| | Die sozialen Bewegungen in Indien Gespräch mit P.K. Murthy, Mitglied des indischen Organisationskomitees für das WSF Original siehe www.france.attac.org/a2321
Welche indischen Kräfte haben vorwiegend bei der Organisation des Forums mitgewirkt? Es ist uns gelungen, ein sehr breites politisches Spektrum zusammenzubringen. Es reicht von den Sozialisten über die Gandhianhänger und Dalits (einheimische Stämme) bis zu den Marxisten-Leninisten. Auch werden die Volks- und Sozialbewegungen vertreten, sowie linke Gewerkschaften, Frauen-bewegungen, viele NRO, und Jugend- und Studentenvereine. Zusammengerechnet sind es 185 Organisationen, die den sogenannten 'Rat der Organisationen' bilden. Ein 'Arbeitskomitee' setzt sich aus Organisationen zusammen, die besondere Aufgaben übernehmen, und letztendlich gibt es ein 'Organisationskomitee' aus ungefähr 40 Personen, davon ein Teil direkt in Mumbai, fest entschlossen, der Vorbereitung des Forums viel Zeit und Energie zu widmen.
Und über Indien hinaus? Zum ersten Mal findet ein soziales Event solchen Ausmaßes in Asien statt und Indien eignet sich eher gut zur Aufnahme von TeilnehmerInnen aus benachbarten - wie z.B. Pakistan, Nepal, Sri Lanka-, aber auch entfernteren Ländern - Japan, Korea, Thailand, Malaysia, Indonesien, Philippinen. Auch erwarten wir eine im Vergleich zu den vorigen Jahrgängen stärkere Teilnahme der AktivistInnen aus Afrika und den arabischen Ländern.
Eben: inwiefern haben wir diesmal mit einem 'anderen' Forum zu tun ? Die Themen haben sich in zwei Richtungen entwickelt. Erstens soll natürlich wiederholt über den Krieg debattiert werden, denn Iraks Besatzung hat diese Frage wieder aktuell gemacht, und ebenfalls über die neoliberale Globalisierung , aber dieses Thema wird nun mehr von politischer Sicht angesprochen, denn jetzt nennen wir die Globalisierung 'imperialistisch'. Zweitens kamen drei neue Themen hinzu : die Frage des Rassismus und der Kasten , hier Kastendogma (casteism') genannt, dann die religiöse Intoleranz oder 'Kommunalismus' (englische Bezeichnung communalism', die vom 'communautarism' zu unterscheiden und mit religiösem Fundamentalismus gleichzusetzen ist), schließlich die Frauenfrage (im indischen Kontext ist diese Frage als Priorität anzusehen, denn bei uns zu Hause sind alle Frauen Opfer, ganz gleich, zu welcher Kaste sie gehören.)
Um welche Schwerpunkte wird es bei diesem Forum hauptsächlich gehen? Über drei Punkte wird voraussichtlich besonders intensiv debattiert. Zuerst über die Beziehungen zwischen Sozialbewegungen und politischen Parteien (sollen sich die Bewegungen auf dem Aufstellen von Forderungen begrenzen, ohne ihre Vorschläge umsetzen zu dürfen?) Zweitens über alternative Vorschläge und Mittel und Wege, dass sie auch berücksichtigt werden? Letztens: Was wird nun aus dem Forum? Soll weiterhin jedes Jahr ein solches Forum stattfinden? Meines Erachtens wird es nun Zeit, einer neuen Dynamik den Weg zu bereiten, die uns zusammenbringt und verstärkt, indem sie unsre Bewegung ausweitet, und das unabhängig von den Foren.
Zum Schluss: Wie sieht es hier in Indien aus? Hier ist es üblich, zu hören, dass 'jeder seinen Platz finden kann' und wenige Parteien geben sich offen fundamentalistisch oder faschistisch. Aber trotzdem hat in Wirklichkeit die Linke im Zuge der Globalisierung ziemlich viel Boden verloren; zwar sind die gesellschaftlichen Beziehungen nicht mehr genau als 'Klassen'beziehungen zu kennzeichnen, dafür werden die Ungleichheiten und Spannungen zwischen den verschiedenen Gemeinschaften von den regierenden Parteien immer schamloser ausgenutzt. Der zur Zeit regierenden rechten Partei, der BJP ist es gelungen, eine Koalition aus zirka 20 Parteien zusammenzubilden, die sie weiterhin unterstützen, obwohl jene Partei voriges Jahr in Gujarat Gräueltaten gegen die moslemische Gemeinde verübt hat. Die eher zentristische Kongresspartei übernimmt für ihr Teil bei wichtigen wirtschaftlichen Fragen meistens die Positionen der Regierung. Von den linken Parteien prangert nur ein winziger Teil die verheerenden Auswirkungen der neoliberalen Globalisierung in Indien an.
Nach dem Gipfeltreffen in Cancun hatte man doch annehmen können, dass Indien - das sich doch geweigert hatte, sich den Forderungen der USA und der EU zu fügen - mit seiner blockfreien Vergangenheit wieder anknüpfen würde. Wie steht es nun aber wirklich damit? Da sollte man sich nicht allzu große Hoffnungen machen. In Wirklichkeit waren es vorwiegend Brasilien und einige kleine Länder, wie z.B. Kenia, die Anführer der Gruppe der 21 waren. Da Wahlen bevorstanden, hatte Indien nicht freien Spielraum und musste sich der Bewegung anschließen. Wider Willen aber hat die indische Regierung gemeinsame Sache mit Brasilien, China und Südafrika machen müssen - nur Wahltaktik. Seit dem Gipfeltreffen aber sind erfolgreiche Gespräche geführt worden, zwecks einer Lockerung der indischen Position. Indien ist mit Brasilien nicht gleich zu setzen! Seit Unilateralismus herrscht, paßt sich die indische Regierung den USA vollkommen an: Selbstverständlich sind wir' hierzulande gegen den Terrorismus, erlaubt es uns' doch, uns an die moslemische Gemeinde zu vergreifen oder mit Pakistan weiterhin Krieg zu führen, solange die Amerikaner uns nicht allmählich doch ein bisschen rügen....
-Ehrenamtliche Übersetzung: Michèle Mialane, coorditrad
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