Sand im Getriebe (SiG) #31
internationaler deutschsprachiger Rundbrief der ATTAC-Bewegung

Wie das 'irgendwie Zurechtkommen' Afrika tötet
Geheuert, gefeuert - Weltmarktarbeiterinnen im Rennen nach unten
Armut aus der Sicht der lateinamerikanischen Frau
Die modernen Kaffeesatzleser
USA: 4 Jobs, 3 Kinder, keine Wohnung
Sozialabbau im europäischen Vergleich

Armut aus der Sicht der lateinamerikanischen Frau
von Jorge Coarasa




Im allgemeinen ergeben sich aus den geltenden Erwartungen und Normen, bezüglich der Geschlechterrollen einer Gesellschaft, ein begrenzter Zugang der Frauen zu wirtschaftlichen Ressourcen und weniger Entscheidungsbefugnisse. Das führt zu einem Ungleichgewicht in den Beziehungen der Geschlechter zugunsten der Männer.
Nach einem Bericht des UNO Bevölkerungsfonds mit dem Titel 'Status der Weltbevölkerung 2002' leben weltweit mehr Frauen in Armut als Männer. Dieses Ungleichgewicht hat sich im letzten Jahrzehnt noch verstärkt. Außerdem weitet sich das geschlechtsspezifische Ungleichgewicht im Bereich Gesundheit und Bildung unter den Armen aus.

In Lateinamerika ist die Situation nicht viel anders, obwohl es einige Besonderheiten gibt, die man näher betrachten sollte. Am 25. August diesen Jahres hat die Wirtschaftskommission der UNO für Lateinamerika und die Karibik ihren Jahresbericht über die soziale Situation der Region herausgegeben. Ein Kapitel dieser Ausgabe ist dem Zusammenhang zwischen Armut und Gender gewidmet. Die wesentliche Enthüllung dieser Studie:
Die lateinamerikanischen Frauen haben im Gegensatz zum Rest der Entwicklungsländer ein höheres Bildungsniveau als die Männer, sie sind jedoch, wie auf dem Rest der Welt ärmer als Männer.

In dieser Studie wurde hervorgehoben, dass die Lateinamerikanerinnen Bildungsstandards erreicht haben, die höher sind als die der Männer und die berufstätigen Frauen haben im Durchschnitt mehr Ausbildungszeiten aufzuweisen. Aber sie leiden viel stärker an Arbeitslosigkeit, haben niedrigere Löhne und sind von unflexiblen Arbeitszeiten härter betroffen als Männer. In den 90er Jahren stieg die Beschäftigungsrate bei den Frauen stärker als bei den Männern. Aber während die Arbeitslosigkeitsrate bei den Männern um 2,9 Prozentpunkte zwischen 1990 und 1999 stieg, erhöhte sich die der Frauen um 6,1%. Daher gibt es mehr Armut bei den Frauen als bei den Männern. Und Frauen als Haushaltsvorstände haben weniger monetäres Einkommen als Männer, sowohl in armen Haushalten als in Haushalten mit höherem Einkommen.
Hinzu kommt, dass Haushalte von Alleinerziehenden vor allem von Frauen geführt werden. Sie sehen sich mit anderen Nachteilen, die zusammenhängen mit der fehlenden Anerkennung der unbezahlten Hausarbeit, die sozial nicht anerkannt ist, konfrontiert.

In den Haushalten, in denen die Frauen eigene Einkommen haben, stellt ihr Beitrag die Basis zum Familieneinkommen dar, und daraus ergibt sich, nach diesen Analysen, dass die Armut um 10% in 8 Ländern der Region ansteigen würde, wenn es den finanziellen Beitrag der Frauen nicht gäbe. Diese Tatsache steht im Kontrast dazu, dass der Prozentsatz der Frauen, die kein eigenes Einkommen haben, in den städtischen Gebieten um das Doppelte und in den ländlichen Gebieten um das Dreifache höher als der Prozentsatz der Männer in vergleichbaren Situationen ist.

Darüber hinaus hebt der Bericht hervor, dass sich in den meisten lateinamerikanischen Ländern eine „langsame und ungleichmäßige Entwicklung der Frauenpartizipation sowohl bei gewählten Ämtern als auch bei entscheidungstreffende Stellen der Politik abzeichnet Dies zeigt, dass die Regierungen Aktionen unternehmen müssen, die den Frauen die Ausübung ihrer Rechte garantieren, die ihnen Zugang zu produktiven Ressourcen bieten und jede Form der Diskriminierung in der Arbeitswelt und in der Politik auszuschalten, als unumgängliche Bedingungen um die Armut zu überwinden. Andererseits muss eine Politik gegen die Armut die Harmonisierung der Hausarbeit mit der Arbeitswelt von Männern und Frauen fördern, von der Kinderbetreuung bis zu Erziehungszeiten welche die männliche Beteiligung am Familienleben begünstigen.

Leider gibt es wenig regionale Programme die diesen Gesichtspunkt für ihre Projekte fokussieren. Beispielsweise weist der hochtrabende Plan Panama - konzipiert als 'Angelpunkt der Entwicklung des Süd-Südostens Mexikos und der Länder des Zentralamerikanischen Isthmus' kein Element für das Gendergleichgewicht vor und, um diesen zu formulieren, wurde auch keine Annäherung zu Frauenorganisationen gesucht. Es bleibt noch zu bemerken, dass die von den Ländern designierten Mitglieder der Exekutivkommission dieses Planes alle Männer sind.


Jorge Coarasa ist mexikanischer Wirtschaftswissenschaftler
Agentur für solidarische Information
email: jorgecoarasa at hotmail.com


Übersetzung:
Kisten Heininger, Helga Heidrich - coorditrad, dem ehrenamtlichen ÜbersetzerInnen-Netzwerk von Attac