| | Die Eigentumsfrage ernst nehmen! Die Aktualität von Enteignung und Aneignung von Christian Zeller
Teil 1/2: Vielschichtige Enteignungsprozesse Der Wahn der Bourgeoisie, dass Geld Geld zeugt Privatisierung als enteignende Akkumulation Zwei Arten von Privateigentum Patente als Privatisierung kollektiven Wissens
Krieg ist zweifellos die brutalste Form, um Enteignungsprozesse durchzusetzen. Und es ist denkbar, dass die anhaltende Besetzung des Irak den Durchbruch zu einer neuen Phase imperialistischer Herrschaft und neokolonialer Unterwerfungsbestrebungen darstellt. Die Privatisierung und Aneignung öffentlicher Dienste durch transnationale Konzerne, die Auseinandersetzungen über intellektuelle Eigentumsrechte und natürliche Ressourcen sowie vor allem die US-Strategie des 'Krieges ohne Grenzen' und des Präventivkrieges und die kriegerische Aneignung der irakischen Ressourcen durch die USA werfen grundsätzliche Fragen über das Funktionieren des Kapitalismus. Insbesondere stellt sich die Frage, inwiefern als Antwort auf und Ergänzung zur krisengeschüttelten erweiterten Reproduktion Akkumulationsprozesse durch Enteignung die aktuelle Phase des Kapitalismus kennzeichnen.
Vielschichtige Enteignungsprozesse Die Frage nach der Enteignung ist nicht neu. Karl Marx verwendete einen Großteil seiner Anstrengungen, um die vielschichtigen Enteignungsprozesse zu analysieren. Allerdings widmete er sich vor allem den Prozessen der erweiterten Reproduktion und der Ausbeutung der Lohnarbeit. Er ging davon aus, dass die räuberischen Prozesse, die er bei der ursprünglichen Akkumulation identifizierte, mit der vollen Entfaltung des Kapitalismus in den Hintergrund getreten seien. Die Lohnarbeit stellt letztlich die zentrale Form der Expropriation dar. Die Kapitaleigentümer eignen sich die unbezahlte Mehrarbeit der Lohnabhängigen an. Aus der Differenz zwischen dem gesamten von den Lohnabhängigen produzierten neuen Wert und den zu ihrer Reproduktion verausgabten Kosten ergibt sich der Mehrwert. Die Reproduktion umfasst je nach Entwicklung des Kapitalismus und der politischen Kräfteverhältnisse weit mehr als nur die physische Reproduktion. Die Abschöpfung von Mehrwert und die Ausbeutung der Arbeitenden sind nach wie vor zentral im Akkumulationsprozess und wurden mit wachsender Arbeitsproduktivität gesteigert. Im Zuge der Debatten über den Imperialismus wird wieder verstärkt die Frage aufgeworfen, ob die Enteignungsprozesse, die Marx bei der ursprünglichen Akkumulation und beim Entstehungsprozess des Kapitalismus verortete, andauern und schlechthin ein zentrales Kennzeichen des zeitgenössischen Kapitalismus sind. Um diese Frage zu klären, ist eine begriffliche Differenzierung vorzunehmen. Neben der erweiterten Reproduktion des Kapitals, die mit dem Anwachsen der Produktionskapazitäten einhergeht, lassen sich fünf weitere Akkumulationsmechanismen unterscheiden, die auf Enteignungsprozessen, Gewaltverhältnissen und neuen Formen von Eigentumsrechten beruhen. Diese können sich überschneiden und daher in einander übergehen. Dennoch sind sie von einander zu unterscheiden, sowohl auf konzeptueller Ebene wie auch bezüglich ihrer sozialen Auswirkungen:
- Formen der klassischen ursprüngliche Akkumulation;
- moderne Formen der Erweiterung der kapitalistischen Eigentums- und Produktionsverhältnisse;
- Prozesse wie Fälschungen und Raub;
- Akkumulation durch Aneignung, Abschöpfung und Zentralisierung von Teilen des in anderen sozialen Organisationsformen erzeugten Werts und Mehrwerts;
- Patentierungen und Ausweitungen intellektueller Eigentumsrechte.
