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Militarismus und ökonomische Entwicklung

Militarismus und ökonomische Entwicklung
von Sam Perlo-Freeman


Militärausgaben und ökonomisches Wachstum
Empirische Beweise
Schulden
Die 'Friedensdividende'
Das Militär im gesellschaftlichen Kontext
Weltwirtschaft



Weltweit steigen die Militärausgaben kontinuierlich an. Laut Daten des Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstituts (Stockholm International Peace Research Institute, SIPRI), betrugen die globalen Militärausgaben im Jahr 2002 mindestens 794 Milliarden US$, also ungefähr 2,5% des weltweiten BIP, mit einer Zunahme von absolut gesehen ca. 6% im Vergleich zu 2001. Ungefähr drei Viertel dieser Zunahme gehen auf das Konto der Vereinigten Staaten, aber auch andere Nationen mit hohen Militärausgaben, wie Russland, China und Indien weisen gleichfalls beträchtliche Zunahmen auf - Westeuropa folgte diesem ansteigenden Trend jedoch nicht.(1)

Der Trend zu steigenden Militärausgaben steht in direkter Beziehung zur derzeitigen kriegsbejahenden US-Außenpolitik. Weitere Länder wie Kolumbien und Israel sind auf den 'Krieg dem Terror'-Zug aufgesprungen, um militärische Lösungen ihrer verschiedenen Konflikte zu rechtfertigen. Aber diese zunehmenden Ausgaben stellen uns auch vor ökonomische Fragen. Welche Wirkung hat ein hohes Niveau an Militärausgaben - und an Militarismus generell - auf die ökonomische und menschliche Entwicklung?
Es ist leicht einsehbar, dass Investitionen für das Militär nicht mehr für Gesundheits- oder Bildungsaufgaben oder andere produktive Zwecke zur Verfügung stehen, aber gibt es auch andere langfristige Auswirkungen dieser Mittelverwendung? Welche Rolle spielt der Waffenhandel bei der Verschuldung der Dritten Welt? Und wie beeinflusst eine stark militarisierte Gesellschaft im allgemeinen Entwicklungsmuster? Dies sind die Fragen, die in diesem Artikel betrachtet werden sollen.


Militärausgaben und ökonomisches Wachstum

Die Auswirkungen von Militärausgaben auf das ökonomische Wachstum ist eines der umstrittensten und empirisch meistanalysierten Probleme auf dem Gebiet der Verteidigungs- und Friedensökonomie. Standard-Messzahlen für das Einkommen, wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sind zwar ausnehmend schlechte Indikatoren für die weiter gefasste ökonomische Gesundheit - dafür werden derzeit neue, umfassendere Messzahlen entwickelt -, doch sind diese Standard-Messzahlen leicht zu definieren und es gibt leicht zugängliche Daten für die meisten Länder. Die meisten Ökonomen jedweder Couleur, die sich mit diesen Fragen beschäftigen, haben deshalb bisher nur die Auswirkungen von Militärausgaben auf das Wachstum des BIP oder BSP (Bruttosozialprodukt) betrachtet. Die Schlussfolgerungen aus diesen Untersuchungen unterscheiden sich jedoch sehr stark.

Es gibt viele Betrachtungsweisen zur Ökonomie von Militärausgaben, doch lassen sich zwei prinzipiell gegensätzliche Positionen ausmachen:

  1. Militärausgaben sind 'ökonomischer Ballast'

  2. Der militärische Sektor ist, ganz im Gegenteil, ein dynamisches Kraftwerk im Herzen einer ökonomischen und industriellen Entwicklung


Zwischen diesen Polen sind offensichtlich viele Zwischenpositionen möglich. Es überrascht vielleicht, dass die erste Ansicht bei der Mehrheit der neoliberalen Ökonomen dominiert. Die bewaffneten Kräfte können zwar als Notwendigkeit gesehen werden, jedoch als solche, die Ressourcen für unproduktive Zwecke bindet. Meist hat der IWF bei der Durchsetzung seiner Rahmenbedingungen in Dritte-Welt-Ländern die jeweiligen Militärausgaben bei 2% des BIP gedeckelt - was manchmal zur unbeabsichtigten Folge führte, dass Regierungen die Militärausgaben im Budget versteckten oder das Militär aus Quellen außerhalb des Regierungsbudgets finanzierten.
(2)

