| | Das finanzdominierte Akkumulationsregime Von François Chesnais Teil 1/2
Wie den Begriff 'Akkumulation' mit der Bezeichnung 'finanzgetrieben' verbinden?
Den folgenden Beitrag entnehmen wir dem kürzlich erschienenen Buch 'Die globale Enteignungsökonomie', herausgegeben von Christian Zeller, Attac Schweiz (Verlag Westfällisches Dampfboot, Münster 2004, www.dampfboot-verlag.de, ISBN: 3-89691-549-5.) Der Band enthält aktuelle Analysen vor allem aus dem französischen Sprachraum zum Thema 'Globalisierung und Krieg'. Der (hier gekürzte) Aufsatz von François Chesnais behandelt die Lage auf den amerikanischen Finanzmärkten und die Reproduktion des US-amerikanischen Kapitals. 'Interne und externe Defizite als Bedingung des US-amerikanischen Wachstums' lautet ein Zwischentitel dieses Textes, der einen Beitrag zur Analyse der Bedingungen darstellt, unter denen die Bush Administration ihr imperialistisches Projekt durchsetzt. (Red.)
Wie den Begriff 'Akkumulation' mit der Bezeichnung 'finanzgetrieben' verbinden?
Meine Verwendung des Begriffs des 'Akkumulationsregi-mes' hat einen Teil meiner Leserschaft, die mir theoretisch und/oder politisch nahesteht, erstaunt oder gar schockiert. Denn dieser Ausdruck besitzt, zumindest in Frankreich, eine starke regulationstheoretische Konnotation. Zudem scheint es einigen LeserInnen schwierig, von Akkumulation zu reden, wenn das Finanzkapital die Zügel in der Hand hält. Bevor ich erläutere, inwiefern sich mein Gebrauch des Begriffs von ei-ner orthodoxen regulationstheoretischen Position unterschei-det, mache ich jedoch einige Präzisierungen zum Begriff der 'Kapitalakkumulation' und ihrem Verhältnis zum Geldkapi-tal.
Die Vorstellung, dass das Geldkapital zumindest zeitweise eine dominante Position einnehmen kann, stammt von Marx, insbesondere seinen Bemerkungen am Anfang im 2. Band des Kapitals, welche die unvollendeten Kapitel über das Finanz-kapital im 3. Band vorbereiten. Marx schreibt: 'Das industri-elle Kapital ist die einzige Daseinsweise des Kapitals, worin nicht nur Aneignung von Mehrwert, resp. Mehrprodukt, son-dern zugleich dessen Schöpfung Funktion des Kapitals ist'. Weiter: Und die anderen Arten von Kapital - Warenkapital und Geldkapital - 'bewegen sich nur noch auf (der) Grundla-ge (des industriellen Kapitals).' Jedoch: 'Alle Nationen kapi-talistischer Produktionsweise werden daher periodisch von einem Schwindel ergriffen, worin sie ohne Vermitt-lung des Produktionsprozesses das Geldmachen vollziehen wollen.' Warum? 'Eben weil die Geldgestalt des Werts seine selbständige, handgreifliche Erscheinungsform ist, drückt die Zirkulationsform G ... G', deren Ausgangspunkt und Schlusspunkt wirkliches Geld, das Geldmachen, das treibende Motiv der kapitalistischen Produktion, am handgreiflichsten aus.' Marx hält fest: 'Der Produktionsprozess erscheint nur als unvermeidliches Mittelglied, als notwendiges Übel zum Behuf des Geldmachens.' (Marx 1885: 61) Als er diese Zeilen schrieb, dauerte der 'Schwindel' nur so lange wie das Ende einer Boomphase des 'klassischen' zehnjährigen industriellen Zyklus. Kann aber dieser 'Schwindel' unter bestimmten hi-storischen Bedingungen nicht größere Ausmaße und zeitweise einen strukturellen Charakter annehmen? Warum sollte die folgende Hypothese nicht geprüft werden: Die Entstehung von politischen und sozialen Verhältnissen und machtvollen In-stitutionen, die für das konzentrierte finanzielle Anlagekapital günstig sind, hat zum Versuch geführt, den Schwindel' für eine längere Dauer als bis zum Ende einer Boomphase zur Existenzweise des Kapitals zu machen?