Für die Entstehung des Kapitalismus waren gemäß Marx Analyse der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals zahlreiche Enteignungsprozesse maßgebend (Marx 1867: Kapitel 24). Dazu gehörten: die Umwandlung von Land in eine Ware und dessen Privatisierung, verbunden mit der Vertreibung der Landbevölkerung; die Umwandlung kollektiver Eigentumsrechte in private Eigentumstitel; im Rahmen der Einhegungen ('inclosures') wurden die Rechte auf Gemeindeland ('commons') unterdrückt; die Kommodifizierung der Arbeitskraft und die Unterdrückung anderer Produktions- und Lebensformen (beispielsweise Subsistenz); Kolonialismus und die gewaltsame Aneignung von Vermögen (zum Beispiel Gold aus Amerika), was mit der Zerstörung lokaler Produktionssysteme einher ging; die Eintreibung von Steuern und die Staatsverschuldung; Wucher und das Kreditsystem, Kolonialpolitik, um den Zugang zu Land und zur Besteuerung von Land durchzusetzen. Marx erklärte mit diesen Prozessen den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus. Die Formierung der Klasse der Handelskapitalisten war entscheidend in diesem Prozess. Der Staat als ein Zwangsorgan, das die aufgeführten Veränderungen durchsetzte, war dabei unabdingbar. Das heißt, das Konzept eines interventionistischen Staates hängt eng mit der Akkumulation zusammen und taucht unmittelbar mit der Entstehung des Kapitalismus auf. Tatsächlich sind viele dieser Prozesse während der ganzen Geschichte des Kapitalismus wichtig geblieben. 'Ursprüngliche Akkumulation des Kapitals und Akkumulation des Kapitals durch Mehrwertproduktion sind nämlich nicht nur aufeinander folgende Phasen der Wirtschaftsgeschichte, sondern auch gleichzeitige Wirtschaftsprozesse. In der ganzen Geschichte des Kapitals bis zum heutigen Tag spielen sich laufend Prozesse der ursprünglichen Kapitalakkumulation ab - neben der vorherrschenden Kapitalakkumulation durch Wertschöpfung im Produktionsprozess' (Mandel 1972: 43). Die ursprüngliche Akkumulation ist also nicht nur als historische Phase, sondern als permanenter Charakterzug des Kapitalismus zu verstehen.
Der Wahn der Bourgeoisie, dass Geld Geld zeugt Hannah Arendt hat ein Bild des entstehenden Imperialismus gezeichnet, das in seiner ganzen Brutalität Assoziationen an gegenwärtige Vorgänge weckt. 'Nicht in Europa selbst, wohl aber in unzivilisierten und rückständigen Ländern, wo es weder Industrien noch politische Organisationen gab und wo daher die schiere Gewalt ohnehin alle Fragen des täglichen Lebens entschied, haben die sogenannten Gesetze des Kapitalismus sich wirklich realisiert. Der Wahn der Bourgeoise, dass Geld Geld zeugen kann, so wie Menschen Menschen zeugen, war ein abscheulicher Traum geblieben, solang man dies Geld immerhin in Produktionskraft verwandeln und in Industrieunternehmungen anlegen musste; Geld hatte in Wahrheit niemals Geld gezeugt, sondern Menschen hatten Produkte hergestellt und Geld verdient. Erst wo das Produktionsgesetz der Wirtschaft außer Kraft gesetzt war, konnte der Wunschtraum der Bourgeoise, Geld möge von sich aus Geld erzeugen, in Erfüllung gehen, jedenfalls konnte es den auswärtigen Aktienbesitzern so erscheinen; und dies Wunder der Akkumulation ereignete sich nur, weil in diesen Ländern die schiere Gewalt ohne Rücksicht auf irgendein Gesetz sich Reichtümer aneignen konnte' (Arendt 1955/2003: 312-3). Prozesse der ursprünglichen Akkumulation stürzen weiterhin Millionen von Menschen in verschiedenen Teilen der Welt ins Elend. Denken wir nur an die bis heute anhaltende Zerstörung der bäuerlichen Subsistenzwirtschaften in Afrika und Asien oder an die schnelle Proletarisierung der Bevölkerung in China. Die