Sand im Getriebe (SiG) #21
internationaler deutschsprachiger Rundbrief der ATTAC-Bewegung

Israel und das neue Paradigma der Globalisierung
Um Mitternacht ein Klopfen
Antizionismus ist nicht Antisemitismus
Europäische Juden für einen gerechten Frieden
Europäische Juden fordern Sanktionen gegen Israel
Uri Avnery zur 'road map'

Um Mitternacht ein Klopfen
Uri Avnery, 19.04.2003

Es war eine fast unglaubliche Zeitungsstory, um die Staatskasse in Ordnung zu bringen, hat das Erziehungsministerium entschieden, Hunderte von Lehrern zu entlassen. Eine private Gesellschaft erhielt den Auftrag, den entlassenen Lehrern die bittere Nachricht zu überbringen. Zwei Tage vor Pessach, einem der Höhepunkte des jüdischen Kalenders - für religiöse genau so wie für nicht religiöse Juden - dann, wenn die Familien für eine fröhliche Sederfeier um den Tisch versammelt sind, zogen die Boten der Gesellschaft hinaus, um ihren Job zu tun. Sie klopften um Mitternacht an die Türen und überbrachten die Kündigung. Selbst die israelische Öffentlichkeit, die sich schon kaum mehr über etwas aufregt, war einen Augenblick lang schockiert. Wie konnte so etwas passieren? Hätte man nicht bis nach dem Fest warten können? Was für eine Gemeinheit!

Für mich bedeutete dies mehr als nur einen Fehler irgend eines Regierungsbüros. Es ist gleichsam ein symbolischer Akt, der all das widerspiegelt, was im heutigen Israel nicht in Ordnung ist.

Zunächst die Grausamkeit. Natürlich war es nicht absichtlich. Die Ministerin für Bildung und Erziehung hat dem privaten Unternehmer nicht gesagt, überreicht das Kündigungsschreiben in möglichst schmerzvoller Weise. Die Unternehmer hatten sich nicht zusammengesetzt und entschieden: machen wir dies kurz vor Pessach, und klopfen wir in der Mitte der Nacht an ihre Türen, so wie Stalins Geheimpolizei oder wie die israelischen Soldaten der Spezialeinheiten in Nablus.

Nein, keiner hat dies entschieden. Keiner hat darüber nachgedacht. Genau das ist das Erschreckende: die totale Gefühllosigkeit.

Das wäre vor drei oder vier Jahren noch unmöglich gewesen. Irgend jemand hätte beizeiten interveniert und geschrien: Was macht ihr eigentlich? Seid ihr verrückt geworden? Die Juden haben sich selbst immer als ' mitleidende Kinder der Mitleidenden' empfunden. Sie glaubten immer, dass Mitleid eine jüdische Erfindung sei und zitierten die alten Texte (wie das ausdrückliche Sabbatgebot in den Zehn Geboten, das den Juden befiehlt, auch ihre Sklaven und die Tiere an jedem 7. Tag ruhen zu lassen.) Nietzsche, der Mitleid verabscheute, klagte das Judentum an, eine Mitleidsmoral geschaffen zu haben.

Die neue hebräische Gesellschaft, die in diesem Lande aufgebaut wurde, war immer stolz auf ihre 'Verantwortung für einander', die Tatsache, dass keiner in unserer Gesellschaft hungert, dass die Behinderten, Kranken, Alten und Arbeitslosen von der ganzen Gesellschaft mitgetragen werden. Als ich einmal gefragt wurde, was es mir in meiner Kindheit bedeutet hat, Jude zu sein, nannte ich das Mitleid, verbunden mit dem Bemühen um Gerechtigkeit, Gewalt zu verabscheuen, für den Frieden zu kämpfen und Bildung zu schätzen.

So ist es nicht mehr. Nach zwei Jahren der Al Aksa-Intifada sind die Gefühle der israelischen Gesellschaft fast vollkommen abgestumpft. Die schrecklichen Dinge, die täglich geschehen in den besetzten Gebieten, passieren, ohne Erwähnung zu finden. 'Absperrungen' und Ausgangssperren, die monatelang dauern, Hunger und Durst, Kranke sterben wegen mangelnder medizinischer Behandlung, die Zerstörung von Häusern und das Entwurzeln ganzer Olivenhaine - dies sind Peanuts, Routineangelegenheiten. Von Scharfschützen in ihren Wohnungen oder auf den Straßen erschossene Männer, Frauen und Kinder? Wen kümmert das schon?'

Die von einem riesigen Bulldozer zermalmte junge Amerikanerin, als sie versuchte, die Zerstörung eines palästinensischen Hauses zu verhindern? Na und. Sie hat es verdient. Ein Steine werfender palästinensischer Junge von einem Panzer aus erschossen? Drei Zeilen in der Zeitung - vielleicht nicht einmal das.

Die Gefühllosigkeit hat sich aus den besetzten Gebieten nun nach Israel selbst ausgebreitet. Zeitungsfotos zeigen, wie Menschen in Abfallbehältern herumwühlen. Nun, so ist es eben. Schicken Regierungsbüros hungrige, arme Leute zu einer kostenlosen Mahlzeit zu privaten Wohlfahrtseinrichtungen? Wer kümmert sich schon darum.

