| | Buchempfehlung Robert Brenner: Boom & Bubble. Die USA in der Weltwirtschaft. von Thomas Sablowski wissenschaftlicher Beirat bei Attac, Berlin
Zum Buch von R. Brenner und vor allem zu der stürmischen Debatte über seine Thesen, wie sie im angelsächsischen Sprachraum seit 1998 statt findet, wird auf der Sommerakademie in Münster ein Workshop angeboten. Titel : 'Keynes oder Brenner - die Debatte zur Einschätzung der Krisentendenzen der Weltwirtschaft'. Moderation: Peter Strotmann, Attac-Berlin. Samstag, 2.8.2003, 14:00-18:00 Uhr
Die gegenwärtige Situation stellt gewaltige Herausforderungen an die globalisierungskritische Bewegung: Waren die 1990er Jahre bereits durch eine Zunahme von Finanzkrisen in den so genannten 'Schwellenländern' und die anhaltende Deflation in Japan gekennzeichnet, so ist es wohl nicht übertrieben zu sagen, dass die Weltwirtschaft insgesamt heute am Rande eines Abgrunds steht. Selbst der IWF warnt in einer neuen Studie vor dem Szenario einer globalen Deflation. Die sozialen Verwerfungen, die eine anhaltende Krise gepaart mit weiter steigender Massenarbeitslosigkeit und verschärftem Sozialabbau mit sich bringt, liegen auf der Hand. Gleichzeitig erleben wir den Übergang zu einer auf Dauer gestellten Kriegspolitik, die primär von der US-amerikanischen Regierung vorangetrieben wird. Eine realistische Einschätzung dieser Prozesse ist dringend notwendig, um strategische Fehler zu vermeiden. Dabei stellen sich jedoch eine Reihe von grundlegenden Fragen: Wie sind die Chancen für eine mittelfristige Regenerierung des Kapitalismus einzuschätzen? Handelt es sich gegenwärtig doch nur um eine Konjunkturkrise, die bald vorüber ist? Könnte es nicht sein, dass wir nach der Überwindung der Krise doch noch den Übergang zu einer 'New Economy' erleben, zu einem länger anhaltenden Aufschwung der Kapitalakkumulation auf der Basis der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien? Oder ist es wahrscheinlicher, dass der seit den 1970er Jahren zu beobachtende Rückgang der Wachstumsraten anhält, dass Verteilungskonflikte sich weiter verschärfen und der Auflösungsprozess sozialstaatlicher und demokratischer Regulierungsmuster voranschreitet? Ist eine Reformpolitik, die auf eine 'Bändigung' und 'Zivilisierung' des Kapitalismus zielt, noch realistisch, oder ist es nicht notwendig, die Frage einer alternativen Produktionsweise wieder auf die Tagesordnung zu setzen? Und bezogen auf die gegenwärtige Kriegspolitik und den neuen Militarismus: Wie sind die Widersprüche einzuschätzen, die zwischen den kapitalistischen Zentren im Vorfeld des Irakkrieges deutlich wurden? Zeichnet sich eine Rückkehr zum traditionellen Imperialismus ab, bei dem die ökonomischen Interessen von Nationalstaaten oder regionalen Wirtschaftsblöcken bezüglich der Sicherung von Rohstoffen, Absatzmärkten und Kapitalanlagesphären aufeinanderprallen? Oder haben wir es mit einer neuen Form von Weltinnenpolitik zu tun, mit den Konturen eines globalen 'Empire' unter der Führung des 'Weltpolizisten' USA? Kann man noch von einer Hegemonie der USA sprechen, oder handelt es sich um eine im Niedergang begriffene Weltmacht, die ihren ökonomischen Abstieg militärisch zu kompensieren versucht?