koloniale Landpolitik und Steuerpraktiken setzen sich bis in die fünfziger Jahre als Mittel einer andauernden ursprünglichen Akkumulation in kolonialen Verhältnissen fort. Der Raub von Vermögenswerten anderer dauert bis heute an, beispielsweise durch das Kreditwesen, die Aneignung natürlicher Ressourcen, die Vertreibung indigener Völker, die Zerstörung von Lebensräumen und die Unterdrückung von Rechten an gemeinsamem Boden (beispielsweise über die Schaffung Naturreservaten). Selbst Sklaverei besteht weiter, insbesondere im Falle von Frauenhandel für Sexarbeit. Und in Territorien, die in jüngerer Zeit dem Markt geöffnet wurden, können Staaten, Konzerne und mafiaähnliche Organisationen sehr gewalttätige Akkumulationsformen durch Enteignung durchsetzen (Harvey 2003: 149). Diese Akkumulationsformen entsprechen einer Ausweitung der kapitalistischen Eigentums- und Produktionsverhältnisse auf Länder oder Sektoren und soziale Aktivitäten, die diesen Verhältnissen noch nicht oder nur teilweise unterworfen waren (Luxemburg 1913). In diesem Sinn bezeichnet Akkumulation die räumliche und/oder soziale Ausweitung der Warenbeziehungen und der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse. Sie zeigt sich auch in Prozessen wie der Enteignung der Produzenten, die noch einen unmittelbaren Bezug zu ihren Produktionsmitteln haben, oder der Eingliederung von nicht-warenförmigen Aktivitäten in die Sphäre der kapitalistischen Verwertung, beispielsweise von Hausarbeit oder Aktivitäten, die vom Staat als öffentliche Dienstleistungen organisiert werden. Auch die Integration(oder im Fall der bürokratisierten Staaten die Reintegration) von Ländern in die Sphäre des Marktes sind Ausdruck dieser Ausweitung kapitalistischer Verhältnisse.
Privatisierung als enteignende Akkumulation Einer zweiten Form enteignender Akkumulation entspricht die Privatisierung öffentlicher Dienste und Infrastrukturen, der Rentensysteme und Sozialversicherungen. In diesem Sinne lässt sich auch die Umwandlung der Universitäten von öffentlichen Institutionen, die einem öffentlichen Interesse dienen sollen, zu Institutionen, die dem Kapital günstig Wissen und Fähigkeiten zur Verfügung stellen, als eine Form der Enteignung und Kommodifizierung öffentlichen Eigentums verstehen. Drittens hat der Kapitalismus räuberische Mechanismen einer Enteignungsökonomie entwickelt, die teilweise sogar den Kern seines Funktionierens betreffen. Dazu gehören Fusionen und Übernahmen, die aufgrund ungleicher monopolistischer oder oligopolistischer Machtverhältnisse und spekulativen Aspekten oftmals von Raub an Vermögenswerten begleitet sind; verschiedene räuberische Praktiken zwischen Fraktionen des Kapitals wie Zwangs-massnahmen und kriminelle Aktivitäten, Fälschungen, Ponzi-Finanzierungen, die strukturelle Vermögenszerstörung durch Inflation (hiermit entwertet der Staat seine Schulden gegen-über den Gläubigern), Kreditsystem und Schuldenknecht-schaft (Auspressung der Schuldner durch die Gläubiger), die ganze Bevölkerungen und Länder auf einen Zustand fortwährenden Schuldendienstes durch ihre Arbeitleistung reduzieren. Der Zusammenbruch des US-Konzerns Enron kam einer Enteignung tausender Lohnabhängiger gleich, die ihre Altersvorsorge mit dem Schicksal dieses Konzerns verbunden hatten (Harvey 2003: 147). Eine vierte Form der Akkumulation geschieht teilweise durch (entmaterialisierte) 'neue Investitionsformen': Aneignung, Abschöpfung und Zentralisierung von Teilen des in anderen sozialen Organisationsformen erzeugten Werts und Mehrwerts durch neue, finanziell, organisatorisch oder institutionell kräftigere Akkumulationszentren. Die Zentralisierung durch