| | Wie die Grünen? von David Harvey
Online-Bericht zur Sommerakademie (Auszug)
Das letzte Podium beschäftigte sich heute mit der Frage der Gegenmacht zur neoliberalen Hegemonie und welches Ziel sie verfolgen sollte. John Holloway plädiert dabei für die Abschaffung der bestehenden repräsentativen Demokratien. David Harvey vertritt einen gegensätzlichen Standpunkt. Zur Gegenüberstellung veröffentlichen wir Auszüge aus einem Interview.
F: Was ist die Aufgabe der Linken in Europa und Deutschland, soweit Sie das beurteilen können?
A: Nun, zunächst geht es darum, eine soziale Bewegung aufzubauen. Die Gefahr dabei können wir in der Geschichte der Grünen sehen. Die Schwierigkeit ist, den Übergang zu einer politischen Organisation zu gestalten. Wenn eine soziale Bewegung zu einer politischen Organisation wird, begibt sie sich in die Politik, und plötzlich verliert sie viel von ihrer Vitalität. Vielleicht solltet ihr das durchmachen. Vielleicht, denn diese Bewegung hat etwas verändert. (...) Wenn ihr aber keine politische Organisation werdet, schränkt ihr eure Macht in gewisser Weise ein. Oder?
F: Da bin ich mir nicht so sicher. Genau darum geht es in der Diskussion. Wir sagen immer, wir wollen nicht so werden wie die Grünen, weil wir damit alles verlieren, was wir haben. attac lebt von der Netzwerkstruktur, und die vielen Menschen vor Ort in Europa machen lokale politische Arbeit mit der globalen Perspektive im Hinterkopf. Und wir sehen es schon als Gefahr, eine nationale Partei zu werden. Vielleicht ist es besser, in einem Netzwerk organisiert zu sein.
A: Das kann ich verstehen. Ich sehe die Gefahren. So etwas geschieht fast unausweichlich mit sozialen Bewegungen, die zu einer Form von politischer Organisation werden. Aber gleichzeitig entsteht auch das Problem, das wir bei Nader und den Grünen in den USA sehen. Jedes Mal müssen sie von Neuem beginnen, und ich denke, das ist ein bisschen einschränkend. Ich verstehe die Gefahren und ich verstehe auch, warum Menschen da zögern. Von dem, was ich weiß, ist es auch richtig, zu diesem Zeitpunkt noch nicht über eine politische Organisation nachzudenken. Wenn ihr aber stärker und größer werdet, wird es irgendwann einen Punkt geben, an dem ihr euch unausweichlich die Frage stellen müsst 'Kann man eine Art von politischer Organisation ins Leben rufen, die nicht diesen Fall durchmachen, den die Grünen hinter sich haben. Wie kann man das also machen? (...)
Wir sehen dies ein wenig bei Lula in Brasilien. Er hat jetzt eine andere Position, er muss mit den Kapitalanlegern und mit den Weltmarktbedingungen Kompromisse machen. Vieles von dem, was er wegen seiner Position tun muss, finden wir nicht richtig. Wir sagen, er sollte es nicht tun. Die Frage ist: 'Gibt es noch andere Dinge, die er gerade tut?' Das könnte eine andere Grundlage für Politik werden, nicht nur in Brasilien sondern auch für ganz Südamerika. Eine ähnliche Entwicklung hat die Arbeiterpartei in Brasilien hinter sich. Sie fing an wie die Bewegung in Porto Alegre, dann wandelte sie sich zu einer Art nationaler Organisation, und jetzt hat sie eine gewisse nationale Macht. Die große Frage bei dieser Wandlung ist, ob dies ein konstruktiver Vorgang ist. Ich denke, dass wir über diesen Fall nachdenken müssen. Ihr müsst darüber nachdenken, die Regierungsmacht zu gewinnen. Wenn nicht, bleibt ihr ständig eine oppositionelle Kraft, und das kann einerseits nützlich sein, andererseits kann man so aber nicht radikal Dinge verändern.
Kt, geschrieben am: 2003-08-05 21:25:54 für die Online-Dokumentation auf www.attac.de
David Harvey ist Professor für Geography an der Johns Hopkins University, New York. Ein Zusammenfassung seiner Ideen findet man unter dem Titel 'GLOBALIZATION Chaos and time' unter www. sociologyonline.co.uk/global_essays/GlobalHarvey.htm
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