| | Wie das 'irgendwie Zurechtkommen' Afrika tötet von Isabelle Likouka
Hier versucht jeder irgendwie zurechtzukommen. 'Zurechtkommen' ist ein Synonym geworden für 'überleben', 'sein tägliches Brot finden' - ohne die Butter zum Bestreichen natürlich. 'Ich komme zurecht' bedeutet 'es geht mir elend, ich leide...aber ich lebe noch', ich habe dieses Glück noch, im Gegensatz zu den Anderen, zu all denen, die nicht mehr zurechtkommen', zu den endgültigen Opfern. Wenn ein junger Berufloser einem antwortet 'ich komme zurecht', dann wird er garantiert nicht so bald eine Frau haben und eine Familie gründen (Kinder hat er aber -leider - vielleicht schon). 'Zurechtkommen', bedeutet hier zu 90% einen Mini-Laden vor dem Haus zu haben, wo man versucht, einzelne Pimentschoten, Kerzen, Streichhölzer, Seife, Bonbons oder Zigaretten an den Nachbarn zu verkaufen, der seinerseits auch etwas verkauft und oft auch noch die gleichen Waren! In unserer 'Piste' (ungeteerte Straßen der Viertel) hat sich die Zahl der kleinen (meistens nur aus Tisch und Bank bestehenden) Verkaufsstände in den letzten vier Jahren mindestens verachtfacht : jedes Mal wenn im Zuge der vom IWF empfohlenen Anpassungspolitik eine Beamtenstelle, gestrichen wird, kommt ein Neuer hinzu... Die 'Unternehmen' haben nicht unbedingt einen festen Sitz: der Schuhputzer, der morgens ab fünf durch die Straßen zieht und, um seine Anwesenheit kundzutun, mit seiner Schuhbürste auf eine kleine Holzkiste klopft (oder auf ein Brettchen, wenn er sich die kleine, halb zerbrochene Holzkiste noch nicht leisten konnte), der zu den Kunden kommt und für 50 Centimes(!) drei Paar Schuhe putzt, dieser Schuhputzer 'kommt zurecht'; der Flickschneider, der unter Scherengeklapper mit seiner Mini-Nähmaschine auf der Schulter (die 'Mini'maschine wiegt allerdings aber 8 Kilo!) 10 Kilometer pro Tag zurücklegt und auf ein Zeichen aus einer der 'concessions' (Gemeinschaftsunterkünfte) wartet, das ihn auffordert ein zerrissenes T-Shirt zu flicken, auch der 'kommt zurecht'; die junge Frau, die ihren Kopf als Lasttransportmittel für Stoffkartons auf dem Markt anbietet und für eine 4 Kilometer lange Strecke durch eine unbeschreibliche Menschenmenge 15 CFA-Centimes bekommt 'kommt zurecht'; die Mutter, deren Kind Schleim spuckt und der hundert CFA-Francs (etwa ein französischer Franc, bzw. knapp 0,15 Euro) fehlen, um den 'einheimischen Kräutertee' (traditionelle Heilkräuter) zu bezahlen und die ihrer Nachbarin anbietet, für sie auf dem Markt Luftballons mit einer 'Gewinnspanne' von fünf Centimes pro Tag zu verkaufen, 'kommt auch zurecht' . Dass nun manche dann durch weniger ehrliche Art und Weise 'zurechtkommen' oder dem Weißen, in dessen Villa vier Geländewagen passen und dessen Telefonrechnung 200.000 CFA beträgt, eine haarsträubende Geschichte von Diebstahl, von Soldaten, welche die Familie bedrohen, oder einen Todesfall im Dorf aufschwatzen - sollte man ihnen verübeln, dass sie eine weniger erschöpfende und etwas einträglichere Art des 'Zurechtkommens' gefunden haben? Ja aber, alle 'kommen zurecht' ... und hier liegt das eigentliche Problem: die Afrikaner 'kommen so gut zurecht', dass ihre Staaten ihre Hände in Unschuld waschen können; sie 'kommen so still zurecht', dass der IWF seine Anpassungspolitik weiter betreiben kann und ... alle überleben ... oder überleben nicht. Denn die Malaria