Unterwerfung und Aneignung ist eine Modalität der Akkumulation. Bedeutend sind die zu Lasten anderer kapitalistischer Unternehmen abgeschöpften Werte wie bei äußerst ungleichen Subcontracting-Verhältnissen oder sogenannten Netzwerkfirmen (Chesnais 2003: 174). Global tätige Pharmakonzerne eignen sich über ungleiche Kooperationen mit kleineren Firmen und Universitäten beispielsweise Wissen, Technologien, Eigentumsrechte und Vermarktungsrechte an, die sie mit Lizenzgebühren, Umsatz-beteiligungen, Aktienoptionen, Kapitalbeteiligungen abgelten. Dazu gehört auch, dass sich Konzerne gezielt in Regionen verankern, die über eine hohe Dichte von wissenschaftlichen und innovativen Kapazitäten verfügen. Damit erlangen sie Zugang zu einem örtlich gebundenen sozialen Kapital und zu Ressourcen, die von anderen Institutionen finanziert werden (Zeller 2004). Zu einer fünften und sehr aktuellen Form der enteignender Akkumulation zählen die Ausweitung der Patentierbarkeit, insbesondere die Biopiraterie durch die Patentierung von genetischem Material, die Schaffung intellektueller Eigentumsrechte, die Kommodifizierung, Kontrolle und Aneignung natürlicher Ressourcen wie Wasser und Luft, wissenschaftlichen und technologischen Wissens, intellektuellen Eigentums, kultureller und intellektueller Kreativität, sowie von Kulturen und geschichtlichem Erbe. Das Kapital ist besessen, neue Verwertungsfelder als Quellen regelmäßiger Einnahmen in der Form von Renten aufzuspüren. Die Kapitalisierung der Natur und wissenschaftlichen Wissen ist zu einem zentralen Kennzeichen des aktuellen Kapitalismus unter der Dominanz der Finanzkapitals geworden. Diese Formen der Akkumulation sind von entscheidender Bedeutung in der heutigen Phase des Kapitalismus und für die Globalisierungsprozesse, die durch Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung ermöglicht werden. Akkumulation existiert also auch ohne Investitionen im Sinne der Schaffung erweiterter Produktionskapazitäten. Akkumulation kann in gewissen Teilen des Systems zu Lasten anderer Teile geschehen, und zwar über bestimmte Arten von Monopolen und Oligopolen beziehungsweise Monopsonen und Oligopsonen, kombiniert mit 'organisatorischen Innovationen' auf der Grundlage spezifischer Macht- und Eigentumsverhältnisse. Die 'Globalisierung des Kapitals' im Kontext einer ungleich voranschreitenden finanzgetriebenen Akkumulation vereint die Ausdehnung der Herrschaft des Kapitals und eine tatsächliche Steigerung der Akkumulation des Kapitals. Sie spiegelt die Vormachtstellung einer Form sozialer Herrschaft, in der die räuberische Aneignung von Werten beziehungsweise die Aneignung in Form von Renten dank einerAusweitung der Eigentumsverhältnisse gegenüber der Erzeugung von Werten bedeutender wurde. Die aufgeführten Prozesse verweisen auf die unklarer gewordene Trennung zwischen Rente und Profit. Die aufgeführten Enteignungsvorgänge sind Prozesse einer permanenten ursprünglichen Akkumulation. Darum lässt sich die aktuelle Phase des Imperialismus als eine globale Enteignungsökonomie kennzeichnen. David Harvey ordnet die Akkumulation durch Enteignung in den Kontext einer Überakkumulationskrise und vertritt die These, dass das Überleben des Kapitalismus weitgehend von derartigen enteignenden Akkumulationsprozessen abhängig ist. Chesnais diagnostiziert zwar ebenfalls chronische Überakkumulation. Doch im Zuge der Deregulierungs- und Liberalisierungspolitik konnte sich das in Anlagefonds konzentrierte Finanzkapital sozusagen auf die Kommandobrücke hieven und aufgrund der Schwierigkeiten in der erweiterten Reproduktion die Akkumulation über die Jagd nach Renten und Zinsen organisieren.
