Sand im Getriebe (SiG) #25
internationaler deutschsprachiger Rundbrief der ATTAC-Bewegung

Kaffeekrise
Wasser-Privatisierung in Brasilien und der 'Fall' Nestlé
Die Bolivianer verlangen eine Volksabstimmung über FTAA/ALCA
Der argentinische Wirtschaftsminister kündigt Regulierung von Kapitalströmen an
dazu Erklärung von ATTAC-Argentinien

Kaffeekrise
von Sarah Cox


Lateinamerikanische Staatsoberhäupter nennen es 'die schlimmste Krise der letzten 100 Jahre'. Durch das katastrophale Versagen des unregulierten globalen Marktes findet sich die Welt vor einer weiteren Krise der Überproduktion und des zerstörten Lebens.
Der unmittelbare Grund ist eine Schwemme von Kaffeebohnen auf dem Weltmarkt, die die Preise gedrückt hat. Exportpreise sind auf den niedrigsten Stand seit einem Jahrhundert gefallen, unter Berücksichtigung der Inflation.

Als Ergebnis verkaufen Kaffeebauern - in der Mehrheit arme Teilpächter - ihre Bohnen weit unter den Produktionskosten. Oxfam International schätzt, dass der Lebensunterhalt von 25 Millionen kleinen Kaffeebauern auf dem Spiel steht. 'Familien, deren Einkommen von Kaffee abhängen, ziehen ihre Kinder (besonders Mädchen) aus den Schulen, können sich keine Grundmedikamente mehr leisten und reduzieren ihre Ernährung.' Aber wenige Menschen, die ihren Milchkaffee oder Espresso schlürfen, werden sich der Krise bewusst.

Wie sollten wir es auch merken? In der Verbraucherwelt hat sich wenig geändert. Preise von Maxwell House, Nescafé, Folgers und French Roast sind nur geringfügig oder überhaupt nicht gesunken.
'Die großen transnationalen Konzerne machen einen Haufen Geld,' sagt Blanca Rosa Molina, eine Kaffeebäuerin aus Nicaragua, die Oxfam nach Kanada gebracht hat. 'Aber wir bekommen weniger als jemals zuvor.' Vor fünf Jahren erbrachte der Kaffee aus der Kaffeegenossenschaft von Molina US$ 1,80 pro Pfund. Jetzt ist das Pfund Bohnen nur noch 50 Cent wert.
In der nord-nicaraguanischen Region Matagalpa, wo Molina zuhause ist, sind mehr als vierzig größere Kaffeefarmen pleite gegangen oder liegen brach. Schätzungsweise 6.000 heimatlose Kaffeearbeiter und ihre Familien kampieren in Behelfsunterkünften entlang der Straßen und in städtischen Parks, betteln um Nahrung und Hilfe von Passanten. Fast die Hälfte der Kinder der Region, schwangere Frauen und ältere Menschen leiden unter Mangelernährung.

Alleine im letzten August verhungerten nach Reuters zwölf arbeitslose Kaffeearbeiter und ihre Familien in der Gegend von Matagalpa. Bis Ende September ist die Todesrate laut Molina auf 120 gestiegen. 'Man sieht Kinder am Rand der Autostraßen verhungern,' sagt Molina.
In Guatemala hat die Krise 70.000 Menschen arbeitslos gemacht und die Arbeitslosigkeit auf 40% hochgetrieben. Das Kaffeedebakel hat die Wirtschaft einiger bereits verarmter Länder steil abfallen lassen. In Afrika stürzen Länder, die schon von Schulden, Dürren und Krankheiten geschlagen sind, in ein weiteres Desaster.

