Sand im Getriebe (SiG) #31
internationaler deutschsprachiger Rundbrief der ATTAC-Bewegung

Gegen die Reduktion auf die Verteilungsfrage
Alternativen zur 'Agenda 2010'
Lokalisieren statt Globalisieren
Sozialabbau dient dem Lohnabbau
Zu den Ursachen der gegenwärtigen Krise der Staatsfinanzen und der Sozialversicherung
Sich selbst eine Arbeit geben
Ausweitung der Aktivitäten auf breitere Bevölkerungsschichten
Literaturtipp: Europa, lieber sozial als neoliberal

Lokalisieren statt Globalisieren
von Maria Mies



Ein anderes Ziel von Wirtschaft
Lokalisieren basiert auf anderen Prinzipien
Andere Prioritäten
Andere Arbeitsteilungen und Beziehungen



Ein anderes Ziel von Wirtschaft
Der Ansatz „Lokalisieren statt Globalisieren' bedeutet nicht einfach eine geographische Verengung der Wirtschaftsräume. Er impliziert eine andere Perspektive, ein anderes Modell von Wirtschaft und Gesellschaft als das herrschende kapitalistisch-patriarchalische Modell. Ich nenne dieses Modell die Eisbergwirtschaft. Korten/Shiva und Perlas nennen sie die Selbstmordökonomie.

Diese neue Ökonomie muss zunächst von einem anderen Begriff von 'Gutem Leben' ausgehen. Erkenntnisse im Ökologiebereich haben uns gezeigt, dass das herrschende Modell von „gutem Leben' nicht nur nicht für alle Menschen auf diesem Globus zu realisieren ist, sondern auch, dass es nicht einmal die befriedigt hat, die bisher seine Nutzniesser waren/sind. Eine neue Perspektive, - ich nenne sie die Subsistenzperspektive - hingegen kann uns von der selbstmörderischen Wachstumslogik des Industriesystems befreien.

Ein gemeinsamer Nenner der ansonsten heterogenen internationalen Protestbewegung gegen die Globalisierung ist, die Kontrolle über die unmittelbaren Lebensbedingungen wieder in die Hand zu bekommen. Essen, Kleidung, Wasser, Transport, Wissen, Gesundheit usw. sollen weder von fernen Chef-Etagen multinationaler Konzerne aus bestimmt werden noch von globalen Bürokratien wie der WTO.

Dieses Ziel kann m.E. nur durch eine Strategie der Lokalisierung erreicht werden. Der Versuch, von oben her eine neue Weltwirtschaft mit humanem Gesicht zu entwerfen ist ein Widerspruch in sich und wird unweigerlich in einem neuen Totalitarismus enden.

Wenn wir fragen, wie denn die Mehrzahl der Menschen auf der Erde, die nicht zu der Arbeiteraristokratie, den „freien' Lohnabhängigen an der Spitze der Eisbergökonomirgehören, überhaupt überleben, dann stellen wir fest, dass dies auch heute nur durch die Einbindung in lokale Ökonomien möglich ist, sei es auf dem Land oder in den Städten. Der globale Kapitalismus ist zwar in der Lage, den Planeten und alle Menschen auszubeuten. Er ist aber nicht in der Lage, ihr Leben zu garantieren.

Lokalisieren basiert auf anderen Prinzipien
Lokalisieren bedeutet eine Absage an kapitalistische und patriarchale Grundprinzipien und das Inkraftsetzen neuer Subsistenzprinzipien z.B.

  • Statt permanentem, expansivem Wirtschaftswachstum - Aufbau von die Grenzen respektierenden Wirtschaftsräumen
    Diese „Grenzen' sind nicht nur ökologischer, sondern auch ökonomischer und sozialer Natur. Auch unsere Bedürfnisse sind begrenzt. Die kapitalistische Wirtschaft bindet die Befriedigung fast aller unserer Bedürfnisse an die Produktion und den Konsum von Waren. Dies bedeutet, dass ich nicht Wasser trinke, wenn ich durstig bin, sondern Cocacola oder Bier. Was unbegrenzt ist, ist die Herstellung und der Verkauf solcher Waren. (vgl.Mies 1988). Das Resultat: Wir bleiben immer unbefriedigt.

  • Statt individuellem Egoismus als wichtigster Triebkraft der Ökonomie - Gegenseitigkeit, Gemeinwohlorientierung, Solidarität
    Globale Institutionen wie WTO und GATS werden auch die Reste der Sozialstaats- und Gemeinwohlorientierung hinwegfegen.

  • Statt universaler Konkurrenz - Kooperation
    Das neoliberale Konkurrenz-Dogma ist zur beherrschenden Doktrin allen Wirtschaftens geworden. Es strukturiert nicht nur die Wirtschaft sondern auch das Verhalten der Einzelnen, ihre Zeitökonomie, ihre Zukunftsplanung, ihre Beziehungen zu anderen. Ein auf diesem Prinzip basierendes Gemeinwesen, kann im Endeffekt seine Überlegenheit nur durch Kriege demonstrieren.

