Sand im Getriebe (SiG) #25
internationaler deutschsprachiger Rundbrief der ATTAC-Bewegung

Kaffeekrise
Wasser-Privatisierung in Brasilien und der 'Fall' Nestlé
Die Bolivianer verlangen eine Volksabstimmung über FTAA/ALCA
Der argentinische Wirtschaftsminister kündigt Regulierung von Kapitalströmen an
dazu Erklärung von ATTAC-Argentinien

Wasser-Privatisierung in Brasilien und der 'Fall' Nestlé
von Franklin Frederick



Über das Problem der Wasserprivatisierung in Brasilien wird hauptsächlich geschwiegen. Erstens werden, da Brasilien ein wasserreiches Land ist, Probleme, die die Wasserprivatisierung betreffen, nicht als dringlich erachtet. Zweitens - und das ist das Entscheidendere - erwähnt die brasilianische Presse im allgemeinen das Problem nicht einmal, und zwar aufgrund der 'Zensur', die von der wirtschaftlichen Macht der Konzerne ausgeht, die an der Wasserprivatisierung beteiligt sind - die meisten von ihnen sind wichtige 'Kunden' und haben somit das Sagen.

Es gibt zwei Hauptaspekte, die in Bezug auf die Wasserprivatisierung in Brasilien betrachtet werden müssen: Die Privatisierung der Wasserversorgung in den Städten - wie es zum Beispiel in Manaus der Fall ist - und die viel gefährlichere und weniger bekannte Tatsache der Privatisierung von Wasserquellen. Seit einigen Jahren kaufen Firmen wie Nestlé und Coca-Cola überall im Land Gebiete auf, die reich an Wasserquellen sind. Dieses wichtige Problem wurde hauptsächlich durch eine Bürgerbewegung publik gemacht, die gegründet worden ist, um die Wasserquellen eines sehr bekannten Ortes in Brasilien zu verteidigen - dem Wasserpark von São Lourenço.

São Lourenço ist ein kleiner Ort, der zu einem besonderen Gebiet gehört, das sich zwischen den drei wichtigsten Städten Brasiliens - São Paulo, Rio de Janeiro und Belo Horizonte - befindet. Dieses Gebiet - bekannt als Circuito das Águas - ist im ganzen Land wegen seiner unglaublichen Vielfalt an Mineralwasserquellen berühmt, die hauptsächlich auf vier kleine Orte, darunter São Lourenço, verteilt sind. Diese Mineralwasserquellen sind seit dem 19. Jahrhundert für ihre Heilwirkung bekannt. Die Heilwirkung der Quellen war verantwortlich für die Art und Weise, wie sich das ganze Gebiet entwickelt hat. Jede Stadt entstand rund um den 'Wasserpark' - den Ort, wo die meisten Wasserquellen gefunden wurden. Die Wasserparks entwickelten sich zu wichtigen Zentren für Hydrotherapie, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde eine Bundesbehörde geschaffen, die die Forschung fördern und spezielle Pläne für die Nutzung der Mineralwasser im öffentlichen Gesundheitssystem entwickeln sollte. An der Medizinischen Fakultät der Federal University of Minas Gerais fanden Kurse zu Wassertherapie und Wassermedizin statt, und in jedem Wasserpark stand mindestens ein Arzt zur Verfügung. In den 50er Jahren wurde die Bundesbehörde für Mineralwasser geschlossen und die Kurse an der Universität zur Wassertherapie abgeschafft - auf Druck der Lobby der pharmazeutisch-chemischen Industrie.

Dies war der Beginn des Niedergangs dieser Region. Der Wasserpark von São Lourenço ging in Privatbesitz über - er wurde von der Perrier-Vittel-Gruppe aufgekauft, die bis vor kurzem ihr berühmtes Mineralwasser (dort) abfüllte und überall in Brasilien verkaufte. 1996 übernahm Nestlé die Kontrolle über Perrier-Vittel und wurde so zum Eigentümer des Wasserparks in São Lourenço.

1998 baute Nestlé innerhalb des Wasserparks eine Fabrik, um 'Pure Life' zu produzieren, ein Tafelwasser speziell entworfen für den sogenannten Dritte-Welt-Markt. Das Konzept dieses Wassers ist, dass es überall gleich schmecken muss, egal wo es produziert wird - in Brasilien oder Pakistan. In vielen Dritte-Welt-Ländern wird in Flaschen abgefülltes Tafelwasser zu einem wichtigen Markt, hauptsächlich wegen des schlechten Zustandes der öffentlichen Wasserversorgungssysteme. Die Qualität des Wassers, das in Brasilien aus der Leitung kommt, wird im allgemeinen als gut erachtet, dennoch ist die Propaganda für das in Flaschen abgefüllte Wasser so stark, dass die Gewohnheit, das Leitungswasser zu benutzen und es in Keramikfiltern aufzubewahren - wie es immer der Fall war - mehr und mehr ersetzt wird durch den 'praktischeren' Weg, in Flaschen abgefülltes Wasser zu kaufen. Nestlé begann daraufhin, riesige Wassermengen direkt aus dem Untergrund zu pumpen, indem tiefe Bohrlöcher innerhalb des Wasserparks gegraben wurden.