Schließt die Dominanz des Finanzkapitals die Akkumulation aus? Sind die beiden Begriffe unvereinbar? Ist die von Lenin (1917) entwickelte Theorie des Imperialismus nicht bereits eine Theorie, in der die Akkumulation dem von Hilferding (1910) analysierten Finanzkapital unterstellt ist und sich in einem globalisierten Rahmen vollzieht (1)? Bei aufmerksamer Lektüre von Marx und den wichtigsten TheoretikerInnen des Imperialismus wird klar, dass der Begriff Akkumulation min-destens drei verschiedene Mechanismen bezeichnet. Diese können sich überschneiden und daher in einander übergehen (wie es oft der Fall war), sie sind jedoch klar von einander zu unterscheiden, sowohl auf konzeptueller Ebene wie auch be-züglich ihrer sozialen Auswirkungen. Der Begriff der Akku-mulation meint gleichzeitig das Anwachsen von Mitteln und Produktionskapazitäten durch Investitionen und die Aus-weitung der kapitalistischen Eigentums- und Produkti-onsverhältnisse auf Länder oder Sektoren und soziale Akti-vitäten, die diesen Verhältnissen noch nicht unterworfen wa-ren. (2)
Akkumulation in diesem zweiten Sinn, d.h. die räumliche und/oder soziale Ausweitung der Warenbeziehungen und der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse, zeigt sich in Prozes-sen wie der Enteignung der Produzenten, die noch einen un-mittelbaren Bezug zu ihren Produktionsmitteln haben, Inte-gration (oder im Fall der bürokratisierten Staaten die Wie-derintegration) von Ländern in die Sphäre des Marktes oder die Eingliederung von nicht-warenförmigen Aktivitäten in die Sphäre der kapitalistischen Verwertung (beispielsweise Haus-arbeit oder Aktivitäten, die vom Staat als öffentliche Dienst-leistungen organisiert werden). In dieser Definition ist die Akkumulation von entscheidender Bedeutung, sowohl für das finanzdominierte Akkumulationsregime wie auch für die Formen von Globalisierung, die durch Liberalisierung, Dere-gulierung und Privatisierung ermöglich werden. Seit zwanzig Jahren ist die Tendenz zur 'Verwandlung der Welt in eine Ware' sehr viel stärker als die Ausweitung der Produktions-kapazitäten.
Eine dritte Dimension der Akkumulation kann ohne neue In-vestitionen, oder durch eine entmaterialisierte 'neue Investiti-onsformen' (3) geschehen: Aneignung, Abschöpfung und Zentralisierung von Teilen des in anderen sozialen Organi-sationsformen erzeugten Werts und Mehrwerts durch neue, finanziell, organisatorisch oder institutionell kräftigere Ak-kumulationszentren. Dabei kann es sich um die historisch gut erforschte bäuerliche Form handeln, die aus vor- oder frühka-pitalistischen Verhältnissen entstand. Heute geht es auch um den innerhalb der modernen Wirtschaftssphäre zu Lasten an-derer kapitalistischer Unternehmen abgeschöpften Wert, wie z.B. im Fall der Zuliefererbetriebe, die für Großkonzerne ar-beiten. Die Zentralisierung durch Unterwerfung und Aneig-nung ist eine Modalität der Akkumulation. Daher existiert Akkumulation auch ohne Investitionen im Sinn der Schaffung von neuen Kapazitäten. Akkumulation kann in gewissen Tei-len des Systems zu Lasten anderer Teile geschehen, und zwar über bestimmte Arten von Monopolen oder Monopsonen, kombiniert mit 'organisatorischer Innovation'. Dies sind Konfigurationen, die heute den Kern der finanzgetriebenen Akkumulation bilden.
