Die Veranstalter dieser Tagung haben mir als Thema 'Menschenrechte und die 'Krise' des Sozialstaates' vorgegeben. Warum steht Krise in Anführungszeichen? Ich denke nicht, dass es sich um eine Krise handelt, die in Wirklichkeit nicht existiert. Es ist eine reale Krise. Eher sollte man Sozialstaat in Anführungszeichen setzen. Denn ein Staat, der den Armen nimmt und den Reichen gibt, kann, wie Eckart Spoo festgestellt hat, kein Sozialstaat sein.
Genau genommen handelt es sich auch weniger um eine Krise des Sozialstaates, sondern der Sozialversicherung. Deren Krise äußert sich darin, dass die Einnahmen der Sozialversicherungen stärker als zuvor hinter den Ausgaben zurückbleiben. Daraus entstehen Haushaltsdefizite. 1998 betrugen die Zuschüsse des Bundes, die die Löcher der Rentenversicherung ausgleichen, 45 Mrd. Euro (33 Mrd. im Westen und 12 Mrd. Euro im Osten), 2002 waren es schon 66 Mrd. Euro (49 Mrd. Euro im Westen und 17 Mrd. Euro im Osten). Die Zuschüsse für den Westen sind dreimal so hoch wie die für den Osten. Die Krise der Rentenversicherung ist also nicht in erster Linie durch die Wiedervereinigung entstanden. Das Problem liegt im Westen. (Monatsberichte Deutsche Bundesbank, 8/2003, 59*) Renten, Krankheitskosten usw. sind trotz der staatlichen Zuzahlungen aber im Wesentlichen keine staatliche Leistung. Es sind Versicherungsleistungen, die aus Lohnabzügen finanziert werden.
Von der Masse der Ökonomen werden die Ausgaben der Sozialversicherung fälschlicherweise zu den Staatsausgaben gerechnet und der Kampf zum Abbau der Sozialversicherung als Kampf zur Verringerung der Staatsquote. Es handelt sich aber im Wesentlichen direkt um Lohnsenkungen, deren Ausmaße politisch festgesetzt werden.
Die ständigen Pläne, die steuerfinanzierten staatlichen Zuschüsse zur Sozialversicherung bzw. die übrigen Sozialausgaben zu senken, vor allem die Sozialhilfe, spiegeln auch nicht in erster Linie eine Krise des Sozialstaates wieder, d.h. der Sozialausgaben, sondern die Krise der Staatsfinanzen insgesamt. Auch diese Krise äußert sich darin, dass die Staatseinnahmen stärker als zuvor hinter den Staatsausgaben zurückbleiben. 1998 war das Gesamtdefizit der Gebietskörperschaften noch 28 Mrd. Euro.. Im Aufschwungjahr 2000 gab es seit langem wieder mal einen Überschuß. Aber im Krisenjahr 2002 beliefen sich die Haushaltslöcher auf 60 Mrd. Euro. Die sprunghaft gestiegenen Haushaltsdefizite von Staat und Sozialversicherung erzwingen Lösungen. Die vorherrschende Lösung ist der Sozialabbau. Es ist aber eine Scheinlösung, weil die der Krise zugrundeliegenden Ursachen weiterbestehen und sich verstärken. Damit kommen wir zu der Frage, wie die Haushaltsdefizite von Sozialversicherungen und Staat entstehen. Zunächst scheinen sie ausschließlich ein Ergebnis der Wirtschaftskrise zu sein.
Wachsende Arbeitslosigkeit mit den entsprechenden Einnahmeausfällen an Beiträgen und Steuern, Druck auf die Löhne mit denselben Folgen, sinkende Gewinne und Umsätze mit den entsprechenden Mindereinnahmen an Steuern usw. sind Erscheinungsformen der Krise.
Was aber sind die Triebfedern der Wirtschaftskrise? Schon der Begriff selbst sagt, dass es sich um die Krise der gesamten Wirtschaft handelt, nicht nur um die Krise eines Teils der staatlichen Haushalte. Produktivität unter der Regie des Kapitals führt