten, um deren Schulden zu decken. So sind sie finanziell und in der aktuel-len Produktionsflaute äusserst schwach. Was ihnen den Haupthebel der Kontrolle durch Militäraktionen lässt und na-türlich können sie Militäraktionen garantieren und für legitime Interventionen sorgen, da gibt es eine Menge von Unsicher-heit in der Welt. So ist eine der grossen Fragen, die wir stellen müssen: bis zu welchem Grad sorgen die USA für eine Behe-bung der Unsicherheit in der Welt und bis zu welchem Grad sind sie gerade das Problem, das die Unsicherheit in der Welt erzeugt?
Auf genau die gleiche Weise, in der die USA die achtziger und neunziger Jahre hindurch von der finanziellen Unbestän-digkeit, den weltweiten Finanzkrisen, profitiert haben, so ste-hen sie bereit, denke ich, von den geopolitischen und Sicher-heitskrisen zu profitieren. Ich denke, dass diese Regierung in den USA besonders daran interessiert ist, Unsicherheit zu er-halten, Angst zu erzeugen, sodass alles unter Kontrolle blei-ben kann. Eines von diesen Dingen, die wir, denke ich, zu tun haben, ist uns mit diesen Ängsten auseinanderzusetzen. Einige von diesen sind auf irgendeine Art real, aber anders betrachtet müssen sie als produziert und manipuliert angesehen werden...
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Teil meines Arguments ist, dass der Kapitalismus sich immer in innerhalb geographischer Anordnungen vollzieht, deshalb ist der Kapitalismus immer mit ungleichen geographischen Entwicklungen und Asymmetrien der Machtstrukturen zwi-schen bestimmten Teilen der Welt und den anderen verbun-den. Dies kann sowohl innerhalb von Staaten auftreten und als auch zwischen Staaten; so müssen wir verstehen, dass öko-nomischer Reichtum nicht immer in politische Macht umge-setzt werden kann, wir müssen verstehen, was politische Macht eigentlich ist. Denn es ist nicht immer so, dass politi-sche Vorlieben und ökonomischer Reichtum gut zusammen-passen. Persönlich bin ich der Meinung, dass Bush dabei ist, finanziellen Selbstmord zu begehen, wenn man bedenkt, was der US-Ökonomie in den nächsten 15-20 Jahren geschehen wird. Und ich denke, dass der politische Einfluss sich manchmal in diesen geopolitischen Spielen verheddert. Und es gibt ein geopolitisches Spiel zwischen Europa und den Vereinigten Staaten, in dem Chirac, denke ich, besonders wichtig ist.
Und ich finde es in der Tat sehr interessant, dass Chirac und Bush wie Spiegelbilder voneinander sind. Beide wurden auf eine solche Weise gewählt, dass sie gewissermasssen als Prä-sidenten ihrer Länder keine Legitimität haben. Beide benutz-ten ihre Haltung zum Irak-Krieg, um Legitimität zu beanspru-chen. Beide benutzen diese Legitimität, um im Innern ein autoritäres neokonservatives Programm durchzusetzen. Es ist kein Wunder, dass sie sich gegenseitig hassen, sie müssen nur am Morgen in den Spiegel blicken und sie sehen das Gespenst ihrer selbst. Ich denke also, dass wir die geopolitischen Spiele, die im Moment gespielt werden, zwar verstehen müssen, je-doch stimmen diese, vereinfacht gesagt, nicht notwendiger-weise mit dem überein, was vielleicht vom Standpunkt der Ökonomie notwendig wäre. Und es gibt ein weiteres Argu-ment im Falle Chinas: Ist China ein Opfer der imperialisti-schen Kapitalisten des Westens oder tritt es gerade ein in den globalen Kapitalismus durch Prozesse primitiver gewalttätiger Akkumulation. Es tritt auf solche Weise ein, dass es gut sein kann, dass es die Weltwirtschaft innerhalb 15-20 Jahren be-stimmt. Wenn wir den wirtschaftlichen Wiederaufschwung betrachten, der sich in der Welt gerade vollzieht, so ist er hauptsächlich auf das Wachstum in China zurückzuführen. Die Chinesische Ökonomie wächst, weil es eine grosse Nach-frage nach Autos aus China gibt. Die Japanische Ökonomie hat wieder einen Aufschwung, weil jetzt mehr nach China als in die USA exportiert wird. Taiwan exportiert mehr nach Chi-na als in die USA. Brasilien schielt gerade auf den Chinesi-schen Markt, um Flugzeuge und derartiges zu verkaufen. Chi-na ist im Moment das dynamische Zentrum der Weltwirt-schaft. Ist das lediglich eine Imperialismustheorie oder greift China tatsächlich die Gelegenheiten innerhalb der ungleichen geographischen Bedingungen beim Schopf und schwingt sich auf z u einer neuen imperialistischen Macht und falls es so ist: wie wird diese Macht aussehen? Ich kann nicht voraussagen, was geschehen wird: zur Zeit ist die Lage in China sehr unbe-ständig und gefährlich. Niemand weiss, ob es finanziell aus-reichen wird, seine Probleme mit Arbeitsplätzen sind gross. Die meisten Menschen verstehen nicht, dass China in den letzten zehn Jahren Stellen im Produktionsbereich verloren hat, die meisten Menschen denken, dass alle Arbeitsplätze nach China verlagert werden, tatsächlich wurden sie dort ab-gebaut...
Danke an die Organisatoren dieser Tagung. Es ist von grosser Bedeutung gewesen, dass wir uns treffen konnten um unsere Meinungen auszutauschen. Danke.
Die letzten Worte zur Bedeutung von Demonstrationen auf der Strasse, von Massendemonstrationen, zu der Art wie die-jenigen, die ein bisschen Macht haben, darauf reagieren, mit Schulterzucken und dem Kommentar: 'Ah, die sind unbe-deutend, irrelevant, sie machen nichts.' Und falls sie es errei-chen dich davon zu überzeugen, dann gehst du nicht mehr demonstrieren.
Etwas was wir bemerkten während den Anti-Kriegs-Demonstrationen in der Vietnam Ära, war, dass wir langsam die Hoffnung verloren, weil die Administration in Washington nur sagte: 'Ah, nur eine Ansammlung Spinner.' Als die Au-diokassetten von Nixon dann veröffentlicht wurden, hat es sich gezeigt, dass sie eigentlich wahnsinnige Angst hatten vor dem, was im Gang war. Ich glaube, dass Tony Blair auch wahnsinnige Angst hat vor dieser Art von Demonstrationen, zu denen im Moment mobilisiert wird. Er spielt uns etwas vor, um solche Sachen als unbedeutend abzutun, aber gerade des-halb ist es sehr wichtig, dass wir uns nicht entmutigen lassen von ihrem Spiel, dem 'was-ihr-macht- ist-irrelevant-Spiel'. Was ihr macht ist doch wichtig, es ist extrem wichtig, und ich glaube, dass es im Moment so wichtig ist wie seit langem nicht mehr. Ich glaube, dass, je mehr Leute am 20 März und diesen anderen Anlässe erscheinen, desto grösser die Wirkung der Demonstrationen sein wird, global und lokal. Also, bitte, einfach weiter demonstrieren.
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