| | Charta des Weltsozialforums
Das erste Weltsozialforum (WSF) wurde im Januar 2001 in Porto Alegre, Brasilien, abgehalten. Drei Monate später, am 9. April 2001, traf sich das brasilianische Organisationskomitee, um eine Auswertung vorzunehmen. Bei dieser Gelegenheit wurde aufbauend auf vorherigen Vereinbarungen eine Charta ausgearbeitet, die später vom Weltrat des WSF in leicht abgeänderter Form übernommen wurde. Sie hat folgenden Wortlaut:
- Das Weltsozialforum ist ein offener Raum. Es soll ein Ort der Reflektion und der demokratischen Debatte, der Formulierung von Vorschlägen, des freien Austauschs von Erfahrungen und der Vernetzung für effektive Aktionen sein. Das Forum soll Gruppen und Bewegungen der Zivilgesellschaft dienen, die einerseits den Neoliberalismus, eine vom Kapital dominierte Welt sowie jede Form von Imperialismus ablehnen, und andererseits sich dem Aufbau einer globalen Gesellschaft verpflichtet fühlen, die auf fruchtbare Verhältnisse zwischen den Menschen wie auch zwischen diesen und dem Planeten zielt.
- Das Weltsozialforum in Porto Alegre war ein in Raum und Zeit fixierter Ort. Doch von nun an wird die in Porto Alegre formulierte Gewißheit, daß eine andere Welt möglich ist, begleitet von einem permanenten Prozeß des Suchens und Erschaffens von Alternativen, der nicht auf die Veranstaltungen reduziert werden kann, die ihn unterstützen.
- Das Weltsozialforum ist ein weltweiter Prozeß. Alle Treffen, die als ein Teil von ihm abgehalten werden, haben eine internationale Dimension.
- Die auf dem Weltsozialforum vorgeschlagenen Alternativen stehen im Widerspruch zu einer Globalisierung, die von den großen multinationalen Konzernen sowie den ihnen dienenden Regierungen und internationalen Institutionen gelenkt wird. Sie sollen sicherstellen, daß in Zukunft die Globalisierung der Solidarität zu einem neuen Stadium der Weltgeschichte wird. Sie werden die universellen Menschenrechte respektieren sowie die Rechte aller Bürgerinnen und Bürger aller Nationen und der Umwelt. Ihre Basis werden demokratische Systeme und Institutionen bilden, die der sozialen Gerechtigkeit, der Gleichheit und der Souveränität der Völker verpflichtet sind.
- Das Weltsozialforum bringt lediglich Organisationen und Bewegungen der Zivilgesellschaft aus aller Welt zusammen und vernetzt sie. Es hat hingegen nicht die Absicht, die Weltzivilgesellschaft zu repräsentieren.
- Die Treffen des Weltsozialforums beraten nicht im Namen der Institution Weltsozialforum. Daher ist niemand berechtigt, im Namen eines der Foren zu sprechen oder eine Position als die aller Teilnehmer wiederzugeben. Die Teilnehmer dürfen nicht aufgefordert werden, als Institution Erklärungen oder Aktionsvorschläge anzunehmen, die jeden oder die Mehrheit binden und den Eindruck erwecken könnten, mit ihnen würde das Forum als Institution etabliert. Es stellt daher keinen Ort der Macht dar, um den die Teilnehmer in den Treffen ringen. Ebenso wenig hat das Forum den Anspruch, die einzige Form der Zusammenarbeit zwischen den teilnehmenden Organisationen und Gruppen zu sein.
- Dennoch müssen teilnehmende Organisationen und Verbände das Recht haben, in den Foren über Erklärungen und Aktionen zu sprechen, entweder alleine oder in Kooperation mit anderen. Das Weltsozialforum sorgt nach seinen Möglichkeiten dafür, derartige Beschlüsse weit zu verbreiten, ohne sie dabei zu hierarchisieren, zu zensieren oder einzuschränken, aber als Beschlüsse der jeweiligen Gruppen und nicht des Forums.