Die Konsequenzen waren fast unmittelbar an den Wasserquellen zu spüren: Eine von ihnen trocknete aus, und einige andere änderten ihren Geschmack. Noch schlimmer - die Mineralwasser, edle und seltene Wasser mit besonderen Eigenschaften, wurden demineralisiert, d.h. ihrer besonderen Qualitäten beraubt, um das Tafelwasser 'Pure Life' zu produzieren. São Lourenço, ein sehr kleiner Touristenort, der vom Wasserpark als seiner Haupttouristenattraktion abhängig ist, verlor im Zuge dessen immer mehr Touristen, da die Veränderung der Qualität der Wasserquellen für jeden spürbar wurde.

Wasser benötigt Zeit unter der Erde, um langsam mit Mineralien angereichert zu werden. Pumpt man es schneller herauf, als die Natur es ersetzen kann, verliert es seinen Mineralgehalt. Die Bürgerbewegung für die Heilquellen wurde von einer Gruppe von Bürgern gegründet, die über diese Situation besorgt waren. Nach einigen erfolglosen Versuchen, mit der Firma in Dialog zu treten, bat die Bewegung um staatliche Hilfe. Eine Untersuchung wurde begonnen, und im Januar 2001 kam es zu einem Prozess gegen die Firma vor dem Gerichtshof in São Lourenço. Laut brasilianischem Bundesgesetz durfte Nestlé die Mineralwasser nicht demineralisieren. Außerdem ist die Fabrik, die im Wasserpark gebaut worden war, auch gemäß Umweltschutzauflagen nicht genehmigt, da der Wasserpark ein hochgradig gefährdetes, geschütztes Gebiet ist und Nestlé die Fabrik dort nicht hätte errichten dürfen.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist der Prozess auf Bundesebene bei Gericht anhängig. Gerichtsverfahren können sich in Brasilien über viele Jahre hinziehen - leider kann der Wasserpark nicht so lange warten! Die Bürgerbewegung hat eine Kampagne gegen die 'Pure Life'-Fabrik gestartet, und in Europa - hauptsächlich in der Schweiz - hat die öffentliche Meinung in dieser Frage einigen Druck gemacht. In diversen Zeitungen erschienen einschlägige Artikel, und auch im Fernsehen wurden bereits Interviews ausgestrahlt.

Als Mitglied der Bürgerbewegung für das Wasser, die sich vielen Problemen mit der brasilianischen Presse gegenüber sieht, die im allgemeinen schweigsam bleibt, kann ich sagen, dass wir sehr stark auf die Hilfe und die Unterstützung der öffentlichen Meinung in Europa und hauptsächlich in der Schweiz angewiesen sind. Nur durch öffentlichen Druck in der Schweiz werden wir eine Chance gegen Nestlé, seine Anwälte, seine Lobby und seine unverantwortlichen Praktiken haben. Aufgrund dieser Angelegenheit wurde es auch möglich, über Wasserprivatisierung in Brasilien zu sprechen, und über die Tatsache, dass viele Firmen hierher kommen, um Gebiete wie den Wasserpark in São Lourenço aufzukaufen. Bisher hat die Brasilianische Regierung noch keine entscheidenden Maßnahmen ergriffen, die dieses Problem betreffen. Wir hoffen, dass wir über die öffentliche Meinung in Europa auch Einfluss auf Entscheidungen gewinnen können, die diesbezüglich in Brasilien getroffen werden. Wenn Wasser zur Handelsware verkommt, wird sich zwischen den mächtigen wirtschaftlichen Interessengruppen ein zunehmender Konkurrenzkampf um die Kontrolle der verbleibenden Wasservorräte entwickeln. Dies wird vermehrt zu Konflikten und sogar Kriegen führen. Wasser als öffentliches Gut kann uns helfen, als Nationen zusammenzuarbeiten, und es kann helfen, Frieden, Verständnis und Entwicklung zu fördern. Es liegt an uns zu entscheiden, welche Art von Zukunft wir uns wünschen.

Übersetzung: Tina Plank, Yan Christoph Pelz
Ehrenamtliches Übersetzungs-Team, coorditrad