Zwei Arten von Privateigentum Zunächst ist ein ideologischer Nebel zu lüften, der die klare Sicht verdeckt. Privateigentum gehört zu den Pfeilern des Kapitalismus. Allerdings sind zwei grundsätzlich verschiedene Arten von Eigentum zu unterscheiden. Denn das Eigentum an Konsumgütern, die wir verbrauchen, und das Eigentum an Produktionsmitteln, die eingesetzt werden, um mit menschlicher Arbeit neue Werte zu erzeugen, drücken zwei sehr unterschiedliche Sachverhalte aus. Noch wichtiger ist der Unterschied zwischen dem Eigentum an einem Gut, das Ergebnis der persönlichen Arbeit ist, und der Aneignung von Gütern durch Unternehmen, die im Rahmen des Produktionsprozesses von vielen Lohnabhängigen durch gemeinsame Arbeit hergestellt wurden (Bihr und Chesnais 2003). Infolge der starken Arbeitsteilung und der intensiven Kooperation von Lohnabhängigen, die am selben oder auch an verschiedenen Orten arbeiten, sind mittlerweile alle denkbaren Güter vom Brot bis zum Medikament, von der Musikanlage bis zur Versicherungspolice Ergebnis eines kollektiven und gesellschaftlichen Arbeitsprozesses, der sich aus unzähligen kleinen Arbeitsschritten zusammensetzt, die sich über den Globus und eine lange Zeitdauer erstrecken. Mit diesem Prozess wächst jener Teil der Arbeit, die in den Maschinen, Geräten und Vorprodukten materialisiert ist, im Verhältnis zur lebendigen Arbeit, die durch Löhne und Sozialbeiträge bezahlt wird. Der Kapitalismus und die Globalisierung haben die Vergesellschaftung der Arbeit also stark vorangetrieben. Der technologische Fortschritt erhöht den gesellschaftlichen Charakter der Arbeit zusätzlich und zwar in einem doppelten Sinne: erstens ermöglichen Informations- und Kommunikationstechnologien eine noch feingliedrigere Arbeitsteilung auch über große Distanzen hinweg; zweitens erfolgen die Innovationsprozesse in vielen Hochtechnologien-bereichen selbst sehr arbeitsteilig und kollektiv. In wissensintensiven Sektoren tätige Konzerne versuchen darum, über organisatorische Maßnahmen diese Innovationsprozesse zu fördern und sich deren Ergebnisse zu erschließen. Doch zwischen der Mobilisierung der subjektiven Fähigkeiten der Menschen und ihrer Unterordnung unter die kalte Logik der Märkte tut sich ein grundsätzlicher Widerspruch auf (Veltz 2000: 202-3). Dieser Widerspruch ist umso schwerwiegender als die weltweite oligopolistische Konkurrenz und die industriellen Strategien unaufhörlich die Erneuerung der Produkte und der Verfahren verlangen, so dass die Fähigkeit zum individuellen und kollektiven Lernen ein zentrales Element der Effizienz wird. Die Flexibilisierungs- und Outsourcing-Strategien sowie die durch individuelle Entlöhnungs- und Belohnungssysteme verschärfte Konkurrenz zwischen den Beschäftigten wirken dieser Erfordernis aber entgegen und begünstigen opportunistisches Verhalten. Zugleich versuchen Unternehmen in wissensintensiven Sektoren die Bedürfnisse der Kooperation und des kollektiven Lernens mit den Erfordernissen der schnellen Rentabilität zu verbinden (Chesnais 2003: 175). Die Einrichtung von Projektteams, die auch geographisch getrennte Angestellte in einen gemeinsamen Arbeitskontext bringen, soll die Kooperationsmöglichkeiten und -bereitschaft der Angestellten fördern und zugleich die Prozessabläufe massiv beschleunigen (Zeller 2002).
Patente als Privatisierung kollektiven Wissens Genau weil der gesellschaftliche Charakter der Arbeit und der Innovationsprozesse zunimmt, unternimmt das Kapital gro§e Anstrengungen sich die Früchte dieser Prozesse über die Ausdehnung der intellektuellen Eigentumsrechte anzueignen. Die gesellschaftliche Arbeit wird durch das Kapital wieder in das Korsett des Privateigentums eingepfercht. Die Ergebnisse einer immensen Anhäufung von Arbeitsschritten werden letztlich durch wenige Individuen und soziale Gruppen angeeignet. Wenn ein Pharmakonzern einen Wirkstoff oder eine Technologie patentiert, eignet er sich wissenschaftliche Kenntnisse an, die gesellschaftlich produziert und öffentlich mitfinanziert wurden. Das Patent ist immer Ergebnis einer langen Akkumulation von Wissen und Erfahrungen, die unabhängig vom patentierenden Unternehmen produziert wurden. Mit der Patentierung enteignet das Unternehmen letztlich die Forscherinnen und Forscher, die in verschiedenen Laboratorien und Ländern zum Wissen beigetragen haben, und