| | SiG 26, Vorwort
Wir sind nicht die ersten, die unter der Parole kämpfen 'Eine andere Welt ist möglich'. Das haben Generationen vor uns getan, wenn auch mit anderen Formulierungen. In Zeiten des Umbruchs ist es sinnvoll, aus dem Blick zurück auf die langen Entwicklungstrends der Welt den eigenen Standpunkt zu verorten und Orientierung zu gewinnen.
Immanuel Wallerstein, der große alte Philosoph und Historiker des Weltsystems, hat in SiG 19 von den USA als einem abstürzendem Adler gesprochen, und die Verwandlung der einzig verbliebenen Supermacht in eine um sich schlagende Super-Ohnmacht vorausgesagt. Die Ereignisse seit dem Irak-Krieg scheinen ihm Recht zu geben. In dieser Nummer (in der Übersetzung einer in Porto Alegre 2002 vorgetragenen Analyse) versucht er, unsere globalisierungskritische Bewegung mit den bisherigen antisystemischen Bewegungen zu vergleichen. Seine Analyse ist durch den weiten Zeithorizont (hier von 1850 bis heute) gekennzeichnet, den eine emanzipatorische Bewegung braucht, um angesichts gigantischer Aufgaben nicht in Mutlosigkeit zu verfallen. Seine Analysen gehen immer vom Weltsystem als Ganzem aus, sind niemals eurozentriert oder nur auf die reichen Staaten der Welt beschränkt. Er sieht in der Porto Alegre-Bewegung den vierten Versuch seit der 'Weltrevolution 1968', den Faden der antisystemischen Rebellion wieder aufzunehmen. Seine Thesen mögen provokativ wirken, seine Geschichtsphilosophie ist optimistisch: 'Die Geschichte steht auf niemandes Seite. Jeder von uns kann die Zukunft beeinflussen, aber wir wissen nicht, und können nicht wissen, in welcher Weise auch andere Einfluss nehmen. Der dem WSF zugrunde liegende Rahmen reflektiert dieses Dilemma und unterstreicht es.'
Noch nie in der Nachkriegs-Geschichte Europas hat es einen so radikalen und unverschämten Abbau hart erkämpfter sozialer Errungenschaften gegeben wie gegenwärtig. Mohssen Massarrat macht den Vorschlag, mit einer Kampagne '30 Stunden für Europa' aus der Defensive heraus zu kommen. Wir eröffnen die Debatte!
Zu Cancun bringen wir einige Berichte und Analysen. Aus ihnen geht hervor, wie schnell sich die globalen Strukturen verändern und wie sich neue Spielräume in einer entstehenden multipolaren Welt entwickeln. 'Die Entwicklungsländer, da sind sich langjährige Beobachter einig, sind noch nie so stark und geschlossen aufgetreten wie in Mexiko. Europäern und US-Amerikanern sind ebenbürtige Mitspieler erwachsen, die demonstriert haben, dass es ihnen mit ihrer Sache ernst ist'.
Walden Bello - dem wir zur Verleihung des alternative Nobelpreis 2003 herzlich gratulieren - geht in seiner Einschätzung sogar noch weiter: 'Es ist nicht verwunderlich, dass die US-Verhandlungskommission in der Gruppe der 21 die Repräsentanten eines Wiederauflebens der Forderungen des Südens für eine 'Neue internationale Wirtschaftsordnung' in den 1970er Jahren sah' (www.focusweb.org) Auf der Attac-D Sommerakademie in Münster wurden die vielen Grundfragen der globalisierungskritischen Bewegung diskutiert, von denen wir hier einige Richtung weisende Beiträge veröffentlichen. Es ging um Begriff und Praxis einer neuen Demokratie. So z.B. bei John Holloway, der der Chiapas-Bewegung nahe steht: 'Die Demokratie, d.h. unsere Demokratie, Rätedemokratie, ist notwendigerweise anti-kapitalistisch, revolutionär, kommunistisch, so wie auch die Revolution notwendigerweise demokratisch, rätedemokratisch ist, oder eben nicht ist.' Es ging um das Verhältnis der Bewegung zum Staat, zur Macht, zu den Parteien. (Thomas Seibert). Es ist 'dringend notwendig, nicht nur Verteilungsfragen, sondern auch jene nach Produktions- und Konsummustern zu stellen(Ulrich Brand).
Die Diskussionen haben erst begonnen. Die Fragen sind gerade erst neu gestellt. Sie werden nicht nur in deutschen Sprachraum gestellt, sondern - in verschärfter Form - auch in Attac-Frankreich. Über die dortigen Debatten werden wir in SiG27 berichten. Bis dahin - viel Spaß beim Lesen!
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