Das Finanzkapital und der Aufstieg des zinstragenden Kapi-tals (der Gläubiger im Sinn von Orléan) zu einer vorherr-schenden Stellung im Unternehmenskapital als Ausgangs-punkt für die Analyse zu nehmen, bedeutet keineswegs, dass die theoretische Aussage über die grundlegende Rolle der Ab-schöpfung von Mehrwert und der Ausbeutung der Arbeiten-den im Akkumulationsprozess fallengelassen wird. Im Ge-genteil, denn das Verständnis der Bedeutung der 'corporate governance' ist (neben der internationalen Konkurrenz, in der die Lohnabhängen durch die Liberalisierung von Handel und Investitionen gebracht werden) ein wichtiges Element zur Analyse der neuen Konfigurationen der Abschöpfung des Mehrwerts durch Flexibilisierung und Prekarisierung der Ar-beit. Der Manager eines Pensionsfonds oder einer Invest-mentgesellschaft, der eine neue corporate governance durch-setzt, gehört zu einer neuen ökonomischen Kategorie: die Kategorie des Finanzkapitalisten oder des 'aktiven' Rentiers, der dafür sorgt, dass die Konzernführungen gemäß den Inter-essen des zu verwertenden Kapitals handeln. (4) Dieser Ansatz ist eng mit einer grundlegenden methodischen Entscheidung verbunden: Die Entscheidung, die Nutzung neuer Technologi-en nicht unter dem Aspekt eines neutralen 'technischen Fort-schritts' zu analysieren, der angeblich zu durchwegs positiv beurteilten Veränderungen führen würde, die an Hand des ab-strakten Faktors (oder Indikators) der 'Produktivitätswachs-tumsrate' gekennzeichnet werden. Im Unterschied zu einer solchen Haltung stützt sich der hier verfolgte Ansatz auf die Erhöhung der Ausbeutungsrate, welche die Befriedigung der Ansprüche des zinstragenden Kapitals in der Form von Zinsen und Dividenden vorübergehend ermöglicht. Diesbezüglich hat die neue governance der institutionellen Aktionäre sicherlich die Umsetzung eines neuen Lohnverhältnisses durch die Un-ternehmensleitungen beschleunigt. Dadurch wurden auch or-ganisatorische Veränderungen erleichtert, die unabdingbar sind für eine höhere Ausbeutungsrate.
Die Theorien der 'Autonomie der Finanzkapitals' und des 'fiktiven Kapitals'
Die Theorie der 'Autonomie des Finanzkapitals', das heißt des Finanzkapitals als 'selbständiger' Kraft gegenüber den anderen Akteuren des Wirtschaftsprozesses, also gegenüber der Gesellschaft als solcher, sollte zwischen MarxistInnen und AnhängerInnen der Regulationstheorie diskutiert werden. Vor dem Erscheinen von Pouvoir de la finance von André Orléan (1999) war die einzige Präsentation dieser Frage bei Marx zu finden. Im 2 und vor allem im 3. Band des Kapitals unter-suchte Marx an bisher wenig beachteten Stellen (5) die Art, wie sich das Finanzkapital nach einer Übergangsphase, in der sie dem produktiven industriellen Kapital und seinen Bedürfnis-sen vollkommen untergeordnet ist, wieder als 'selbständige' Kraft aufbaut. Dies geschieht wenn 'ein Teil des Bruttoprofits sich allgemein als Zins verknöchert und verselbständigt'. Ab diesem Zeitpunkt gilt: 'Ob der industrielle Kapitalist mit eig-nem oder geborgtem Kapital arbeitet, ändert nichts an dem Umstand, dass ihm die Klasse der Geldkapitalisten als eine besondre Sorte Kapitalisten, das Geldkapital als eine selbstän-dige Sorte des Kapitals und der Zins als die diesem spezifi-schen Kapital entsprechende selbständige Form des Mehr-werts gegenübersteht.
Qualitativ betrachtet ist der Zins Mehrwert, den das bloße Eigentum des Kapitals liefert, den das Kapital an sich abwirft, obgleich sein Eigentümer außerhalb des Reproduktionspro-zesses stehnbleibt, den also Kapital abgesondert von seinem Prozess abwirft.' (Hervorhebung im Original) (Marx 1894: 389f). (6)
Das 'vom Prozess abgesonderte Kapital' ist das Kapital, für das der Wertpapiermarkt die operationelle Grundlage bildet. André Orléan (1999) hat, nach Keynes, begonnen, eine zeit-genössische Theorie dieses Kapitals zu formulieren. Marx hatte Ansätze einer solchen Theorie in einer Phase der begin-nenden Akkumulation von Finanzkapital entworfen, in der die Geldkapitalisten ihre 'Selbständigkeit' erlangten. (7) Orléan setzt diese Arbeit in einer Zeit fort, in der sich dieser Prozess massiv verstärkt. Als Marx seine Überlegungen zu Papier brachte, waren die Sekundärmärkte einschließlich des Bör-senmarktes noch nicht sehr weit entwickelt, selbst in London nicht. Die Macht des Finanzsektors drückte sich vor allem in Form von Darlehen und Zinsen (deren Satz jedoch bereits un-abhängig von der Profitrate festgelegt wurde) aus. Heute liegt der Sitz dieser Macht hingegen hauptsächlich in den Sekun-därmärkten, insbesondere in den Aktienmärkten.