Robert Brenners Buch 'Boom & Bubble. Die USA in der Weltwirtschaft' ist ein wichtiger Beitrag zur Diskussion dieser Fragen. Wie der Titel signalisiert, ist der Gegenstand des Buches im Kern der außergewöhnliche Konjunkturzyklus der 1990er Jahre in den USA, der mit relativ hohen Wachstumsraten Anlass zu der Diskussion über eine 'New Economy' gegeben hat, der mit der enormen spekulativen Blase an den Aktienmärkten verbunden war und schließlich in dem bis heute andauernden Konjunktureinbruch mündete. Es handelt sich jedoch nicht nur um eine Abhandlung über die US-Wirtschaft der 1990er Jahre, sondern auch um eine Darstellung der Entwicklungsdynamik der Weltwirtschaft seit dem 2. Weltkrieg. Denn Brenner geht von der Grundannahme aus, dass die Entwicklung der USA nur im Kontext der Weltwirtschaft insgesamt verstanden werden kann und dass konjunkturelle Bewegungen wie die der 1990er Jahre vor dem Hintergrund längerfristig wirksamer, struktureller Entwicklungstendenzen analysiert werden müssen. Ins Zentrum seiner Erklärung der weltwirtschaftlichen Dynamik stellt Brenner - sehr verkürzt gesagt - die Verschärfung der globalen Konkurrenz durch die nachholende Industrialisierung zunächst Japans und Westeuropas, dann der ostasiatischen 'Schwellenländer', die zum Aufbau von Überkapazitäten in der verarbeitenden Industrie und damit zum Sinken der Profitraten geführt habe. Die anhaltende Stagnationstendenz führt Brenner darauf zurück, dass die Entwertung von Kapital und damit der Abbau der Überkapazitäten blockiert sei. (Dies hat Brenner in einer Abhandlung in der Zeitschrift New Left Review 1998 deutlicher ausgeführt als in seinem neuen Buch.) In dem Maße, in dem die Produzenten fixes Kapital (d.h. Kapital, das in Maschinen und Anlagen gebunden ist) besitzen, sei es für sie rational, auch mit veralteten, weniger produktiven Produktionsmethoden weiterzuproduzieren und ihren Marktanteil zu verteidigen, solange sie noch den Durchschnittsprofit auf ihr zirkulierendes Kapital (d.h. das für Rohstoffe, Vorprodukte und Löhne verauslagte Kapital) erwirtschaften. Eine Verdrängung und Marktbereinigung könne nur um den Preis einer sinkenden Durchschnittsprofitrate stattfinden. Die großen Verschiebungen der Währungsrelationen nach dem Zusammenbruch des Bretton Woods-Systems erscheinen dann jeweils als Wendepunkte, an denen die Export- und Wachstumschancen neu verteilt werden, so dass eine Volkswirtschaft oder Triadenregion auf Kosten der anderen das Problem der Überkapazitäten zeitweise für sich entschärfen kann. Den Ausgangspunkt für den US-amerikanischen Boom der 90er Jahre sieht Brenner in der Wiederherstellung der Profitabilität des Industriekapitals. Durch den 'monetaristischen Schock' Ende der 70er Jahre, die Hochzinspolitik unter dem damaligen Zentralbankchef Paul Volcker und Präsident Ronald Reagan wurde zunächst die Restrukturierung des Industriekapitals auf Kosten der Lohnabhängigen erzwungen. Die Kehrseite der Hochzinspolitik war freilich ein mit dem ansteigenden Dollar-Kurs verbundenes wachsendes US-amerikanisches Leistungsbilanzdefizit. Mit dem auf eine Abwertung des Dollars zielenden Plaza-Abkommen der G5-Staaten (USA, Japan, BRD, Frankreich, Großbritannien) von 1985, das dann tatsächlich zu einer zehnjährigen Phase der Dollarabwertung führte, wurde die internationale Wettbewerbsfähigkeit des US-amerikanischen Kapitals wieder hergestellt. Der exportgeleitete Boom, der dadurch ermöglicht wurde, ging jedoch insbesondere auf Kosten Japans, so wie sich der japanische Exporterfolg in den 80er Jahren auf Kosten der US-amerikanischen Produzenten entwickelt hatte. 