Sand im Getriebe (SiG) #27
internationaler deutschsprachiger Rundbrief der ATTAC-Bewegung

Erklärung des Ratschlags zu Antisemitismus und zum Nahostkonflikt
Auszüge aus den Reden von Felicia Langer und Thomas Seibert
Unilaterale Aussetzung des EU-Israel-Assoziierungsabkommens gefordert
Seit wann ist Okkupation zu relativieren?
Vorschlag zur Positionierung von ATTAC Deutschland
Die prächtigen 27
Die Wahrheit über die Mauer
Weltweite Kampagne gegen die Apartheidmauer
Eine Road Map wohin?
'Erlaubnis zum Berichten' für Palästinenser
Der bi-nationale Staat: 'Da wird der Wolf beim Lamm wohnen'
Israel-Palästina: Hoffnung in Genf
Hinweise auf weitere Dokumente

Attac Deutschland
Erklärung des Ratschlags zu Antisemitismus und zum Nahostkonflikt,
19.10.2003


Anm. der Redaktion: ATTAC und Antisemitismus?
Dieser unglaubliche Zusammenhang ist kürzlich in die öffentliche Diskussion geraten. Die von ATTAC gelebten Grundsätze der Frankfurter Erklärung aus 2002 stehen antisemitischem Denken diametral gegenüber. Um jedoch jeden möglichen Zweifel auszuräumen und sich zu der Situation in Palästina/Israel zu positionieren verabschiedete der Ratschlag folgende Erklärung:


Zur Diskussion um Antisemitismus und den Nahostkonflikt erklärt der Ratschlag von Attac Deutschland:
  1. Die Positionen von Attac sind nicht antisemitisch. Es gab und es gibt bei Attac keinen Platz für Antisemiten. Wir betrachten die Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Rassismus, Nationalismus und anderen reaktionären Ideologien als eine ständige Aufgabe.
  2. Dabei sehen wir weiteren Diskussions- und Klärungsbedarf gegenüber Themen wie 'struktureller Antisemitismus' und 'Anschlussfähigkeit von Antisemitismus' und anderer offener Fragen, die aufgeworfen wurden. Dazu werden wir in den kommenden Monaten einen gründlichen Diskussionsprozess organisieren - konstruktiv und mit Respekt für unterschiedliche Ansichten. Der nächste Schritt ist ein Workshop im Januar.
  3. Wir lehnen alle Versuche von Antisemiten und Neonazis ab, die mit sogenannten 'Querfrontstrategien' zielgerichtet versuchen, Anschlussstellen an die globalisierungskritische, die Friedens- und andere soziale Bewegungen zu finden.
  4. Im Umgang mit diesen hochkomplexen und äußerst sensiblen Thema haben wir in Deutschland eine besondere Verantwortung, die sich als unausweichliche Konsequenz des faschistischen Sonderwegs Deutschlands 1933-45 ergibt. Wir können aus der deutschen Geschichte nicht einfach austreten.
  5. Wir sind uns auch darüber einig, dass eine solche Herausforderung nicht bewältigt werden kann, wenn wir uns von Karikaturen einer Kritik, wie sie von einigen der sogenannten 'Antideutschen' kommt, unter Druck setzen lassen.
  6. Grundlage der Position von Attac Deutschland zum Palästina-Problem sind die in der Attac-Erklärung von 2002 festgesetzten Ziele, das internationale Recht und die Ablehnung des Versuchs der führenden Staaten der Welt, den Prozess neoliberaler Globalisierung auch militärisch durchzusetzen und abzusichern. Der Kampf gegen die neoliberale Globalisierung und der Wille, 'die Zukunft unserer Welt wieder gemeinsam in die Hände zu nehmen', sind mit dem Kampf für den Frieden, für die Menschenrechte und für das politische Selbstbestimmungsrecht der Palästinenserinnen und Palästinenser untrennbar verbunden.
  7. Die ständige Negierung der Rechte der Palästinenserinnen und Palästinenser durch die israelische Regierung drückt sich u.a. in der fortwährenden Besatzung, den wiederholten Bombardements der Lager, der systematischen Zerstörung ziviler Einrichtungen und dem aktuellen Mauerbau aus. Wir sind jeden Tag entsetzt, wie der Staat Israel die Verfolgung und Unterdrückung der Palästinenserinnen und Palästinenser weiter verschärft und wie die mehrfache Verurteilung seiner Politik durch die UNO folgenlos bleibt.
  8. Wir anerkennen das Recht der Palästinenserinnen und Palästinenser auf Widerstand. Doch wir lehnen die entsetzlichen Selbstmordattentate ab, und verurteilen entschieden deren Instrumentalisierung. Auch sie verhindern ein friedliches Zusammenleben zwischen Israelis und Palästinensern. Unser Beitrag in Deutschland zur Beendigung der Selbstmordattentate und zur Verhinderung einer Dominanz von fundamentalistisch-religiösen und antidemokratischen Positionen besteht darin, diejenigen aktiv zu unterstützen, die eine Beendigung der Besatzung mit demokratischen Mitteln erreichen wollen.
  9. Unsere Haltung in der Palästina-Frage beruht auf folgenden Grundsätzen:
    • Einhaltung sämtlicher Palästina-Resolutionen, die bislang von der UNO verabschiedet wurden. Diese fordern den Rückzug Israels aus allen seit 1967 besetzten Gebieten, das prinzipielle Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge, den Abbau der israelischen Siedlungen in den palästinensischen Gebieten und die Lösung der Jerusalem-Frage.
    • Unterstützung des Rechts von Israelis und Palästinenser auf lebensfähige Staaten mit international garantierten Grenzen.
    • Solidarität mit den israelischen und palästinensischen Friedensbewegungen.

Aachen, 19. Oktober 2003