Die Autonomie des Finanzsektors ist gleichzeitig ein gewich-tiges institutionelles Konstrukt, das von sämtlichen materiel-len und symbolischen Kräften der zeitgenössischen kapitali-stischen Gesellschaft gestützt wird, (8) und ein Trugbild. Marx sagt dazu: 'In G - G' haben wir [...] die Verkehrung und Ver-sachlichung der Produktionsverhältnisse in der höchsten Po-tenz: [die] Fähigkeit des Geldes, resp. der Ware, ihren eignen Wert zu verwerten, unabhängig von der Reproduktion - die Kapitalmystifikation in der grellsten Form.' (Marx 1894: 405). Ungeachtet der Höhe der Mittel, die für die Erhaltung der Vorherrschaft der Finanzmärkte eingesetzt werden, kann diese Vorherrschaft die Zwänge und Widersprüche der 'rea-len', unmittelbaren Sphäre nicht transzendieren. Die Autono-mie ermöglicht dem finanziellen Anlagekapital oder der 'kon-zentrierten Ersparnis', sich gegenüber dem in der Produktion engagierten Kapital und also auch gegen die Arbeit zu be-haupten und eine Beteiligung an der Gewinnverteilung zu for-dern und durchzusetzen, die ausschließlich durch das Eigen-tum an Vermögen legitimiert ist und deren Empfänger die Be-dingungen selbst festlegen. Die unmittelbare Form dieses Vorgangs ist die Aneignung eines Teils des Profits und sein eigentlicher Ursprung eine höhere Mehrwertrate. Wenn man sich jedoch Wert und Mehrwert aneignen will, so müssen die-se vorgängig in genügender Menge produziert werden. Dies bedeutet, dass der Zyklus des Kapitals vollendet und die Produktion kommerzialisiert werden müssen. Hier liegt eine wichtige Einschränkung der Autonomie des Finanzsektors. Eine weitere Einschränkung der Autonomie hängt mit den fiktiven Dimensionen des konzentrierten Geldkapitals zu-sammen, das auf den Finanzmärkten verwertet wird. Der fik-tive Charakter der finanziellen Vermögenswerte zeigt sich an den Formulierungen der Wirtschaftsmagazine, die etwa lau-ten: 'Seit März 2000 sind bereits zweitausend Milliarden Dollar aus dem Vermögen der amerikanischen Haushalte ver-schwunden' (The Economist 2000a: 79). (9) Nur ein Vermögen, das ausschließlich virtuell auf Grund der spezifischen Institu-tion des Sekundärmarktes existierte, kann auf diese Weise 'verschwinden'. Marx ist der einzige 'großen Ökonom' (ei-ner der im Sinne von Schumpeter eine umfassende Interpreta-tion des Kapitalismus lieferte), in dessen Analyse diese Art von 'Kapital' berücksichtigt wurde. Marx identifiziert zu sei-ner Zeit drei Arten von fiktivem Kapital: Aktien, Staatsanlei-hen, aber auch der Kredit, insbesondere der von Suzanne de Brunhoff so benannte 'Bankkredit' (Brunhoff 1967). (10) Be-züglich der Aktien, die uns besonders interessieren, schreibt Marx: 'Die Eigentumstitel [
] geben nur Rechtsansprüche auf einen Teil des von demselben zu erwerbenden Mehrwerts. Aber diese Titel werden ebenfalls papierne Duplikate des wirklichen Kapitals, wie wenn der Ladungsschein einen Wert erhielte neben der Ladung und gleichzeitig mit ihr. Sie werden zu nominellen Repräsentanten nicht existierender Kapitale. [
] Aber als Duplikate, die selbst als Waren verhandelbar sind und daher selbst als Kapitalwerte zirkulieren, sind sie il-lusorisch, und ihr Wertbetrag kann fallen und steigen ganz unabhängig von der Wertbewegung des wirklichen Kapitals, auf das sie Titel sind.' (Marx 1894: 494, vgl. auch Kapitel 31).