- Das Weltsozialforum ist ein pluraler, vielfältiger, nichtkonfessioneller, an keine Regierung oder Partei gebundener Zusammenhang. Auf eine dezentralisierte Art und Weise verbindet es Organisationen und Bewegungen miteinander, die sich mit konkreten Aktionen auf lokaler wie auch auf internationaler Ebene darum bemühen, eine andere Welt aufzubauen.
- Das Weltsozialforum wird stets offen sein für den Pluralismus und die Vielfalt der Aktivitäten und des Engagements der Organisationen und Bewegungen, die teilnehmen wollen, solange sie sich an diese Charta halten. Das Gleiche gilt für die Vielfalt der Geschlechter, Ethnien, Kulturen und des körperlichen Vermögens. Weder Parteivertreter noch militärische Organisationen dürfen an den Foren teilnehmen. Regierungsvertreter und Parlamentarier, die die Verpflichtungen dieser Charta anerkennen, können als Einzelpersonen eingeladen werden.
- Das Weltsozialforum ist gegen alle totalitären und reduktionistischen Sichtweisen der Wirtschaft, der Entwicklung und der Geschichte sowie gegen Gewalt als Mittel sozialer Kontrolle durch den Staat. Es hält den Respekt der Menschenrechte hoch, sowie die Anwendung wirklicher Demokratie, die partizipatorische Demokratie, friedliche Beziehungen in Gerechtigkeit und Solidarität zwischen den Menschen, Ethnien, Geschlechtern und Völkern. Es verurteilt alle Formen der Dominanz und der Unterordnung eines Menschen unter einen anderen.
- Als ein Forum der Debatte ist das Weltsozialforum eine Bewegung der Ideen, die Reflektionen über die Mechanismen und Instrumentarien der Dominanz des Kapitals anstößt, über Methoden und Aktivitäten, um dieser Dominanz zu widerstehen und sie zu überwinden, und über Lösungen des Problems der Ausgrenzung, die der Prozeß der kapitalistischen Globalisierung in seinen rassistischen, sexistischen und Umwelt zerstörenden Dimensionen international wie auch innerhalb der einzelnen Staaten hervorruft. Das Weltsozialforum sorgt auf transparente Weise für die Verbreitung der Ergebnisse dieser Reflektionen.
- Als ein Rahmen des Austausches von Erfahrungen ermutigt das Weltsozialforum die teilnehmenden Organisationen und Bewegungen zum gegenseitigen Verständnis und zur gegenseitigen Anerkennung und legt besonderen Wert auf Austausch von Erfahrungen darüber, wie eine Gesellschaft ihre ökonomischen Aktivitäten und politischen Handlungen auf die Bedürfnisse der Menschen und den Respekt der Natur ausrichten kann. In der Gegenwart wie auch für künftige Generationen.
- Als ein Zusammenhang für Netzwerke will das Weltsozialforum bestehende Verbindungen zwischen gesellschaftlichen Organisationen und Bewegungen verstärken und neue schaffen, sowohl auf der nationalen wie auf der internationalen Ebene. Diese Beziehungen sollen - im privaten wie im öffentlichen Leben - die Fähigkeit gewaltfreien gesellschaftlichen Widerstandes gegen den Prozeß der Entmenschlichung, den die Welt durchläuft, und gegen die Gewalt des Staates stärken. Ebenso sollen die humanisierenden Methoden verstärkt werden, die in den Aktionen dieser Bewegungen und Organisationen zur Anwendung kommen.
- Das Weltsozialforum ist ein Prozeß, der die teilnehmenden Organisationen und Bewegungen dazu einlädt, ihre lokalen und nationalen Aktionen vorzustellen und sich als Weltbürger aktiv an internationalen Zusammenhängen zu beteiligen, um ihre Erfahrungen auf die internationale Tagesordnung zu setzen, die sie in ihren Versuchen, eine neue Welt der Solidarität aufzubauen, gemacht haben.
Artikel aus der Beilage Weltsozialforum Mumbai (Junge Welt, 14.01.2004)
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