1995 sahen sich die USA - die mexikanische Pesokrise vor Augen - zu einer Rettungsaktion zugunsten Japans gezwungen. Mit dem 'umgekehrten Plaza-Abkommen' wurde nun ein höherer Dollarkurs durchgesetzt, der die japanische und die deutsche Exportwirtschaft begünstigte. Obwohl die US-amerikanische Exportindustrie durch die erneute Dollaraufwertung wieder in Schwierigkeiten geriet, hielt der Boom in den USA an. Der hohe Dollarkurs sorgte nämlich nun für einen enormen Kapitalzufluss in den USA, der ein kreditfinanziertes, binnenmarktzentriertes Wachstum ermöglichte. Die USA erwiesen sich nicht zuletzt auch als sicherer Hafen für das Kapital, das infolge der Krisen in Ostasien, Brasilien und Russland 1997/98 dort abgezogen wurde. Der Boom wurde begleitet von einer außergewöhnlichen Hausse der Aktienpreise, die auch dann noch anhielt, als die Profitrate in den USA schon wieder zu sinken begann. Dabei spielte auch die Geldpolitik der US-amerikanischen Zentralbank unter Alan Greenspan eine wichtige Rolle, die ein Übergreifen der Asienkrise auf die USA unterband. Eine Bankenkrise infolge des Zusammenbruchs des Hedgefonds LTCM, der sich 1998 mit Derivatgeschäften in Russland verspekuliert hatte, wurde entschlossen verhindert, indem die Federal Reserve einige Großbanken zu einer konzertierten Rettungsaktion bewegte und als Lender of last resort für ausreichende Liquidität sorgte. Der Kapitalzufluss in den USA und die Spekulation auf die 'New Economy' führten zu einem steilen Anstieg der Aktienkurse. Die aus den hohen Aktienkursen resultierenden Vermögensgewinne, die den Zugang zu Krediten erleichterten und so sowohl den Konsum als auch die Investitionen anregten, unterstützten zusätzlich den Boom. Im Frühjahr 2000 platzte jedoch die spekulative Blase, die sich an den Aktienmärkten aufgebaut hatte. Es wurde deutlich, dass nicht zuletzt in dem zuvor gefeierten Internet- und Telekommunikationssektor erhebliche Überinvestitionen stattgefunden hatten. Eine abwärts gerichtete Bewegung wurde nun in Gang gesetzt. In historischer Perspektive zeigt sich, dass der Boom der 90er Jahre zwar ein höheres Wachstum mit sich brachte als in den 80er Jahren, dass er jedoch im Vergleich zu den 50er und 60er Jahren keineswegs außergewöhnlich war. Von einer nachhaltigen Überwindung der Konjunkturzyklen und der Stagnationstendenz durch eine 'New Economy' kann jedenfalls nach Brenners Analyse keine Rede sein. Vielmehr droht in den USA erneut eine langanhaltende Krise ähnlich wie in Japan. Das Problem der Überkapazitäten und der rückläufigen Profitabilität, das am Anfang des 'long downturn' der 70er und 80er Jahre stand, ist wieder aktuell. Das Verdienst von Brenners Analyse, die hier natürlich nur in äußerst verkürzter Form skizziert werden kann, liegt vor allem darin, dass er mit konkretem Datenmaterial und sehr plausibel - insbesondere bezogen auf das Verhältnis zwischen den USA, Japan und Deutschland - die internationalen Verflechtungen darstellt, die ein wesentliches Moment der heutigen Weltwirtschaft sind. Diese erscheint als ein Ensemble miteinander verbundener Räume, deren Geschicke nicht zuletzt von den Währungsrelationen abhängen. Brenners Darstellung dieser gegenseitigen Abhängigkeiten unterscheidet sich wohltuend von Beiträgen, die in undifferenzierter Weise über Globalisierung philosophieren, ebenso wie von der Debatte über die Vor- und Nachteile der Regulierungsformen einzelner Nationalstaaten, in der diese mehr oder weniger unabhängig nebeneinander zu existieren scheinen. Allerdings liegen auch die Grenzen von Brenners Ansatz klar auf der Hand. Er beschränkt sich weitgehend auf eine Analyse der makroökonomischen Zusammenhänge. Die sozialen Verhältnisse, die Akteure, die Institutionensysteme, die letztlich für die ökonomische Entwicklung ausschlaggebend sind, tauchen in seiner Analyse kaum auf. Damit fällt er z.B. weit hinter die Regulationstheorie und ähnliche Kapitalismusanalysen zurück. Auch die von Brenner zugrunde gelegte Krisentheorie, die im wesentlichen auf Überproduktion, andauernde Überkapazitäten und die Exportkonkurrenz in der verarbeitenden Industrie abstellt, ist zumindest einseitig. Eine Analyse der Entwicklung des Produktionsprozesses und der Arbeitsorganisation fehlt bei ihm ganz und gar. Trotz dieser Mängel ist Brenners Buch unbedingt jeder und jedem zu empfehlen, die/der eine bündige, faktenreiche Darstellung der wesentlichen Etappen der weltwirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte sucht.
Durchgesehene deutsche Ausgabe mit einer neuen Einführung des Verfassers. Aus dem amerikanischen Englisch übertragen und mit einem Nachwort versehen von Frieder Otto Wolf. VSA-Verlag, Hamburg, 2002. ISBN 3-87975-886-7
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