| | Das finanzdominierte Akkumulationsregime von François Chesnais Teil 2/2
Akkumulationsregime und Bedingungen der erweiterten Reproduktion
Die Autoren, die auf dem Gebiet des finanziarisierten Akku-mulationsregimes forschen, sind sich in der Feststellung einig, dass die Vereinigten Staaten von Amerika das wichtigste oder gar das einzige Objekt ihrer Beobachtung und Analyse dar-stellen. Die USA sind die einzige Ökonomie, in der sich das neue Regime genügend verankern konnte, um Aussagen über seine interne Lebensfähigkeit - d.h. über die Auswirkungen des offenen Zusammenbruchs der Nasdaq und des schleichen-den Krachs der NYSE (New York Stock Exchange) - zu er-möglichen. Zusätzlich kann die Untersuchung der Wirt-schaftsbeziehungen der USA mit der restlichen Welt zur Klä-rung der entscheidenden Frage nach dem Grad der 'Übertrag-barkeit' des neuen Regimes auf andere Ökonomien, und sei es nur auf die anderen beiden Pole der Triade, beitragen.
Die Bezeichnung 'Regime des Vermögensbesitzes', die Mi-chel Aglietta mit dem 'Wachstumsregime' verbindet (dieser Begriff ist für ihn gleichbedeutend mit 'Akkumulationsregi-me') ist nicht unzutreffend. Damit wird die Tatsache betont, dass eine rein finanzielle Akkumulation gigantischen Ausma-ßes entsteht. Bei dieser Akkumulation behält das Kapital die Geldform (Marx) oder zeigt eine sehr starke oder gar aus-schließliche Neigung zur Liquidität (Keynes). Die Verwertung von Finanzvermögen durch Vermögensverwalter steht im Zentrum des finanzdominierten Akkumulationsregimes. 'Vermögensverwaltung' und 'Unternehmergeist' sind kaum vereinbare Vorstellungen, selbst in ihrer vorherrschenden Konzeption (siehe u.a. Maarek 1997). Sofern man sich auf die Theorie des 'zinstragenden Kapitals' und der Geldrente stützt, so dass der Begriff der Vermögensverwaltung seinen vollen Sinn entfaltet, und das Wort 'Unternehmen' sich auf die produktive Akkumulation bezieht, werden die beiden Be-griffe unvereinbar.
Die 'Autonomie' (siehe weiter oben), die das finanzielle An-lagekapital errungen hat, ermöglicht diesem Kapital, sich ge-genüber dem in der Produktion engagierten Kapital und also auch gegen die Arbeit zu behaupten und eine Beteiligung an der Gewinnverteilung zu fordern und durchzusetzen, die aus-schließlich durch das Eigentum an Vermögen legitimiert ist. Dabei handelt es sich um ein 'rententragendes Kapital', inso-fern es sich durch Abschöpfung primärer Erträge verwertet und vergrößert, welche entweder durch steuerliche Mecha-nismen und den öffentlichen Schuldendienst, oder aber durch Zins- und Dividendenzahlungen aufgrund einer Teilung des Profits zustande kommen. Im letzteren Fall ist die Rente die Abschöpfung eines Teils des Profits, welche die Steigerung der Mehrwertrate, aber auch eine genügende Akkumulation von produktivem Kapital erfordert, dessen sektorielle Zu-sammensetzung die erweiterte Reproduktion des Kapitals wirklich stützen kann. (12) Die Aneignung des Mehrwertes setzt seine Produktion durch die Ausbeutung der lohnabhängigen Arbeit voraus. Dafür müssen zwei Bedingungen erfüllt sein. Erstens muss der Kapitalzyklus für die zahlreichen, dem Rentabilitätszwang ausgesetzten Kapitalien vollendet sein. Die geschaffen Waren müssen also kommerzialisiert und der Profit realisiert werden, und zwar nicht auf einer virtuellen, sondern auf der realen Ebene. Der rentengestützte Konsum der Empfänger von Dividenden und Zinsen wird den Anteil der effektiven Nachfrage niemals kompensieren, der durch die verursachte Erwerbslosigkeit unter den Lohnabhängigen in den Städten oder durch die den Gemeinschaften der ländli-chen Bevölkerung aufgezwungene absolute Verarmung weg-fällt, die zuvor ihre eigene Reproduktion sichern und eine ge-wisse kaufkräftige Nachfrage auf dem Markt darstellten. (13)