Die Argumente dafür, dass Militärausgaben einen negativen ökonomischen Effekt haben, liegen auf der Hand: Sie binden Ressourcen, die für produktivere Zwecke eingesetzt werden könnten, z.B. Steuermittel, menschliches Talent, etc. Dies sollte man ein wenig genauer betrachten. Wenn die Ausgaben für das Militär steigen, aus welchen Töpfen werden diese dann abgezogen?
Wenn andere Regierungsausgaben wie Gesundheit oder Bildung betroffen sind, so ist die negative Auswirkung auf die Entwicklung offensichtlich. Eine höhere Besteuerung wird den privaten Konsum und die Ersparnisse reduzieren und damit die privaten Investitionen - was wahrscheinlich eine negative Auswirkung auf das Wachstum haben wird. Bei einer Finanzierung der höheren Militärausgaben über Staatsanleihen und damit über öffentliche Verschuldung erhöhen sich die Zinsen und verringern sich gleichfalls die privaten Investitionen. Mit anderen Worten und leicht einsehbar: Es gibt keine kostenfreie Finanzierungsquelle.

Wie lauten die Argumente der Gegenseite?
Es wird oft angeführt, dass die Ressourcen für das Militär weit davon entfernt sind, eine unproduktive Last zu sein, sondern vielmehr auf verschiedene Weise einen positiven ökonomischen Beitrag liefern. Waffenforschung und -entwicklung kann zu technischem Fortschritt führen, der für die zivile und militärische Industrie wichtig ist. Die Streitkräfte können junge Männer mit Erziehung und Ausbildung versorgen, die andernfalls arbeitslos wären. Militärische Vorbereitungen können infrastrukturelle Entwicklungen umfassen, wie das Bauen von Strassen und Schienen, die dann von der ganzen Gesellschaft genutzt werden. Und schließlich wird manchmal auch angeführt, dass das Militär die einzigartige Fähigkeit hat, Ressourcen mobilisieren und als Motivation für nationale Industrialisierung und Entwicklung dienen zu können. Diese Sichtweise machten sich militärische und zivile Regierungen in Brasilien mit der Waffenindustrie im Zentrum der allgemeinen Industrialisierung zu eigen, unter dem Slogan 'Sicherheit und Entwicklung'.

Alle diese Argumente können hinterfragt werden, ganz zu schweigen von dem offensichtlichen Punkt, dass Erziehung, Ausbildung, Infrastrukturmaßnahmen und zivile Technologien besser vorangebracht werden können, wenn man die Ressourcen direkt diesen Zwecken zuführt, anstatt sie als Nebenprodukt des Militärs zu betrachten. Das Argument der technischen Entwicklung spielt in den meisten Entwicklungsländern ohne fortschrittliche Waffenindustrie ohnehin keine Rolle. Auf jeden Fall nimmt die zivile Technologie heutzutage eine Führungsposition ein und das Militär nutzt häufig zivile Entwicklungen wie z.B. die globalen Positionierungssysteme, und nicht umgekehrt - auch wenn in der Vergangenheit militärische F&E (Forschung & Entwicklung) zu Entwicklungen wie dem Radar und dem Internet beigetragen haben mag. Und was das Potenzial der bewaffneten Kräfte im Hinblick auf die menschliche Entwicklung betrifft, kann dies leicht übertrieben erscheinen und ist speziell in den ärmeren Ländern sehr begrenzt; die sozialen Verhältnisse der Soldaten, z.B. in vielen Ländern der früheren Sowjetunion, sind sehr ärmlich: weitverbreitetes Mobbing, Korruption, schlechte Wohnverhältnisse und sogar Mangelernährung sind keine Seltenheit. Zu guter Letzt mag militärische Industrialisierung zwar alle Arten von Entwicklung stimulieren, aber sie fördert eine stark verzerrte und ungeeignete Entwicklung, die sich auf die hochentwickelte Industrie und Technologie konzentriert, von der eine Elite in den Städten profitiert. Sie ignoriert jedoch andere Sektoren, insbesondere die Landwirtschaft, die gerade für die Entwicklungsländer existentiell ist. Brasilien mag einigen Erfolg mit militärischer Industrialisierung gehabt haben - doch die brasilianische Gesellschaft weist im weltweiten Vergleich mit die größten sozialen Ungleichheiten auf.


