| | Wirtschaftliche, soziale und politische Konsequenzen der Globalisierung auf die Zukunft der Senioren von Chris Phillipson
(Auszug eines Artikels von Chris Phillipson, Zentrum für Sozialgerontologie, Keele, Großbritannien)
Die bedeutendste Veränderung seit 1982 ist das Gewicht der verschiedenen transnationalen Akteure in der Umstrukturierung der sozialen (nationalen) Institutionen, die sich mit Senioren befassen. Die Globalisierung wirkt sich auf ungleiche, vielschichtige Weise auf das Leben der alten Menschen aus. In den entwickelten Ländern ist der Umfang der Ausgaben im Rahmen der Programme zugunsten der Senioren von solchem Ausmaß, dass diese die Kürzungen als Ersten zu spüren bekommen. Hinzu kommt, dass sie die ersten Nutznießer des Wohlfahrtsstaates waren. In den Entwicklungsländern haben die Senioren (vor allem die Frauen) an der Privatisierung des Gesundheitssystems und an der Last der Schuld, die an Weltbank und IWF abgezahlt werden muss, am meisten zu leiden. Es sei hinzugefügt, dass der Globalisierungsprozess die Flüchtlinge- und Migrantenflüsse sehr beschleunigt, was ebenfalls Veränderungen hervorrufen kann, die das Leben der alten Menschen destabilisieren. Nicht zu vergessen sei, dass sie fast ein Drittel der Flüchtlinge infolge von Konflikten oder Extremsituationen darstellen. (Im Jahr 2000 waren es weltweit schätzungsweise über 53 Millionen; diese Zahl ist seitdem bestimmt noch gestiegen.) Aber betroffen werden diese Menschen auch durch die Art und Weise, in der die internationalen Organisationen sich mit diesem Thema befassen, vor allem im Rahmen der Rentenpolitik. Die Weltbank sowie der internationale Währungsfonds waren die größten Verfechter für die Entwicklung eines politischen Klimas, das zur Einschränkung des Wohlfahrtsstaates und zur Befürwortung privater und freiwilliger Initiativen führt. Der Bericht der Weltbank von 1994 'Zur Vermeidung der Alterskrise', hat die Entwicklung zugunsten unterschiedlicher Rentensysteme beeinflusst, und vor allem zur Schaffung eines zweiten Pfeilers, eines auf privaten, festgesetzten Beiträgen und nicht auf Umverteilung basierenden Rentendeckungssystems. Die Position der Weltbank, die den Staaten eine Minimalrolle zum Erhalten der Grundpension zuschreibt, hat sowohl die nationalen Regierungen als auch die internationalen Organisationen beeinflusst. Das gilt z.B. für die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), die sich in Anlehnung an die Position der Weltbank zum Verfechter einer sehr niedrigen Altersrente macht und dem individuellen, privaten Kapitaldeckungssystem eine größere Rolle zuschreiben möchte; das gilt ebenfalls für den Aufruf der OECD zur Verschiebung des Rentenalters.
Die Debatte beschränkt sich auf die Höhe der Renten und das Alter des Rentenbeginns, schliesst aber jegliche Perspektive aus, die dem Staat eine wichtigere Rolle zubilligen würde, sowie jegliche Fragestellung nach der Verlässlichkeit und den Kosten der privaten Versicherungsvorhaben. 'Die Investitionen auf den Finanzmärkten sind - so die ILO - unsicher und wechselhaft'. Hinzu kommt, dass die Verwaltungskosten für die privaten Versicherungen nicht so entscheidend erscheinen, wie die meisten internationalen Organisationen es gerne behaupten.