Entwicklungsländer haben noch vor wenigen Jahren US$ 10 Milliarden für Kaffee-Exporte eingenommen. Jetzt sind es wenig mehr als die Hälfte, so Néstor Osorio, der geschäftsführende Direktor der Internationalen Kaffeeorganisation (ICO). In Burundi beträgt der Kaffee-Export 80% des gesamten Exports, in Äthiopien fast 50%. Ohne das Einkommen durch Kaffee sind weniger Mittel für Schuldendienst, Aids-Bekämpfung oder Schulen verfügbar.
'Es ist eine Krise mit sozialer Dimension, die politisch explosiv ist,' erklärt Osorio. Auf einer kürzlichen Reise nach Kolumbien sah er Luftaufnahmen von Kaffeefarmen mit Coca bepflanzt.

Deregulierung des Kaffeemarktes
Seit 1962 war der Kaffeehandel durch das internationale Kaffeeabkommen reguliert. Der Handelsvertrag setzte Exportquoten für Erzeugernationen fest und hielt den Kaffeepreis ziemlich stabil. Dann zog sich vor einem Jahrzehnt der größte Kaffeeverbraucher, die USA, zurück. Die USA sagten, das Abkommen liefe durch das Halten hoher Preise ihren Interessen zuwider. Kanada zog sich gleichzeitig zurück.

Kaffeequoten und Preiskontrolle waren am Ende. Kleine Produzenten, wie Vietnam, beeilten sich, den 'Dollarbaum' zu ernten. In einem Jahrzehnt wurde Vietnam weltweit zum zweitgrößten Kaffeeproduzenten nach Brasilien. Im Gefolge des Zusammenbruchs des Kaffeeabkommens drängten Weltbank und IWF afrikanische Länder, ihre Kaffeeindustrie zu liberalisieren und ihre Staatsagenturen aufzulösen, die die Bohnen zu garantierten Preisen kauften. Den Bauern wurde ein komfortables Einkommen zugesagt, aber Globalisierung und Liberalisierung hatten den gegenteiligen Effekt. 'Die Gesetze von Angebot und Nachfrage wirkten zum Schaden der afrikanischen Produzenten und zum Nutzen der weltweiten Spekulation,' berichtete Togos Premierminister Messan Agbeyone Kodjo Delegierten der ICO-Konferenz im letzten Mai.

'Derzeit empfinden afrikanische Kaffeebauern ein Gefühl der Frustration und inneren Revolte' erklärt er. 'Sie fühlen sich hilflos. Kaffeepreise, von internationalen Gruppen und den multinationalen Gesellschaften bestimmt, sind völlig außerhalb ihrer Kontrolle.'
Vor einem Jahrzehnt erhielten Entwicklungsländer für jeden US$, der für eine Tasse Kaffee ausgegeben wurde 30 Cent; jetzt berechnet Oxfam, dass sie weniger als 10 Cent pro Tasse bekommen. Der unbekannte Bauer, der die Bohnen für unseren Espresso anbaut, erhält nur zwei Cent von den US$ 1,71, die wir bezahlen.

Ein lukratives Geschäft
Doch Kaffee bleibt für die an der Spitze der Industrie ein lukratives Geschäft. Fünf multinationale Gesellschaften kaufen jährlich fast die Hälfte der Kaffeebohnen der Welt. Darunter sind Sara Lee Corporation (Produzenten von Hills Bros. und Chock Full o'Nuts), Nestlé (Produzent von Nescafé) und der Tabakriese Altria, dem Kraft Food (Maxwell House und die Marken Nabob) gehört. Oxfam zufolge Nestlé macht etwa 25% Gewinn auf Instantkaffee; Sara Lee's Spanne ist etwa 17%.

Die Kurve der Kaffeegewinne der Gesellschaften zeigt eine stetige Steigung, während die Kurve der Kaffeepreise, nach dem uruguayanischen Autor Eduardo Galeano, 'immer einem klinischen Epilepsiediagramm ähnelt'. Globalisierung und Deregulierung haben diese Diskrepanz nur verschlimmert. Wie Galeano zynisch schließt: 'Es ist viel profitabler, Kaffee zu konsumieren als ihn zu produzieren.'

Kontakt zu diesem Artikel: www.alternatives.ca (Quebec/Kanada)

Übersetzung: Bernt Lampe
Ehrenamtliches Übersetzungs-Team, coorditrad