Empirische Beweise

Die angeführten Argumente geben weder in die eine noch in die andere Richtung abschließende Antworten; welche empirischen Beweise gibt es also?
Ein beiläufiger Blick auf einige Beispiele kann Beweise für beide Sichtweisen liefern. Diejenigen, die für den negativen Effekt der Militärausgaben argumentieren, können auf die Sowjetunion hinweisen, die während des kalten Krieges gemessen am BIP ein hohes Niveau an Militärausgaben aufrechterhielt. Dies behinderte die Ökonomie und trug wahrscheinlich zum Zusammenbruch des Kommunismus bei. In der Zwischenzeit hatten Länder wie Deutschland und Japan sehr geringe militärische Kosten und konzentrierten sich statt dessen auf die zivile Industrie. So erfreuten sich diese eines starken ökonomischen Wachstums. Die Pro-Militär-Seite könnte dagegen Südkorea und Taiwan, die hohe Militärausgaben und starkes Wachstum aufweisen, ins Feld führen, und diese mit den afrikanischen Ländern unterhalb der Sahara vergleichen. In diesen wurden die Militärausgaben typischerweise ziemlich niedrig gehalten, auch im Verhältnis zum BIP (zumindest offiziell), das ökonomische Wachstum hingegen war trotzdem sehr schwach. Mit anderen Worten: Wenn man nur einige wenige Einzelbeispiele betrachtet, sieht man nicht sehr viel, da es jeweils eine Vielzahl anderer Faktoren gibt, die diese einzelnen Länder betreffen.

Bei dem Versuch einer umfassenderen Betrachtung haben Ökonomen eine Vielzahl von statistischen Analysen durchgeführt und dabei sowohl bestimmte Bereiche länderübergreifend untersucht als auch die Entwicklung einzelner Länder über einen längeren Zeitraum hinweg. Die Resultate unterschieden sich stark voneinander. Das Problem wird durch die Tatsache verkompliziert, dass die Ökonomen ein unvollständiges Verständnis von ökonomischer Entwicklung im allgemeinen haben und die erhaltenen Resultate stark von den Annahmen abhängen, die einem Modell zugrunde liegen.
Ist die ökonomische Wachstumsrate langfristig allein vom Bevölkerungswachstum und technologischen Entwicklungen abhängig, was außerhalb des Einflussbereichs von Regierungen liegt, oder kann die Qualität der Investitionen, der Bildung etc. einen dauerhaften Unterschied in der Wachstumsrate bewirken?
Kehrt die Ökonomie, wie die Neoliberalisten sagen, schnell aus eigener Kraft wieder zur Vollbeschäftigung zurück oder sind Arbeitslosigkeit und mangelnde Auslastung von Ressourcen ein Dauerzustand, wenn die Regierung nicht eingreift, wie die Keynesianer behaupten? (Ironischerweise ist der neo-klassische Standpunkt am ungünstigsten für eine pro-militärische Position, weil dieser besagt, dass Jobs, die durch die Einschränkung von Militärausgaben wegfallen, schnell ersetzt werden).

Eine der ersten statistischen Analysen wurde 1973 durch Emile Benoit durchgeführt. Er untersuchte eine Auswahl von 44 Entwicklungsländern im Zeitraum von 1950-1965 und fand sehr zum Erstaunen der meisten Ökonomen heraus, dass es eine direkte Verbindung zwischen den militärischen Kosten (Anteil der Militärausgaben am BIP) und der ökonomischen Wachstumsrate gibt. Einige andere Studien, die mit ähnlichen Methoden durchgeführt wurden, bestätigten dieses Resultat.

Jedoch waren diese Studien sehr vereinfachend und betrachteten die Beziehung nur in einer Richtung, indem sie die Höhe der Militärausgaben zu der Wachstumsrate in Bezug setzten. Zahlreiche spätere Studien nutzten verfeinerte Techniken und untersuchten zugleich die Dreiecksbeziehung von Militärausgaben, ökonomischer Wachstumsrate und Investitionen. Ein typisches Beispiel ist eine Studie von Saadet Deger und Ron Smith aus dem Jahr 1983, die eine Auswahl von 50 Entwicklungsländern zwischen 1965 und 1973 betrachteten. Diese Studie ergab, dass es zwar einerseits einen geringen positiven direkten Einfluss der Militärausgaben auf das ökonomische Wachstum gab, dieser aber von dem negativen indirekten Effekt übertroffen wurde. Höhere Militärausgaben führten zu geringeren privaten Investitionen (dieses Phänomen wird als 'Verdrängungseffekt' bezeichnet), was dann wiederum zu niedrigeren Wachstumsraten führte. Insgesamt wurde so eine negative Auswirkung festgestellt. Zahlreiche andere Studien, die ähnliche Methoden benutzten, stellten ebenfalls einerseits einen positiven direkten Effekt, andererseits aber einen größeren negativen indirekten Effekt fest.