Der neue Finanzminister, Binyamin Netanyahu, der für einen einzigen Vortrag in den USA 50000 Dollar Honorar erhält, hat einen Wirtschaftsplan vorgelegt, der die Ärmsten der Armen schmerzhaft trifft. Er reduziert die monatliche Altersrente (auf weniger als 300 Euro), die Kinderbeilage, die Arbeitslosenrente, den Zuschuss für Heimunterbringung zurückgebliebener Kinder und der Alten, auch das Erziehungs- und Gesundheitsbudget.

Revoltiert die Öffentlichkeit? Gehen die Studenten en masse auf die Straße? Explodieren die Medien deshalb vor Wut? Setzt die Opposition in der Knesset - falls es so etwas überhaupt gibt - Himmel und Erde in Bewegung? Überhaupt nicht.
Die Histadrut (Vereinigte Gewerkschaften), die die stärksten und reichsten Arbeiterkomitees vertritt, droht mit einem Generalstreik. Was noch? Hier und da gibt ein Politiker ein Statement von sich und hofft so, in die Schlagzeilen zu kommen. Hier und da protestieren eine Handvoll Leute, die ein Gewissen haben. Ab und zu schreibt ein Kolumnist einen empörten Artikel. Und das ist es dann. So werden die Armen etwas ärmer und die Reichen etwas reicher. Ist das etwas Neues?

Als Nethanyahu selbst nach diesem Plan befragt wurde, hielt er sich an die wohl bewährte israelische Linie: 'Es gibt keine Alternative.' Die israelische Wirtschaft geht abwärts. Das ist die Schuld Arafats. Die Intifada hat unsere Wirtschaft zerstört. Und das ist neu und insgesamt mit weit reichenden Folgen.

Dies muss erklärt werden: Länger als fünf Jahrzehnte erfreute sich die israelische Gesellschaft der angenehmen Illusion, dass es überhaupt keine Verbindung gäbe zwischen unserer Politik gegenüber den Arabern und unserer wirtschaftlichen Situation. Das war ein Grundstein unseres nationalen Bewusstseins. Während meiner zehn Jahre als Knessetabgeordneter hielt ich wenigstens hundert Reden genau über dieses Problem. In Debatten über die Wirtschaft wies ich auf die Sicherheitspolitik und die Besatzung hin. In Debatten über die Sicherheitspolitik stellte ich Fragen zu den wirtschaftlichen Kosten.

Jede dieser Reden verursachte wütende und ungeduldige Reaktionen aus allen Teilen des Hohen Hauses. Während Sicherheitsdebatten schrie man mich an: 'Was hat das mit unserer Wirtschaft zu tun? Wir reden jetzt über Terrorismus!' In Debatten um die Wirtschaft schrie man: 'Wir reden über Wirtschaft. Warum bringst du jetzt deine Palästinenser hier herein?' (Nur einmal in all den Jahren zog mich ein Stellvertreter des Finanzministers im Flur beiseite und sagte: 'Sie sind der einzige, der vernünftig redet.' (Ich bin kein Wirtschaftsfachmann. Ich fühlte mich geschmeichelt.)

Dieses Ignorieren der Kosten des Krieges und der Besatzung hat seltsame Resultate gehabt: die ärmsten Leute, die Arbeitslosen und die Bewohner der heruntergekommenen, sog. 'Entwicklungsstädte' haben immer den Likud gewählt. Bei den letzten Wahlen wählten sie einstimmig Sharon. Sie haben nur zwei Forderungen: die Araber niederzuschlagen und die wirtschaftliche Krise zu beenden. Sie sahen zwischen den beiden keinen Widerspruch und keinen Zusammenhang.

Aber seit einigen Monaten verändert sich etwas im öffentlichen Bewusstsein. Um der Klage, die Wirtschaftspolitik der Regierung hätte die Depression verursacht, entgegenzutreten, mussten die Sharonleute zugeben, dass die Intifada die Hauptursache sei, auch wenn die weltweite Krisis noch dazu kommt. Die Intifada hat der Tourismusbranche, einem der wichtigsten Sektoren unserer Wirtschaft, einen schweren Schlag versetzt. Ausländische Investitionen, die wesentlich für das ökonomische Wachstum sind, sind zum Erliegen gekommen. Die riesige Armee, die für den Kampf gegen die Intifada nötig ist, verschlingt - zusammen mit den Siedlern - einen ungeheuren Teil unseres Sozialproduktes (viele Male mehr pro Kopf als in den USA)

Einige Leute hoffen, dass wenn die Depression sich ausweitet, dann werden sich die 'schwachen Schichten' (wie die Armen in Israel genannt werden) eines Tages gegen die Sharonregierung erheben; die Massen werden die Straßen füllen und die Regierung stürzen. Das mag zu optimistisch klingen. Aber wenigstens kann man von der Nacht träumen, wenn um Mitternacht die Leute an die Tür der Regierung klopfen und ihr die Entlassungsurkunde aushändigen.

(Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)