die Staaten, die sie finanzieren. Das Patent erlaubt es den oligopolistischen Konzernen das privatisierte gesellschaftliche Wissen zur Erzielung von Renten und zu einem Instrument der gesellschaftlichen Herrschaft zu transformieren. Die private Aneignung von wissenschaftlichem Wissen sowie des gemeinsamen menschlichen Erbes der biologischen Produktion und Reproduktion und der Biodiversität sind daher von großem Interesse für das Kapital. Die Patentierung von Leben ist aber noch weniger legitim als die Patentierung von Substanzen, Technologien und Prozessen. Der gesellschaftliche Charakter von Innovationsprozessen zeigt sich offensichtlich in sogenannten Hochtechnologie-Regionen. Die enge Zusammenarbeit, der informelle Austausch zwischen den Akteuren und die Bildung gemeinsamer Perzeptionen, dass heisst, die Entstehung sozialer Zusammenhänge und eines mit diesen verbundenen sozialen Kapitals begünstigt innovative Prozesse (Lundvall 1992). Diese Beziehungen und nicht gehandelten Interdependenzen (Storper 1997: 38) funktionieren nur, weil sie eben keinen warenförmigen Charakter haben. Das auf diese Weise entstandene kollektive Wissen bildet eine Art von Gemeingütern oder commons (Jessop 2003: 106). Weil die innovativen Beziehungen an die örtlichen sozialen Kontexte gebunden sind, weben sich Konzerne, die an dieser Wissensproduktion interessiert sind, in diese regionalen Innovationsarenen ein. Die Konzerne machen das erworbene und produzierte Wissen konzernintern den zuständigen Abteilungen zugänglich. Zugleich kodifizieren und zäunen sie dieses Wissen mit Patenten ein. Nur so können sie es im Konkurrenzkampf verwerten (Sölvell und Zander 1998; Zeller 2004). Auch die Staaten fördern die Umwandlung des Wissens zur Ware über entsprechende Gesetzgebungen und vor allem über die zunehmende Durchdringung des Bildungssektors mit öffentlich-privaten Partnerschaften.
Zur vom Kapital seit Beginn der neokonservativen Gegenreform vor über zwanzig Jahren betriebenen Ausdehnung der Sphäre des Privateigentums zählt auch der erhöhte Druck, den das dominierende Finanzkapital ausübt, um die sozialisierten Formen des Lohns zu reduzieren. Dazu zählen namentlich die Umformung der Altersvorsorgesysteme in kapitalgedeckte Pensionsfonds, die steuerliche Begünstigung der privaten kapitalgedeckten Pensionskassen sowie die Verschlechterungen bei den Krankenversicherungen und im Bildungswesen. Die privaten Versicherungen trachten gleichsam danach, sich einen Teil des gesellschaftlichen Reichtums anzueignen, der bislang gesellschaftlich umverteilt wurde. Auf internationaler Ebene dient das GATS (General Agreement on Trade in Services) im Rahmen der WTO (World Trade Organisation) dazu, ganze Gesellschaften ihrer öffentlichen Dienste, besonders im Bildungs- und Gesundheitswesen, zu berauben und sie in Waren zu verwandeln. Das Kapital versucht, sich die Gesamtheit der materiellen und intellektuellen Bedingungen des Produktionsprozesses, also das historische Werk der gesellschaftlichen Arbeit der Menschheit, anzueignen. Alles, was profitabel erscheint, soll zur Ware umgeformt werden. Voraussetzung dieser Umformung ist aber die Durchsetzung spezifischer Eigentumsrechte. Die herrschenden Klassen nehmen die Eigentumsfrage sehr ernst. Ganz im Gegensatz dazu ist die Frage des Eigentums ein Tabu bei den Gewerkschaften. Auch die Bewegungen für eine andere Globalisierung haben bislang kaum über diese so entscheidende Frage diskutiert. Die sozialen Bewegungen und Gewerkschaften sollten die Eigentumsfrage ebenso ernst nehmen wie die Konzernleitungen und ihre politischen Unterstützer. Die Formulierung einer emanzipatorischen Perspektive besteht aus mindestens drei Elementen: Der Ausgangspunkt sind die individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnisse auf Weltebene. Deren Befriedigung ist im Rahmen des Kapitalismus nicht möglich. Daher ist theoretisch und praktisch ein Bruch zu formulieren. Eine alternative Orientierung besteht schließlich in der demokratischen und gesellschaftlichen Aneignung von Ressourcen. Ich stütze mich hier teilweise auf eine Diskussion, die in Frankreich bereits durch zahlreiche, sowohl eher staatlich orientierte als auch libertäre Beiträge bereichert wurde (u.a. Salesse 2001; Andréani, et al. 2002; Coutrot 2002).
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