Letztere Methode hat gleichfalls ihre Kritiker, und wieder andere Studien haben mit gemischten Ergebnissen versucht, die verschiedenen Möglichkeiten darzustellen, wie Militärausgaben das ökonomische Wachstum beeinflussen. Studien einzelner Länder über einen längeren Zeitraum haben ebenso gemischte Ergebnisse geliefert, wobei die Auswahl des statistischen Modells oft wichtiger war als das Land, das untersucht wurde.

Insgesamt gibt es mehr Beweise für einen negativen Effekt als für einen positiven, denn nur wenige Studien bestätigen Benoits Ergebnisse. Die Schlussfolgerungen aus dem Modell Militärausgaben-Investitionen-Wachstum sind interessant. Dieses Modell zeigt, dass militärische Aktivitäten tatsächlich die bereits erwähnten positiven Nebeneffekte haben - technologischer Fortschritt, Infrastruktur, Erziehung und Ausbildung in der Armee, etc. -, dass sie aber zugleich andere Aktivitäten in den Hintergrund stellen, die weitaus produktiver sind, wie z.B. private Investitionen.

Natürlich müssen alle diese Ergebnisse mit Vorsicht betrachtet werden, weil das verfügbare Datenmaterial über die Ausgaben des Militärs nicht immer so präzise ist und eine statistische Korrelation nicht notwendigerweise eine direkte Kausalbeziehung beweist. Darüber hinaus ist jede Studie spezifisch für ein bestimmtes Land oder eine Gruppe von Ländern sowie für eine spezielle Zeitspanne. Somit erfahren wir nichts darüber, was das Ergebnis einer Senkung oder Steigerung der Militärausgaben zu einer anderen Zeit und in anderen Ländern gewesen wäre. Trotzdem erhalten wir auf diese Weise einige generelle Einsichten.


Schulden

Neben dem Wachstum des BIP sind Schulden eine bedeutende wirtschaftliche Folge von Militärausgaben, insbesondere von Waffenimporten. Als sich die Entwicklungsländer in den 70er Jahren hoch verschuldeten, wurden die Kredite unter anderem für Waffenkäufe verwendet. Es gibt nur wenige Untersuchungen, in denen der Versuch einer Quantifizierung dieser Waffenkäufe unternommen wurde, denn die Qualität der hierzu verfügbaren Daten ist dürftig. Eine der besten Studien aus dem Jahr 1983 stammt von Michael Brzoska. Er analysierte die Importstrukturen verschiedener Länder und zog den Vergleich zu deren Fähigkeit, ihre Importe mit Exporterträgen zu finanzieren. Von den hieraus gewonnenen Ergebnissen ausgehend schätzte er, dass mehr als 20% der Verschuldung in Dritte-Welt-Ländern die Folge von Waffenimporten war. Einige neuere Studien (darunter einige, bei denen ich selbst mitwirkte) haben versucht, statistische Regressionsmethoden auf dieses Problem anzuwenden, wie sie auch bei der Klärung der Beziehung zwischen Militärausgaben und Wirtschaftswachstum eingesetzt wurden. Doch diese Studien brachten bestenfalls schwache Beweise für eine Verbindung zwischen Waffenimporten und Schulden. Eine aktuelle Version von Brzoskas Studie wäre sehr wertvoll.


Die 'Friedensdividende'

Das Ende des Kalten Krieges und die damit verbundene Senkung der Militärausgaben ließ die Hoffnung auf eine 'Friedensdividende' entstehen, d.h. auf höhere Ausgaben in anderen Bereichen und/oder niedrigere Besteuerung und auf allgemeine positive wirtschaftliche Auswirkungen.
Die oben angeführten Beweise, die tendenziell auf eine insgesamt negative Wirkung von Militärausgaben auf das Wirtschaftswachstum hindeuten, unterstützen diese Hoffnung. Es ist jedoch wichtig, sich darüber klar zu werden, dass jegliche positive Auswirkungen niedrigerer Militärausgaben, ob in der Wirtschaft oder in der Entwicklung, nicht automatisch eintreten, sondern abhängig sind von der Entscheidung für eine bestimmte Politik.