Die zweite Bedingung, die für eine gewisse Dauerhaftigkeit der parasitären Abschöpfung des Finanzbereichs zu Lasten der Industrie erfüllt werden muss, betrifft die Qualität der Investi-tionen. Seit den 1990er Jahren haben Liberalisierung und De-regulierung, insbesondere zur Flexibilisierung der Arbeit, die teilweise beträchtliche Wiederherstellung der Profitraten der kapitalistischen Konzerne ermöglicht. Was die erweiterte Re-produktion des Kapitals angeht, so verharrte die Akkumulati-onsrate jedoch auf niedrigem oder sehr niedrigem Niveau. (14) Diesen zentralen Komponenten der aktuellen Wirtschaftslage kommt eine große Bedeutung zu. Das Gesamtvolumen des geschaffenen Werts stützt sich nicht nur auf das Niveau der Ausbeutung der Arbeitskraft (Mehrwertrate). Gleich wichtig oder noch wichtiger ist die Gesamtmenge an Kapital, das in die Produktion von Wert und Mehrwert einfließt. Diese Men-ge ist jedoch tendenziell gesunken. Die permanente, latente Überproduktion, die bei jedem Systemversagen in eine offene Überproduktion ausartet, ist nur eine der Spielarten eines sehr langsamen Akkumulationsregime, in dem das kapitalistische System als Ganzes zu wenig Wert und daher auch zu wenig Mehrwert produziert - selbst angesichts der breiten Wieder-einführung von Kinderausbeutung und der weltweiten Inten-sivierung der Ausbeutungsrate.
Das langsame oder in manchen Fällen extrem langsame welt-weite Wachstums (zwischen 1991 und 2000 betrug das Wachstum weltweit jährlich nur 2,6%, in den drei folgenden Jahren fiel es gar auf 1,7% (World Bank 2003: Tab. A8) bildet den Hintergrund für die verbissene Anstrengung der wichtig-sten kapitalistischen Länder, ein generelles Regime der Han-delsliberalisierung samt Abbau der Stützung der Industrie und - außerhalb der zentralen kapitalistischen Länder - der Beihil-fen an die Landwirtschaft zu verwirklichen, um Privatisierun-gen und den Ausverkauf der öffentlichen Dienste auch in die-sen Ländern durchzusetzen. Wenn Erträge, Nachfrage und folglich auch der Markt stagnieren oder nur noch schwach wachsen, wird die internationale Ausweitung des Wettbe-werbs zwischen Unternehmen unterschiedlicher Dimension und Produktivität im Zuge der Handelsliberalisierung prak-tisch das einzige Mittel für die stärksten Unternehmen, ihre Marktanteile zu Lasten der in den Konkurs getriebenen Kon-kurrenten zu vergrößern.
(...)
Interne und externe Defizite als Bedingung des US-amerikanischen Wachstums
Die Börsenhausse hat zudem von weiteren wichtigen, gegen-über dem Markt im engeren Sinn exogenen Faktoren profi-tiert, welche die Entstehung und Aufrechterhaltung der Blase ermöglicht haben. Es ist zunächst zu bezweifeln, dass die USA ohne die Intervention der Fed (Federal Reserve - No-tenbank der USA) und die massive Bereitstellung von Kredi-ten, welche die Fed zu gewissen Zeitpunkten angeregt und während des ganzen Jahrzehnts stillschweigend geduldet hat, eine 'permanente' Börsenhausse erlebt hätten. Die den Auf-wärtstrend stimulierenden Konventionen haben sich immer deutlicher auf solche Elemente gestützt. Die schärfsten Kriti-kerInnen der US-amerikanischen Währungspolitik, die im Üb-rigen gegenüber dem Realitätsgehalt der new economy skep-tisch geblieben waren, haben in den letzten Jahren betont, wie sehr seit 1992 der Aufschwung und später die zyklische Ex-pansion durch eine sehr schnelle Kreditexpansion und der vorhandenen Geldmenge im weitesten Sinn (M3) (15) begünstigt oder gar verursacht wurden (siehe insbesondere Blanqué 1999; The Economist 1999b: 30). Die Geldmenge ist zwi-schen 1995 und 1997 durchschnittlich um mehr als 5% pro Jahr angewachsen. In den Jahren 1998 und 1999 hat sie um 9% zugenommen. Zum Zeitpunkt des drohenden Krachs von Wall Street im Oktober 1998 erreichte die M3-Expansionsrate 12%.