  • Statt Trennung von Ökonomie und Moral - Wieder-Einführung einer neuen „Moral Economy'
    Die kapitalistische Trennung von Moral und Ökonomie machte spezielle Institutionen notwendig, z.B. die Religion, Staat, Familie, die dann in der a-moralischen „rationalen' Wirtschaft noch bestimmte sittliche Werte hochhalten sollten, ohne die das gesellschaftliche Zusammenleben im Krieg aller gegen alle enden würde. Eine neue „Moral Economy' ist nicht moralistisch. Sie bedeutet vielmehr die Wiedereinbettung der Ökonomie in die Gesellschaft. (Polyani 1957) Eine „Moral Economy' basiert auf der Erkenntnis der notwendigen Grundlagen für das Überleben eines Gemeinswesens. (Mies 1994)

  • Statt Unterordnung der Produktion unter der Handel (für den Export) - Unterordnung des Handels unter die Produktion für lokale, regionale Bedürfnisse
    Lokale Resourcen, lokales Know-How, lokale Arbeitskraft werden, wo immer möglich, für die lokale Bedürfnisbefriedigung eingesetzt, d.h. für alle Menschen und anderen Wesen in einer bestimmten Region. Erst was über die lokalen bedürfnissse hinaus produziert wird, wird exportiert. So kann verhindert werden, dass Kleinbauern und Kleinproduzenten verhungern, während sie Luxusprodukte (Blumen, Shrimps, Sportkleidung) für die Superreichen in den superreichen Ländern herstellen.

  • Lokale Produktion und Konsum führen zu einer Schrumpfung des Fernhandels
    Lokale Firmen werden lokal kontrolliert. Investitionen und Kapital bleiben in der Region und schaffen dort neue Arbeitsplätze.
    Die meisten politischen und ökonomischen Entscheidungen werden lokal getroffen. Darum muss auch die Macht bei den lokalen Akteuren und den von diesen Entscheidungen Betroffenen liegen und nicht bei globalen Organisationen.

  • Lokalisieren basiert auf dem Subsidiarititätsprinzip.

    • Wenn bestimmte Produkte nicht in der eigenen Region hergestellt werden, kann die nächst höhere Einheit (Provinz, Staat, Eu) sie beschaffen. Das gleiche gilt für politische Entscheidungen.

    • Lokalisieren bedeutet nicht Autarkie noch Provinzialismus, sondern „Self-Reliance' (Selbständigkeit).
      Ein echter Internationalismus ist erst auf der Grundlage von Gemeinwesen möglich, die selbständig über ihre Ökonomie und Gesellschaft entscheiden.

  • Direkte Demokratie, die nicht nur die Menschen, sondern alle Lebewesen umfasst (Lebensdemokratie, Shiva 2001)
    Die bisher genannten Prinzipien lassen sich nur in kleineren Wirtschaftsräumen durchsetzen und überprüfen. Vor allem ist es in solchen lokalen Ökonomien möglich, dass ProduzentInnen und KonsumentInnen direkt feststellen können, ob die Produktion, der Handel, der Transport usw. gerecht sind, welche Konsequenzen sie für die Umwelt haben, ob die ökologische Vielfalt erhalten oder zerstört wird, wie die Arbeitsverhältnisse gestaltet sind, ob die Löhne und die Preise in einem gerechten Verhältnis zu einnander stehen, wie das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ist.

Demokratische Grund-Prinzipien wie: Selbstorganisation, Selbstverwaltung, Selbstbestimmung, Self-Reliance sind nur in lokalen Ökonomien durchzusetzen und aufrechtzuerhalten. Vor allem bleiben demokratische Prinzipien dort nicht auf die politische Sphäre begrenzt, auf Stellvertreterpolitik. Sie können endlich auch in der Ökonomie durchgesetzt werden. Dies ist m.E. dann auch die beste Methode, ein Zurückfallen solcher lokaler Wirtschaften in vormoderne, feudal-patriarchale Verhältnisse zu verhindern.

In einer globalisierten, kapitalistischen Ökonomie jedoch wird selbst die repräsentative Demokratie zu einer Farce. Feudale und patriarchale Verhältnisse, ja sogar Sklavenarbeit werden wieder eingeführt, weil es nur mehr einen Wert in der Gesellschaft gibt: Profit um jeden Preis.

Andere Prioritäten
Eine solche Umstrukturierung der Wirtschaft verlangt auch andere Prioritäten, z.B.
  1. Landwirtschaft vor Industrie: Da die Nahrung immer noch aus der Erde kommt und lokal und regional erzeugt werden soll, kann Landwirtschaft nicht dem Industrie-Modell heutiger Prägung folgen. Dieses ist auf die Bedienung des Weltmarktes ausgerichtet. Die Kleinbauern müssen gestärkt werden. Sehr viel mehr Menschen als heute können Arbeit in der Landwirtschaft finden.