Diese Vorstellung sollte vervollständigt werden. 'Vermögen' oder 'Kapital', das aus Wertpapieren besteht, ist weitgehend fiktiv. Es besteht aus Forderungen, d.h. aus Versprechen be-züglich zukünftiger produktiver Aktivität, die auf einem be-sonderen Markt gehandelt werden, der den 'Preis' dieser For-derungen nach spezifischen Mechanismen und Konventionen festlegt. Die Bildung eines 'Vermögens' oder 'Kapitals' die-ser Art kann auch - in unterschiedlichem Grad - mit der vor-gängigen Schaffung von fiktivem Kapital in Kreditform ver-bunden sein. Im Hinblick auf den Erwerb von Wertpapieren werden Darlehen gewährt und Schuldenketten gebildet. Fällt der formelle Wert dieser Titel in sich zusammen, so tritt der fiktive Charakter der Forderungen auf den Konten der Banken klar zutage. Das Wesen des fiktiven Kapitals macht seine Evaluation schwierig und fluktuierend. Eine Hilfe bieten Indi-katoren, die eine Vorstellung der Größenordnung der Finanz-märkte und der Finanzaktiva in der Wirtschaft liefern. Die Li-ste dieser Indikatoren ist lang und ihre Aussagekraft begrenzt. Diese Indikatoren (11) sind einerseits Ausdruck der besonderen wirtschaftlichen Macht über die produktive Aktivität, die aus dem Wertpapierbesitz der Finanzmärkte erfolgt, und ander-seits spiegeln sie eine einfache 'Blase', d.h. eine rein fiktive Kapitalakkumulation. Wenn Börsenkrachs oder finanzielle Zusammenbrüche größeren Ausmaßes eintreten, wird dieser fiktive Charakter offensichtlich. Die Auswirkungen dieser Wertzerstörung auf die reale Wirtschaft können katastrophal sein, insbesondere wenn sie die andere wichtige Form von fiktivem Kapital destabilisieren, nämlich die Forderungen aus älteren, mittel- und langfristigen Bankkrediten an Industrie und Immobilien. Dies ist in Japan nach dem Krach von 1990-91 und bis heute der Fall.
(1) Siehe meinen Beitrag über die Beziehungen zwischen der Theorie der Globalisierung des Kapitals und der Arbeit Lenins (Chesnais 1999). In diesem Text habe ich auch die Idee ver-treten, dass Herausbildung, Funktionsweise und Krise der ver-schiedenen Akkumulationsregime eine Hilfe bei der analyti-schen Gliederung des Stadiums des Imperialismus in Phasen oder Perioden darstellen. Auf Grund der Dauer dieses Stadi-ums sind die MarxistInnen gezwungen, das gemeinsame Element der aufeinander folgenden Phasen dieses Stadium zu analysieren, aber auch Unterschiede herauszuarbeiten.
(2) Die am besten verständliche Einführung in diese Dimension ist vielleicht in den letzten Kapiteln von Die Akkumulation des Kapitals von Rosa Luxemburg enthalten (Luxemburg 1913).
(3) Siehe dazu meine Darlegung dieses von C. Oman am OECD-Entwicklungszentrum popularisierten Begriffs (Chesnais 1997a: 99ff).
(4) Im 3. Band des Kapitals in den Kapiteln 21, 23 und 24 stellt Marx mehrmals den 'aktiven Kapitalisten' dem 'Geldkapitali-sten' gegenüber, der zu einem 'passiven Kapitalisten' wird (Marx 1894). Dies trifft auf die derzeitigen Manager von Pensi-onsfonds nicht zu, denn diese stellen eine Verbindung zwi-schen Finanzsektor und Industrie her, in der die alltägliche Präsenz der Financiers weit drückender ist als im Fall des nach Hilferding (1910) analysierten Bankkapitals.
(5) Diese Unkenntnis liegt an einer 'produktivistischen' Lesart des Kapitals, bei der die 'Entwicklung der Produktivkräfte' im Zentrum steht, welche mit der Akkumulation von 'realem' Ka-pital und der Expansion der Lohnarbeit in Verbindung gebracht wird und dem Kapitalismus als ewig währende Eigenschaft zugesprochen wird. Diese Sicht ist mit einer Vernachlässigung (oder gar Verneinung) der finanziellen Akkumulation verbun-den, die als parasitäre Erscheinung keinerlei 'Fortschrittsper-spektive' eröffnet. Diese Haltung führte die grosse Mehrheit der MarxistInnen dazu, die Stelle im 3. Band des Kapitals, an der die Theorie des 'Selbständigkeit der Finanz' dargelegt wird, praktisch außer Acht zu lassen. Diese Theorie wird dort in den zwei erwähnten Dimensionen erörtert; die eine Dimen-sion wird in vollendender Form dargelegt, die zweite in Form von Notizen zum Begriff des 'fiktiven Kapitals'.