Hinzu kam die vielleicht entscheidende Rolle der Außenwirt-schaftsbeziehungen. Es ist unmöglich, die makroökonomi-schen Leistungen und die Ergebnisse der Börsen der USA von den drei Defiziten oder Ungleichgewichten zu trennen, die eng zusammenhängen. Nur die USA können sich diese lei-sten, ohne die 'Sanktion der Märkte' auf sich zu ziehen und im Gegenteil von diesen sogar Beifall entgegennehmen zu dürfen (für eine Zusammenfassung siehe The Economist 2000a). Diese Defizite sind: eine negative Sparquote, eine sehr hohe private Verschuldung nicht nur der Haushalte, son-dern auch der Unternehmen, und schließlich ein Defizit der Außenhandelsbilanz, das Jahr für Jahr gestiegen ist und nun Werte erreicht, die kein Industrieland je über eine so lange Zeitdauer gekannt hat. Diese Elemente verweisen auf Fakto-ren außerhalb der geschlossenen Sphäre des Wertpapier-marktes und erklären teilweise, worauf der Börsenmehrwert gründet, das heißt. von welcher ökonomischen Substanz er sich nährt.
Die negative Sparquote und die sehr hohe private Verschul-dung sind Ausdruck der Rolle der künstlichen Ausweitung der Binnennachfrage. Sie sind untrennbar mit dem Außenhan-delsdefizit verbunden, an dem der Beitrag des 'Auslands', d.h. der restlichen Welt, zur Bildung der 'permanenten' Bör-senblase ablesbar ist. Das geographische, politische und wirt-schaftliche Gebiet, das als Grundlage für die Finanzresultate der börsenkotierten Konzerne und für den Übergang der Fondsmanager zum Total Return dient, erstreckt sich auf die ganze Welt. Die Bildung und Konsolidierung der Börsenblase geschah zur gleichen Zeit wie eine sprunghafte Zunahme des Außenhandelsdefizits, das von 1,7% des BIP im Jahr 1997 auf 4,5% im Jahr 2000 anstieg (The Economist 2000a). Die Han-delsbilanz wurde folglich durch einen Vorgang finanziert, der als eine sehr spezifische Form der Außenverschuldung be-trachtet werden muss.
Ab 1997-1998 betraf die Verschuldung nicht mehr vor allem die Bundesregierung. Diese konnte ihr eigenes Defizit dank der Umsetzung von Sparprogrammen und vor allen dank einer länger andauernden Hochkonjunktur reduzieren. Die Außen-verschuldung nimmt weniger die Form der Direktinvestitio-nen aus dem Ausland als vielmehr die Form des Zuflusses von finanziellem Anlagekapital an, das zur Wall Street fließt, um von der Börsenblase zu profitieren. Dieses Kapital wird von nicht-amerikanischen institutionellen Anlegern und Finanz- und Industriekonzernen bereitgestellt, aber auch von Oligar-chen und Geldmagnaten aus der ganzen Welt, deren 'Erspar-nisse' von den amerikanischen Finanzmärkten angezogen wird. Die USA sind seit zehn Jahren der bevorzugte Ort zur Verwertung von 'Vermögen', ob dieses nun von der legalen Ausbeutung von ArbeiterInnen und BäuerInnen oder von Geldwäscherei auf Offshore-Finanzplätzen und anderen Steu-erparadiesen an der Peripherie der großen Finanzmärkten stammt. Diese Kapitalien fließen in den Börsenmarkt, stützen aber nicht nur die Konventionen für einen Aufwärtstrend. Sie verschaffen dem Markt eine 'reale' Substanz, deren Ur-sprung der durch Ausbeutung von Lohnabhängigen und armen BäuerInnen in den Quellenländern geschaffene Mehrwert ist. Dies erklärt einen Vorgang, der ansonsten in den Bereich der Magie verwiesen werden müsste, nämlich die Möglichkeit der Fondsmanager, ihren Verpflichtungen mit Hilfe des Börsen-mehrwerts - das heißt mit Hilfe der internen Profite des Bör-senmarktes - nachzukommen. Die Dimensionen der Ströme von Anlagekapital zur Wall Street nahmen anlässlich der gro-ßen Finanzkrisen und der Rezessionen in Asien und Latein-amerika sprunghaft zu. Damit wurde Wall Street mehr denn je zum Fluchtpunkt des Anlagekapitals der Besitzenden aus aller Welt.
