| | Von Brasilien nach Indien
Indien ist eines der Länder, in denen die sozialen Bewegungen am zahlreichsten, aktivsten und lebendigsten sind. Dies ist einer der Gründe, warum sie hier so wenig bekannt sind: Denn auf dem indischen Subkontinent, mit seinen 1,2 Milliarden Einwohnern und 14 offiziellen Sprachen tendieren die Aktivisten zur Ansicht, dass sie genug Themen zu debattieren - und Gründe sich zu mobilisieren haben und sich nicht in die internationalen Debatten einzubringen brauchen. Dies ist der Fall beim Kampf gegen die Armut und gegen diverse Ausschlüsse: Indien teilt mit Brasilien und Südafrika das traurige Privileg, eines der Länder mit der größten sozialen Ungleichheit zu sein. Dazu kommt noch die Trennung zwischen den Kasten und zwischen Hinduisten und diversen ethnischen und religiösen Minderheiten.
Seit mehreren Jahren richtet sich deren Kampf auch gegen das, was die Inder den 'Kommunitarismus' nennen, der so etwas wie die sektiererische Tätigkeit eines fremdenfeindlichen, anti-muslimischen Hinduismus mit starken faschistischen Zügen ist; und der zurzeit mit der BJP an der Macht ist. Er war der Urheber der anti-muslimischen Ausschreitungen, so zum Beispiel 2002 im Bundesstaat Gudjarat; dort wurden 3000 Menschen massakriert.
Nach Jahrzehnten einer eigenen Entwicklung, tritt Indien heute in den Prozess der Globalisierung ein und die Multinationalen vervielfachen ihre Einmischungen in verschiedene Sektoren: In der Software-Entwicklung oder in Callcentern profitieren sie vom niedrigen indischen Lohnniveau. Für die Aktivisten war es also nicht länger möglich, isoliert zu bleiben und seit dem ersten WSF in Porto Alegre vermehren die indischen Delegationen ihre Kontakte und Beziehungen zum Rest der Welt.
Die meisten AktivistInnen stammen aus zwei großen Gruppierungen: In der ersten sind Aktivisten aus Linksparteien versammelt: Sozialisten, die wiederum in verschiedene mittelgroße Gruppen unterteilt sind, Kommunisten, deren größte Partei die Marxistische KP ist, welche die Regierung in West-Bengalen stellt und es abgelehnt hat, sich zwischen Peking und Moskau zu entscheiden, als die KP Indiens noch unter sowjetischem Einfluss stand. Außerdem gibt es noch die extreme Linke der ehemaligen 'Naxalisten', Maoisten, die heute in mehrere Gruppen unterteilt sind. Alle organisieren sich in den sogenannten 'Massenbewegungen': Gewerkschaften, Bauernbewegungen, Jugend- oder Frauenbewegungen. Die zweite große Gruppierung, oft 'Volksbewegung' genannt, oder auf Englisch 'people's movement', hat ihre ideologischen Wurzeln meist bei Gandhi und hat diejenigen organisiert, die von 'Massenbewegungen' nicht berücksichtigt werden, zum Beispiel die Arbeitslosen und die Opfer der Staudämme, die die großen marxistischen Parteien bei ihrem Streben nach technologischer Entwicklung manchmal vergessen haben.
Dem WSF-Vorbereitungskomitee ist als erster Erfolg anzurechnen, dass sie diese beiden Gruppierungen mit unterschiedlichen Traditionen zusammen zu bringen wussten.
COURRIEL D'INFORMATION ATTAC Nr.442, 3.10.2003 Ehrenamtliche Übersetzung: coorditrad@attac.org
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