In der Regel ist es nicht damit getan, einfach Geld aus einem Topf, nämlich dem Militäretat, zu entnehmen und in einen anderen Topf, z.B. Bildung oder Gesundheit, zu werfen. Die tatsächlich vorhandenen Ressourcen, also Menschen und Material, müssen anders eingesetzt werden. Das geschah auf äußerst erfolgreiche Weise nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals wurden Wirtschaftssysteme, die zuvor vollkommen auf Kriegsführung ausgerichtet waren, sehr schnell auf zivile Produktion umgestellt.
Das führte zu zwei Jahrzehnten relativen Wohlstands und geringer Arbeitslosigkeit im Westen, bevor Monetarismus und Neoliberalismus ihr zerstörerisches Werk begannen. Diese Entwicklung hing von sehr bewusstem Plänen seitens der Regierungen ab. Im Gegensatz dazu gingen die reduzierten Militärausgaben nach Ende des Kalten Krieges nicht einher mit systematischen Bemühungen, die Militärindustrie zu konvertieren. Daher sahen die westlichen Länder darin, wenn überhaupt, nur wenige wirtschaftliche Vorteile. In der ehemaligen Sowjetunion stellte sich die Situation sogar noch schlechter dar, denn die Militärindustrie brach zusammen ohne von einer zivile Industrie ersetzt zu werden. Eine Schlussfolgerung aus aktuellen Betrachtungen der 'Konversion' wäre, dass es nicht mehr in jedem Fall sinnvoll ist, militärische in zivile Produktion zu konvertieren. Es ist erfolgversprechender, ehemalige Arbeiter aus der Waffenindustrie umzuschulen sowie sich auf nationaler und regionaler Ebene zu bemühen, Investitionen und Forschung in anderen Bereichen einzusetzen.

In den Entwicklungsländern stellt sich das Problem völlig anders dar; besonders in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara, wo der größte Teil der Militärausgaben für Gehälter und andere Personalkosten verwendet wird. Hier hätte es wahrscheinlich katastrophale Auswirkungen, besonders nach einem Bürgerkrieg, die Militärausgaben einfach zu senken, wie es Geberländer und internationale Finanzinstitute wie der IWF oft empfohlen haben. Es gäbe plötzlich unzählige arbeitslose junge Männer mit schlechter Ausbildung, aber jeder Menge Waffen. In Äthiopien zum Beispiel kehrten nach Beendigung der Bürgerkriege die entlassenen Soldaten mit ihren Waffen einfach in ihre Dörfer zurück, was zu tragischen Ausbrüchen von Gewalt führte. Im Gegensatz dazu wurde in Mosambik ein 'Schwerter zu Pflugscharen'-Programm begonnen, bei dem Waffen gegen landwirtschaftliche Geräte eingetauscht wurden. Dieses Programm wurde von den Kirchen und einigen aufgeklärteren Geberländern unterstützt. Obwohl Mosambik durch die Überschwemmungen der letzten Jahre schwere Rückschläge erlitt, profitierte das Land in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht erheblich vom Ende des Bürgerkriegs.


Das Militär im gesellschaftlichen Kontext

Bis jetzt haben wir die Auswirkungen betrachtet, die Militärausgaben auf bestimmte Wirtschaftsfaktoren wie Wachstum oder Auslandsschulden haben können. Dies geschah weitgehend unter Ausschluss der politischen Zusammenhänge, in denen das Militär handelt, was ein sehr unvollständiges Bild zur Folge hat. Besonders, wenn wir an einem breiter angelegten Entwicklungskonzept interessiert sind, zu dem neben der Höhe des Einkommens auch menschliche und umweltbezogene Faktoren gehören, müssen wir die Rolle des Militärs in einer nationalen und weltweit politisch geprägten Wirtschaft umfassender betrachten.

In vielen Fällen handelt es sich dabei um eine hochgradig zerstörerische Rolle, besonders dort, wo das Militär eine wichtige politische Rolle spielt und/oder wo es nicht unter wirksamer, demokratischer und ziviler Kontrolle steht.