Während der Einfluss dieser Organisationen auf die Debatte über die Renten wohl bekannt ist, ist jedoch ihr Einfluss über das umfassende Gebiet der sozialen und medizinischen Dienstleistungen, vor allem denjenigen, die die Senioren betreffen, viel weniger bekannt. In zunehmender Weise werden heutzutage die sozialen Infrastrukturen der Wohlfahrtsstaaten als vorrangige Gelegenheiten für Investoren aus der ganzen Welt betrachtet. Die Weltbank ist der Ansicht, dass die Effizienz des staatlichen Sektors bei der Erbringung von Diensten im Rahmen der neuen Infrastrukturen zu wünschen lässt und dass es Zeit wird 'den Privatunternehmen die Erbringung von früher staatlich erbrachten Dienstleistungen zu übertragen.' Dieser Standpunkt wurde von einer ganzen Reihe von Multinationalen verfochten, vor allem in ihren Beziehungen zur WTO im Rahmen der GATS-Verhandlungen. Zwei Autoren (Barlo und Clarks 2001) bemerken, 'dass der aktuelle Zyklus der Verhandlungen mit GATS alle Sozialleistungen auf den Verhandlungstisch bringt und nur der erste ist von einer langen Serie, deren Endziel die vollständige Kommerzialisierung aller Dienstleistungen ist'. Die WTO hat in der Tat ihre Mitglieder dazu aufgefordert, die Reichweite ihres Engagements in gesundheitliche und soziale Dienstleistungen neu zu überprüfen. 'Die neuen, von der WTO vorgeschlagenen Kriterien gefährden einige der wesentlichen Mechanismen, die es den Regierungen erlauben, ihren Bevölkerungen eine gesundheitliche Versorgung zu garantieren, insofern jene den Beweis erbringen müssen, dass die Fortführung ihrer Sozialpolitik weniger Einschränkungen und weniger Kosten für den Handel auferlegt'. (Pollock und Price, The Lancet 2000)
Während der neue globale Diskurs die Wohlfahrtsstaaten in den entwickelten Ländern umstrukturiert, hat er schon seine noch viel dramatischeren Auswirkungen auf die Entwicklungsländer gezeigt. Dort leben die meisten alten Menschen (61 %, d.h. 355 Millionen). Dieser Prozentsatz wird bis 2025 auf fast 70% steigen. Für viele dieser Länder hat das Altern ihrer Bevölkerung eine Reduzierung des Pro-Kopf-Einkommens und eine Verschlechterung der Lebensverhältnisse mit sich gezogen. Zwischen 1950 und 1970 ist die Lebenserwartung in allen Entwicklungsländern um 10%, also etwa 15 Jahre angestiegen (Epstein, Time of Indifference). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Lebenserwartung in mehr als 10 Entwicklungsländern unter der Schwelle der 50er Jahre geblieben und ist seit 1970 entweder gesunken oder ist in zahlreichen afrikanischen Ländern kaum angestiegen (WHO 2000). Aids spielt hierin sicherlich eine ausschlaggebende Rolle, aber die Auflagen bei Entwicklungskrediten, wonach die Gesundheitsversorgung zu privatisieren sei, haben auch verheerende Auswirkungen gehabt.
Help Age International hat 2000 hervorgehoben, dass 'die Armut der alten Menschen nicht im Mittelpunkt der sozialen, wirtschaftlichen und ethischen Debatten unserer Zeit stehe. Ihr Recht auf Entwicklung wird systematisch verneint. Armut und sozialer Ausschluss bleiben weltweit Haupthindernisse zu der Verwirklichung der Menschenrechte der Senioren Auch die Ungleichheit in der globalen Umverteilung der Reichtümer wirkt sich in verschiedener Weise auf die alten Menschen aus. Die Ungleichheit innerhalb oder zwischen Ländern und Regionen erhöht das Risiko der Armut, sie zerstört auch soziale Bindungen, insofern die Jüngeren die ländlichen Zonen zugunsten der Städte verlassen, oder gar noch weiter in reichere Regionen oder Länder auszuwandern versuchen.'
Es ist bemerkenswert, wie wenig die Weltbank, der IWF oder andere internationale Organisationen sich über dieses Trend (andauernde Steigerung des Einkommensgefälles zwischen Reichen und Armen) Gedanken machen. Im Bericht der Weltbank von 2000 zur Entwicklung wird sogar behauptet, dass die steigende Ungleichheit der Einkünfte nicht als negativ angesehen werden sollte. Diese Organisationen dürfen kaum als 'international' bezeichnet werden. Zwar werden dort fast alle Länder der Welt vertreten, aber die jeweiligen Länder ziehen in erster Linie ihre eigenen Interessen in Betracht und nicht die der gesamten Welt (Wade, 'Gewinner und Verlierer', The Economist, April 2001).
Dieses Argument erregt starken Zweifel an der Fähigkeit der internationalen Institute, auf die Bedürfnisse der Senioren adäquate Antworten zu geben. Der den Globalisierungsprozess strukturierende neoliberale Konsens hat von vornherein viele soziale und wirtschaftliche Probleme der älteren und ältesten Menschen offensichtlich nicht behandelt. Der von den vorherrschenden Organisationen - so z.B. IWF und Weltbank - praktizierte Neoliberalismus hat meist die Schwierigkeiten dieser Menschen verschärft, z.B. durch den zugunsten einer Privatisierung der grundwichtigsten öffentlichen Dienste, Umstrukturierung des wirtschaftlichen Systems und Reduzierung des Altersrenten ausgeübten Druck.
Übersetzung: Anna Crames-Magdwick Ehrenamtliches Übersetzungs-Team, coorditrad@attac.org
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