Es gibt einen weiteren zentralen Aspekt der privilegierten Be-ziehungen, von denen die USA profitieren. In vielen Studien zum US-amerikanischen Wachstum wird die Inflationsrate breit abgehandelt, die nach einer so langen Boomphase sehr niedrig geblieben ist. Diese niedrige Inflationsrate, die auch zur Konsolidierung der Hausse-Konventionen beigetragen hat, hängt nicht nur mit der Produktivitätssteigerung zusammen, wie es die Lobreden auf das 'amerikanische Wunder' be-haupten. Zum Verständnis dieser tiefen Inflationsrate muss die einzigartige Stellung der USA im System der zwischen-staatlichen Beziehungen herangezogen werden. Einerseits gibt es das Phänomen, das die amerikanischen Gewerkschaften den maquilladora effect nennen, nämlich die permanente Drohung der Konzerne, ihre Produktion in freie Wirtschafts-zonen in Mexiko auszulagern, oder in vielen Fällen die effek-tive Auslagerung derselben. Die amerikanischen Lohnabhän-gigen wurden direkt mit den Lohnabhängigen von Nied-riglohnländern in Konkurrenz gesetzt, und dies in viel stärke-rem Maß als bisher in Europa (Bronfenbrenner 2000). Ander-seits spielt auch die Deflation der Basispreise eine Rolle, die durch einen Wechselkurs verstärkt wird, der die Präferenz der Operateure für den Dollar ausdrückt. Als die ansatzweise Ausbreitung der Asienkrise auf die ganze Welt gebrochen und die Rezession auf Asien und die 'Schwellenmärkte' be-schränkt wurden, profitierten die westlichen Ökonomien (die Ökonomien der transatlantischen Sphäre) von Preissenkungen bei den meisten Rohstoffen, aber auch bei vielen standardi-sierten Industrieprodukten.
Die USA waren nicht das einzige Land, das aus dem Unglück der asiatischen, lateinamerikanischen und afrikanischen Län-der Nutzen gezogen hat. Auch die Länder der Europäischen Union profitierten davon. Jedoch waren die USA in der Lage, zusätzlich Mittel einzusetzen, die ihnen zur deutlichen Ver-stärkung der Mechanismen zur externen Eindämmung der In-flation vorbehalten sind. Die Aufwertung des Dollars wirkte sicherlich in diese Richtung, jedoch hat die Höhe der Binnen-nachfrage nach ausländischen Produkten und das Fehlen von 'Zwängen der Handelsbilanz' den amerikanischen Importeu-ren ermöglicht, die Vorteile jener spielen zu lassen, die den Zugang zum Endmarkt kontrollieren. Zwischen 1995 und 1999 sind die Preise für Importe in Frankreich durchschnitt-lich um 0,4% pro Jahr gestiegen (was einen sehr tiefen histori-schen Wert darstellt), in den USA sind sie jedoch um 2,6% gesunken (Davanne 2000: 62).
(...)
Allgemeine Schlussfolgerung
In der 'klassischen', von Robert Boyer formulierten Regula-tionstheorie umfassen die Elemente zur Beurteilung des Ak-kumulationsregimes folgende Aspekte: 'Die Entwicklung der Produktionsorganisation und des Verhältnisses der Lohnab-hängigen zu den Produktionsmitteln; der zeitliche Horizont der Kapitalverwertung, auf dem die Managementprinzipien gründen; eine Verteilung der geschaffenen Werte, welche die dynamische Reproduktion der verschiedenen Klassen oder sozialen Gruppen ermöglicht; und eine Zusammensetzung der sozialen Nachfrage, welche der tendenziellen Entwicklung der Produktionskapazitäten entspricht.' (Boyer 1987: 46). Am Schluss meiner Untersuchung über das finanziarisierte Akku-mulationsregimes lassen sich die Grundtendenzen, die sich aus den Analysen kritischer Regulationstheoretiker wie auch aus meinen eigenen Studien ergeben, in den nachfolgend dar-gelegten Schlussfolgerungen zusammenfassen.