lauert allen auf, vom Kind bis zum Greis und verschlingt im Durchschnitt 40% des monatlichen Einkommens. Und je anstrengender das 'Zurechtkommen' ist, desto häufiger tritt die Malaria auf. Aber jeder dieser Erschöpften glaubt, selber Schuld daran zu sein und denkt kaum daran, den IWF oder die westliche Welt anzuklagen, nur manchmal den Staat, aber dann möchte er eigentlich nur betonen, dass die Regierenden es nicht so schwer wie er selber haben; ihm ist nicht bewusst, dass jene sich in Wirklichkeit auf die 'Zurechtkommenden' setzen, dass sie ihnen mit ihrem immer größer werdenden Heißhunger nach Reichtum (Kapitalismus verpflichtet!) die Haare vom Kopf fressen. Und diese unermesslichen Einkünfte werden in die Berechnung des Bruttosozialprodukts mit einbezogen, an dem man den durchschnittlichen 'Reichtum' aller abliest! Aber es kommt noch schlimmer: der einziger Reichtum Afrikas, der vielleicht von den Vorfahren vererbt wurde, oder vielleicht auch aus der vierhundertjährigen schmerzvollen Geschichte entstanden ist, - ist heutzutage die Solidarität. Und genau dagegen will die Weltbank jetzt etwas unternehmen. Es gab einmal, in Togo, ein schönes Beispiel für Solidarität, stärker als alle staatlichen Plünderungen: die EDIL Schulen (écoles dInitiatives Locales, lange Zeit auch illegal genannt). Der Staat sorgte nicht mehr für ordentliche Schulausbildung (Könnte es sein, dass mangelnde Schulbildung und die daraus resultierende Unwissenheit manchem dazu verhelfen, an der Macht zu bleiben?). Also hatten die Bauern in den Dörfern Geld zusammengelegt, um ihre eigenen Schulen zu gründen. Die Bauern haben diese Schulen zehn Jahre lang am Leben erhalten und dann hat sich die Weltbank plötzlich dafür interessiert und den Staat aufgefordert, sie in das Bildungswesen einzugliedern. Weil der Staat natürlich nicht im Stande war, den Lohn der neuen Lehrkräfte auszuzahlen - die alten bezogen ja schon nicht mehr ihr Gehalt - erbot sich die Weltbank großzügigerweise (!) diese Lehrer zu bezahlen und zwar dreimal so viel, wie sie von den Dörflern bezahlt worden waren (von 6.5 Euro auf 18.30 Euro!) und sie so den anderen Lehrern gleichzustellen, ... das aber nur zwei Jahre lang!!! Wie sollte man dann zwei Jahre später, wenn dieser Geldfluss versiegen würde, die Bauern wieder dazu bringen, für die Schulen aufzukommen? Wie sie davon überzeugen, dass die Lehrer nicht lügen und dass sie wirklich nicht mehr bezahlt werden? Der Streich ist vollführt, schon ist die Solidarität zerstört. So einfach ist das. Letztendlich hat der Geldfluss ... zwei Monate gedauert: ob der Rest wohl von den einheimischen Machthabern unterschlagen worden ist? Sollte das der Fall sein, so war es paradoxerweise vielleicht sogar nützlich? Auf jeden Fall mussten wir, der Verein, der manche dieser Schulen unterstützte, einen Brief an die Eltern schreiben, in dem wir für die Aufrichtigkeit der Aussagen der Lehrer einstanden!
So tötet das 'Zurechtkommen' Afrika. Wenn wenigstens die Solidarität überleben könnte! ... aber da sie ja der Erzfeind des Kapitalismus ist...
Isabelle LIKOUKA, Gründungsmitglied von Attac-Togo und Mitglied der Neuen Alternativen für die Entwicklung (Attac-Cadtm) in Kinshasa, RDCongo email: likouka at tiscali.fr oder attactogo at yahoo.fr Aus: Grain de Sable n° 456, 18 février 2004
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