Kolumbien, Nigeria und Indonesien bilden auffallend ähnliche Beispiele auf drei verschiedenen Kontinenten. In Kolumbien protestierten Gewerkschaftsmitglieder und Bauern gegen das Vorgehen westlicher multinationaler Unternehmen wie z.B. BP, dessen Öl-Pipelines zu hochgradiger Umweltverschmutzung und zur Zwangsumsiedlung von Tausenden armer Landwirte führten. Das kolumbianische Militär, das Hand in Hand mit rechtsgerichteten Paramilitärs arbeitet, hat diesen Protest brutal unterdrückt.
Shells Spur der Umweltzerstörung in Ogoniland, in Nigerias Niger-Delta, wurde ebenfalls durch großangelegte militärische Unterdrückung geschützt.
In West-Papua in Indonesien hat der US-amerikanische Öl-Magnat Freeport MacMoran die dortige Bergwelt zerstört, die den Einheimischen heilig ist, indem er mehrere tausend Tonnen Giftmüll in die Flüsse entsorgte und mehrere tausend Menschen zwangsumsiedelte. Und wieder wurden die Proteste brutal vom Militär unterdrückt. Freeport gab dieses Jahr zu, 18 Millionen australische Dollar (11 Millionen US$) zum Schutz ihrer Aktivitäten an das indonesische Militär gezahlt zu haben.
In jedem dieser Beispiele ermöglicht ein mächtiges und niemandem verantwortliches Militär eine hochgradig zerstörerische Form der 'Entwicklung', die westliche multinationale Unternehmen und lokale Eliten fördert und dabei auf Kosten der übrigen Bevölkerung geht.

Indonesien ist ein besonders schlimmes Beispiel für einen Militärapparat außerhalb jeglicher Kontrolle, der die wirtschaftliche Entwicklung behindert und für gewalttätige Unterdrückung verantwortlich ist. Das Bemerkenswerte am indonesischen Militärapparat ist, dass durch Bestechung von Oberbefehlshabern nur ein Viertel des Etats seitens der indonesischen Regierung bereit gestellt wird; der Rest stammt aus eigener Geschäftstätigkeit und externen Zahlungen von Geldgebern wie Freeport. Das Militär betreibt die verschiedensten Geschäfte im ganzen Land, die den Status der Steuerfreiheit genießen und zu denen auch hochgradig zerstörerische Abholzungsunternehmen gehören. All das stellt eine erhebliche wirtschaftliche Beeinträchtigung dar, ganz abgesehen davon, dass das Militär auf diese Weise keinerlei demokratischer Kontrolle unterworfen ist. Einer der Gründe für den fortwährenden Krieg in Aceh ist, dass das Militär ein starkes persönliches Interesse daran hat, seine Präsenz in dieser Region zu rechtfertigen, da es dort viele einträgliche Wirtschaftsunternehmen betreibt.


Weltwirtschaft

Was in diesen und anderen Ländern auf lokaler Ebene gilt, gilt auch für die weltweite politisch geprägte Wirtschaft. Militärische Macht unterstützt eine Weltwirtschaftsordnung, die den Interessen der Reichen und Mächtigen dient, während sie gleichzeitig Milliarden Menschen in Armut und Abhängigkeit hält und die Welt in die totale Umweltzerstörung hineintreibt. Nur gelegentlich muss die militärische Vorherrschaft des Westens tatsächlich in die Tat umgesetzt werden, wie im Irak, doch sie ist der höchste Garant für die wirtschaftliche Vorherrschaft des Westens. Das sagen nicht nur wir von der anti-kapitalistischen Bewegung - die Anhänger des weltweiten Kapitalismus verkünden es auch selbst. Der rechtsgerichtete US-amerikanische Kommentator Thomas Friedman schrieb vor einigen Jahren, dass die 'unsichtbare Hand' des Marktes in einem eisernen Handschuh gehalten werden müsse - dass 'McDonalds nicht ohne Lockheed Martin wachsen und gedeihen kann'.

Letztlich bleibt eine Tatsache - zu welchen Schlussfolgerungen hinsichtlich der spezifischen wirtschaftlichen Folgen von Militärausgaben Ökonomen auch immer kommen mögen: Echte wirtschaftliche Entwicklung, die der Mehrheit zugute kommt, kann in einer Welt, in der militärische Streitkräfte das Maß aller Dinge in wirtschaftlichen Beziehungen bilden, nicht stattfinden.


(1) Detaillierte Daten zu Militärausgaben können im 10. Kapitel des SIPRI-Jahrbuchs 2003 (Oxford University Press) oder auf
www.sipri.org nachgelesen werden.

(2) Siehe Kapitel 12 des SIPRI-Jahrbuchs 2003 'Budgeting for the military sector in Africa'.


Übersetzung: Stefan Geis, Marietta Winkler von Mohrenfels, Yan Christoph Pelz
Ehrenamtliches Übersetzungs-Team
coorditrad