1. Die Organisation der Produktion und der genaue Zustand des Verhältnisses des Lohnabhängigen zu den Produktions-mitteln haben sich in eine für die Lohnabhängigen äußerst ne-gative Richtung verändert (zahlreiche Elemente finden sich hierzu bei Veltz 2000). Diese Veränderungen wurden von der neuen corporate governance, aber auch von Liberalisierung, Deregulierung und Globalisierung bewirkt. Eine der wichtig-sten Folgen ist die Einführung einer immer stärkeren interna-tionalen Konkurrenz zwischen den Lohnabhängigen. Flexibi-lisierung und Prekarisierung der Arbeit haben zu einem noch stärkeren Verlust jeglichen Zugriffs der Lohnabhängigen auf die Produktionsmittel geführt.
2. Die Finanzmärkte und das neue institutionelle Aktionariat bestimmen nicht nur den Zeithorizont der Kapitalverwertung, sondern auch die aktuellen Verwertungsfelder des Kapitals, und folglich auch die Ausrichtung der Investitionen und deren Konzentration auf eine sehr kleine Anzahl Sektoren, die meist mit der Funktionsweise des Finanzsektors selbst oder mit der politischen (Medien) oder militärischen Verteidigung (Rü-stungsindustrie) der Nutznießer des finanziarisierten Regimes verbunden sind. Die Managementprinzipien des neuen Regi-mes bilden sich auf der Grundlage der Maximierung des sha-reholder value.
3. Die neue Konfiguration der Wertverteilung zu Gunsten der Gläubiger (in dem von Orléan vorgeschlagenen, erweiterten Sinn, das heißt unter Einschluss der Aktionäre) erlaubt keine tragbare soziale Reproduktion der Gesamtheit der Klassen oder sozialen Gruppen. Im Gegenteil, sie hat zu 'Marginali-sierung' und 'Ausgrenzung' geführt, zwei Übeln des finanzi-arisierten Akkumulationsregimes.
4. Zusammen mit der Entstehung und Verstärkung der Theo-rie und Praxis des 'liberalen Staats', der die Funktion der Festlegung der Zusammensetzung der sozialen Nachfrage, die er vormals ausübte, auf den Markt überträgt, treffen die er-wähnten Phänomene die Gestaltung und Verteilung des Volkseinkommens - und daher auch Niveau und Inhalt der effektiven Nachfrage bezüglich Waren und Dienstleistungen - im Kern. Die Entsprechung der Nachfrage mit der tendenzi-ellen Entwicklung der Produktionskapazitäten wird je nach Land mehr oder weniger hart in Frage gestellt. Die Befriedi-gung sozialer Bedürfnisse geht zurück, selbst in den alten Ländern mit 'sozialdemokratischem Kompromiss'.
5. Auf Grund der Stellung der Finanzmärkte in der Architek-tur des finanziarisierten Regimes und in dessen makroökono-mischen Ausgleichen ist ein auf Börsenhausse angelegter Fi-nanzmarkt eine 'strukturelle Bedingung' des Wachstums in-nerhalb des finanziarisierten Regimes. In den USA wurde die lange Hausse durch eine Geldpolitik des günstigen Kredits und ab Ende 1998 durch den Zufluss von Kapitalien gestützt, die sichere Anlagemöglichkeiten auf den amerikanischen Fi-nanzmärkten suchten und sich auf Wall Street und die Nasdaq konzentrierten. Dieser permanente Zufluss von frischem Ka-pital hat den Börsenboom genährt, parallel zur Entstehung kombinierter Defizite (Handelsbilanz, Budgetdefizit, private Verschuldung), welche die USA als einziges Land ertragen können.