(6) Meine Kritiker unter den Marxisten mache ich darauf auf-merksam, dass Marx das Wort 'selbständig' nicht einmal in Anführungszeichen setzte, wie wir es heute in der Regel tun.
(7) Die Herausbildung einer 'Finanzkapitals' im Sinne Hilfer-dings, das aus verschiedenen Fusionsmodalitäten zwischen dem industriellen Kapital und dem Geldkapital und insbeson-dere dem Kapital der Banken entsteht, bedeutet nicht, dass die Dualität des Kapitals, seine Gliederung in 'Kapitaleigen-tum, abgesehn vom Produktionsprozeß [
] und prozessie-rende[s], im Produktionsprozeß wirkende[s] Kapital' ausser acht gelassen werden darf (Marx 1894: 387).
(8) Diese Kräfte umfassen die Liquidität, die sich die institutio-nellen Investoren so lange wie möglich auf den Wertpapier-märkten erhalten wollen, da sie diese als ihre wichtigste ope-rationelle Basis anerkennen (vor allem Wall Street), aber auch die bedingungslose Unterstützung der Zentralbank der Verei-nigten Staaten, der Fed, wie auch, auf einer anderen Ebene, die Unterstützung des amerikanischen Staats und des Penta-gons. Siehe dazu die Arbeiten von Claude Serfati (u.a. in die-sem Band sowie 2001; 2003).
(9) Siehe dazu ein Artikel in Business Week, 26. März 2001, in dem von einem 'Akt des Verschwindens' (disappearing act) gesprochen wird.
(10) In diesem Werk ist eine Präsentation der Theorie des fiktiven Kapitals enthalten, deren Aktualisierung durch die Autorin wünschenswert wäre. Die Aktualität der Theorie des fiktiven Kapitals von Marx wird auch von Robert Guttmann (1994) an-erkannt.
(11) Dazu können verschiedene Beispiele genannt werden. Ein häufig benutzter Indikator ist der Nominalwert der Aktiven, über welche die institutionellen Investoren verfügen. Bei den amerikanischen Pensionsfonds ist dieser Wert von 2533 Milli-arden Dollar im Jahr 1990 auf 7162 Milliarden Dollar für das Jahr 1998 gestiegen. Bei den Mutual Funds erfolgte ein An-stieg von 1155 Milliarden Dollar im Jahr 1990 auf 5088 Milliar-den Dollar im Jahr 1998 (OECD 2001: tables S3 und S4). Die Höhe der Aktiven wird auf Grund ihres Marktpreises berechnet und ist daher nicht unabhängig vom Wachstum der Börsenka-pitalisierung. Im Fall des wichtigsten Marktes (NYSE - New York Stock Exchange) hat die Börsenkapitalisierung ein expo-nentielles, aber regelmässiges Wachstum erfahren. Die Bör-senkapitalisierung ist von 4,500 Milliarden Dollar im Jahr 1994 auf mehr als 12 000 Milliarden Anfang 2000 gestiegen. Hinge-gen war bei der NASDAQ ab Ende 1998, nach der verflogenen Angst vor den Auswirkungen der russischen Krise auf Wall Street und den Befürchtungen einer gravierenden Krise in Brasilien, ein zügelloses Ansteigen der Spekulation zu ver-zeichnen, das zu einer starken Zunahme der nominalen Kapi-talisierung führte. Diese betrug im Jahr 1994 1000 Milliarden Dollar, Ende 1998 2,500 Milliarden Dollar und Anfang 2000, vor Beginn des Niedergangs, mehr als 5 000 Milliarden. Das Volumen des täglichen Handels ist ein weiterer Indikator des angehäuften fiktiven Kapitals. An der NYSE entwickelte sich das Handelsvolumen von 250 Millionen Dollar im Jahr 1994 auf mehr als 1 Milliarde im Jahr 2000. Bei der NASDAQ ist ein Anstieg von ebenfalls 250 Millionen Dollar im Jahr 1994 auf 1,7 Milliarden im Jahr 2000 zu verzeichnen (The Economist 2000b).
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