  2. Produzenten-Konsumenten-Vereinigungen können Kleinproduzenten ein regelmässiges Einkommen und den Konsumenten gesunde Nahrung und andere Produkte sichern. Sie können vor allem wieder so etwas wie Verantwortung für die Erde bei beiden - Produzenten und Verbrauchern - herstellen.

  3. Abschaffung von Agrarsubventionen, die das Agrobusiness ermutigen und die Kleinbauern liquidieren, die für lokale Märkte produzieren. Förderung der Umstellung auf ökologischen Landbau. Förderung der Forschung über alte, nachhaltige Anbaumehoden, sowohl in Ländern des Südens wie des Nordens.


Andere Arbeitsteilungen und Beziehungen
Vor allem ist ein anderer Begriff und eine andere Bewertung von Arbeit notwendig, eine Bewertung, die nicht vom Geldeinkommen abhängig ist. Eine solche neue Bewertung von Arbeit wird sich in der Wirtschaft aber nicht durchsetzen, wenn wir an den alten kolonialen und hierarchischen Arbeitsteilungen und Beziehungen festhalten. Dies sind vor allem:
  • die Arbeitsteilung und Beziehung zwischen Männern und Frauen,
  • die Arbeitsteilung zwischen Kopf- und Handarbeitern,
  • die Arbeitsteilung zwischen Landwirtschaft und Industrie

Die alten Subsistenzgesellschaften waren nach patriarchalischen und feudalen Prinzipien organisiert. Diese wurden durch Ideologien wie patriarchale Religionen aufrechterhalten.

Wenn wir von lokaler Ökonomie reden, haben manche die Befürchtung, dass dies die Rückkehr zu solch vormodernen Herrschaftformen bedeuten könnte.

Das beste Gegenmittel gegen solche Befürchtungen ist ein bewusster Kampf von Männern und Frauen gegen patriarchale Verhältnisse. Dieser kann beginnen mit einer Umstrukturierung der hierarchischen, geschlechtlichen Arbeitsteilung.

In einer neuen Ökonomie müssten nicht nur die Frauen die Arbeit machen, die Männer machen, sondern auch die Männer müssten die gesellschaftlich notwendige, unbezahlte Haus- und Subsistenzarbeit, im Haus, in der Umwelt und in der Gemeinschaft machen.
Erst wenn die Häfte der Menscheit diese Arbeit nicht mehr als Last, unwürdig und minderwertig ansieht, wird sich etwas an dem Geschlechterverhältnis ändern.

Eine Aufhebung der bisherigen Beziehung zwischen Landwirtschaft und Industrie würde nicht nur die Landwirtschaft im obigen Sinne verändern, sondern auch die Industrie, und das heisst auch Wissenschaft und Technologie.
Genau so wie die landwirtschaftliche Produktion müsste sich auch die Industrieproduktion und die Technologie an den lokalen Bedürfnissen und der lokalen Ökologie ausrichten, und nicht mehr an den höchsten Gewinnaussichten auf dem globalen Markt. Dies würde sofort das Forschungsinteresse auf andere Probleme richten.

Die Aufhebung der kolonialen, hierarchischen Arbeitsteilungen bedeutet keinesfall ein Ende von Arbeitsteilung und Spezialisierung insgesamt. Im Gegenteil, wenn diese Arbeitsteilungen befreit sind von der Waren und Akkumulationslogik, können alle Beteiligten erst ihre Talente voll entfalten.
Dies ist auch das beste Mittel zur Erhaltung der Vielfalt und zur Verhinderung jeglicher Art von Monokultur, sowohl der biologischen wie der kulturellen.

Eine Umstrukturierung der lokalen Ökonomien im Norden wie im Süden im Sinne einer antikapitalistischen-antipatriarchalen Subsistenzperspektive müsste notwendigerweise zu einer Veränderung der globalen Strukturen führen. Mehr-oder-weniger auf Self Reliance ausgerichtete Ökoregionen, in denen der Import aus anderen ähnlichen Regionen nur eine ergänzende Funktion hat, nicht aber die Grundversorgung sichert, werden zu einer Schrumpfung des Welthandels führen, sie werden die Resourcenverschwendung, den Transport, den Verpackungsmüll, den Einsatz von Chemie in Landwirtschaft und Industrie drastisch reduzieren. Monokulturen aller Art werden sich nicht mehr lohnen. Genau so wenig wie eine blosse Exportorientierung einer Wirtschaft. Deutschland z.B. wird aufhören müssen, sich bloss als „Industriestandort' zu verstehen. Was vom Welthandel dann noch übrig bleibt, muss nach den Prinzipien des fairen Handels organisiert sein. Das bedeutet, dass es sogenannte Billiglohnländer nicht mehr geben wird.