6. Aber selbst in den USA erlaubt die Stellung der Finanz-märkte in der Architektur des finanziarisierten Regimes die Voraussage, dass - so lange dieses Regime bestehen wird - sein Reproduktionsprozess stets von Finanz- und Börsenkri-sen geprägt sein wird. Diese chronische Instabilität hat ihren Ursprung in der Bildung von immensen Kapitalmassen, die auf der Suche nach finanziellen Verwertungsmöglichkeiten sind, und stellt ein endogenes Merkmal der Funktionsweise der Wertpapiermärkte dar. Sie kann nicht nur auf die system-bedingte, finanzielle Fragilität zurückgeführt werden, die aus der Unterwerfung der Länder mit nicht-liberalisierten Fi-nanzmärkten (Länder der 'aufstrebenden Märkte') unter die finanzielle Globalisierung entstanden ist, selbst wenn diese Unterwerfung die globale systemische Fragilität durch Er-schütterung in der Art von Rückkoppelungen verschlimmert (Chesnais 2000).
Seit Ende 2000 sind neue Konsequenzen der sehr starken Hierarchisierung des Finanzbereichs und der Börse zu beob-achten. Die Nachahmung der jeweiligen Haltung der US-amerikanischen Akteure durch Akteure auf anderen Börsen (gemäß den 'Interpretationskonventionen' von André Orléan) hat zur Folge, dass ein Kurssturz an der Wall Street sofort zum Kurzsturz auf anderen Finanzmärkten führt. Die Auswir-kungen dieses Kursturzes auf die Antizipationen und damit auf die Entscheide über Investitionen und Konsum in den be-troffenen Ländern belasten die weltweite, düstere Konjunktur noch zusätzlich. Die Rückwirkungen dieser Vorgänge auf die USA führen zu kumulativen Prozessen, so dass alle von der Globalisierung ausgelösten Spannungen sich schließlich auf die USA und in erster Linie die Wall Street konzentrieren. 7. Der schleichende Börsenkrach in New York und auf ande-ren Börsenplätzen der zentralen kapitalistischen Länder bil-dete den unmittelbaren Kontext der Vorbereitung des Krieges gegen Irak und der Invasion dieses Landes. So wichtig dieser Hintergrund auch sein mag, muss er doch erweitert werden. Die Politik, welche die Administration Bush in verschärfter Form betreibt, wird von einem Land umgesetzt, das mehr und mehr von der restlichen Welt abhängig ist - von einer Öko-nomie, die auf Grund ihrer Entscheide im Bereich der Alters-vorsorge sowie zu Gunsten einer 'Machtübernahme' durch das finanzielle Verwertungskapital ein Verhältnis der Ab-schöpfung und/oder der parasitären Beraubung mit praktisch der ganzen Welt aufgebaut hat. Dies ist der Kern der Diskus-sion über das finanzdominierte Akkumulationsregime.
(12) Anm. CZ.: Die Industrie kann in zwei Abteilungen unter-schieden werden. Abteilung I umfasst die Produktionsgüterin-dustrie und Abteilung II bezeichnet die Konsumgüterindustrie. Siehe hierzu auch die erläuternde Fußnote 3 im Beitrag von Husson in diesem Band.
(13) Wenn, wie in Europa, der Staat und die Institutionen eine soziale Absicherung - und sei diese noch so geschwächt - bieten, um die entstehende Kluft teilweise zu überbrücken, be-steht die Konjunktur aus verschiedenen 'Gleichgewichten der Unterbeschäftigung' im Sinne von Keynes. In Ländern wie den Staaten Zentralamerikas, in den Karibischen Inseln oder in den Andenländern geht dieser Prozess mit der Verarmung der Bauern und ihrem faktischen Ausschluss aus dem formellen Markt einher. Anm. CZ.: Zu den sehr widersprüchlichen Konsequenzen die-ser Entwicklung für die Frauen siehe den Artikel von Stéphanie Treillet in diesem Buch.
(14) Anm. C.Z.: Vergleiche hierzu die Berechnungen und Fest-stellungen von Husson in diesem Band.
(15) Anm. C.Z.: Die Geldmengen M1, M2 und M3 umfassen fol-gende Größen: M1: Bargeldumlauf + Sichteinlagen von Inlän-dern in der heimischen Währung bei Banken und bei der Post inkl. Transaktionskonti. M2: M1 + Spareinlagen von Inländern in heimischen Währung bei Banken ohne Vorsorge- und Frei-zügigkeitskonti. M3: M2 + Termineinlagen von Inländern in heimischen Währung bei Banken.
| |