Sand im Getriebe (SiG) #21
internationaler deutschsprachiger Rundbrief der ATTAC-Bewegung

Israel und das neue Paradigma der Globalisierung
Um Mitternacht ein Klopfen
Antizionismus ist nicht Antisemitismus
Europäische Juden für einen gerechten Frieden
Europäische Juden fordern Sanktionen gegen Israel
Uri Avnery zur 'road map'

Israel und das neue Paradigma der Globalisierung
Thomas Coutrot

In 'Grain de Sable' Nr. 411 am 21.3.2003 erschienen.
www.attac.org/attacinfo/attacinfo411.pdf

Arbeitslosigkeit, Staatsdefizit, Abwertung des Schekels: der israelischen Wirtschaft scheint es ernsthaft schlecht zu gehen. Zur Jahrtausendwende ging alles noch gut. Die Osloer Abkommen eröffneten im Mittleren Orient den Weg zu einem triumphierenden Neoliberalismus. Der Freihandel und die Integration des Handels erlaubten es der arabischen und israelischen Bourgeoisie schnell, die 'Dividenden des Friedens' in einem gemeinsamen Markt des Mittleren Orients, der sich auf Israel konzentriert, im Rahmen des Freihandelsraums europäisches Mittelmeer und der durch den Prozess von Barcelona versprochenen Demokratie, zu ernten. Der Boom der 'New Economy? eröffnete Israel herrliche Perspektiven für eine Integration in die High-Tech-Globalisierung.

Aber im Jahr 2000, durch die Auswirkungen des NASDAQ-Börsenkrachs und der zweiten Intifada, verliert die israelische Wirtschaft plötzlich den Boden unter den Füßen. Im folgenden Jahr kommen Sharon und Bush Jr. an die Macht, und Bin Laden versetzt der USA einen Schlag. Der Mittlere Orient und die Welt stürzen sich in den 'Krieg ohne Grenzen'. Aber jeder Krieg ist teuer. Auch wenn einige Branchen - die Lobby der 'Militärindustrie' - von der Kriegswirtschaft profitieren, stellt sich die Frage, ob die israelische Regierung auf lange Sicht die Mittel hat, ihre Politik der Unterdrückung des palästinensischen Volkes und der progressiven Kolonialisierung der besetzten Gebiete fortzusetzen. Oder zwingen die wirtschaftlichen und sozialen Widersprüche als Folge dieser Politik nicht vielmehr die israelischen Eliten, die Friedenssuche wieder auf die Tagesordnung zu setzen? Auch und insbesondere in Israel ist die Wirtschaft von der Politik abhängig; aber kann sich die Politik für immer von den wirtschaftlichen Zwängen befreien?

Rückbesinnung auf Oslo
Die Auswertung des Scheiterns der Osloer Abkommen ist ein Schlüsselfaktor für das Verstehen der Dynamik des Nahen Ostens. Diese Abkommen befinden sich in einer außergewöhnlichen politisch-strategischen Dynamik, dem 'Ende der Geschichte': der Mauerfall von Berlin, der Zusammenbruch der Sowjetunion, dann der erste Golfkrieg, an dem fast alle arabischen Länder dieser Region an der Seite der USA teilnehmen, bedeuten eindeutig das Ende einer Epoche, in der Israel die Rolle innehatte, einziger Vertreter der amerikanischen Interessen zu sein. Das neue strategische Projekt der USA (eingeleitet seit dem israelisch-ägyptischen Frieden von 1979) zielt darauf ab, unter der US-Vorherrschaft die Region zu befrieden, Märkte zu vereinen und diese für westliche Unternehmen und Investoren wirtschaftlich und finanziell zu öffnen. Für Israel bedeutet dies, sich endgültig von seinem Modell der Staatswirtschaft zu verabschieden, in dem der Staat (und die Gewerkschaftszentrale Histadrut) die Mehrheit der großen Unternehmen kontrolliert und in dem die (staatliche) Waffenindustrie eine zentrale Rolle spielt. Die Privatisierungs- und Deregulierungspolitiken, eingeleitet durch den Likud 1979, dann durch die nachfolgenden Regierungen wieder aufgenommen, erleben also eine deutliche Beschleunigung. Oslo schildert die 'Dividenden des Friedens' in den verlockendsten Farben, das heißt die Normalisierung mit den arabischen und islamischen Ländern, die Durchdringung neuer Exportmärkte, die Anziehung ausländischer Investitionen aus den USA, Japan und Europa, und eventuell die industrielle Integration mit Palästina, das sich auf die Zulieferung für den Bedarf der israelischen Wirtschaft spezialisieren würde. Man hätte also annehmen können, dass die israelische Bourgeoisie der palästinensischen Wirtschaft eine Rolle in ihrem strategischen Projekt zugedacht hätte, natürlich eine zweitrangige und untergeordnete Rolle, aber immerhin eine Rolle.

Und tatsächlich ermöglicht das Unterzeichnen der Osloer Abkommen einen Boom der israelischen Wirtschaft. Dank den Abkommen steigen die israelischen Exporte durchschnittlich um 8% pro Jahr [1]. Die russische Einwanderung trägt ihren Teil zum Wirtschaftswachstum bei [2], und das Wachstum erreicht 6% pro Jahr (dies entspricht 2% des BIP pro Einwohner). Aber die wirtschaftliche Einigung durch die Unterordnung der palästinensischen Gebiete, falls sie je einen attraktiven Horizont für das israelische Kapital und die palästinensische Bourgeoisie darstellen könnte, steht ganz im Gegensatz zu der grundsätzlichen Natur der Osloer Abkommen. Man weiß, dass diese aus 'Sicherheitsgründen' eine Aufteilung der Gebiete in unterschiedliche Arten von Zonen vorsahen [3], wonach nur 40% des Westjordanlands, in 200 nicht aneinandergrenzende Zonen aufgeteilt, unter palästinensischer Kontrolle belassen werden sollten.

In der Praxis hat Israel zwischen diesen Zonen solche Hindernisse eingerichtet (ständige Kontrollpunkte, sporadische, aber wiederholte Sperrungen), dass die wirtschaftliche Aktivität in Westjordanland und Gaza komplett durcheinander geriet. 'Die Gründe des wirtschaftlichen Untergangs Palästinas sind zahlreich, drehen sich aber um ein wesentliches Thema: die israelische Abriegelungspolitik. Die Sperrungen schränken die Bewegungen der Arbeitskräfte und der Güter ein und verhindern jede vernünftige wirtschaftliche Tätigkeit' [4]. Man schätzt, dass Israel zwischen 1993 und 1996 das Westjordanland und Gaza ungefähr jeden dritten Tag abgeriegelt hat [5]. Da Israel zur gleichen Zeit eine besessene Kolonialisierungspolitik verfolgte, welche die Anzahl jüdischer Siedler im Westjordanland verdoppelte - was zum Teil die Bedeutung der Sicherheitsmaßnahmen erklärt, die durch die israelische Armee in den besetzten Gebieten ausgeführt wurden -, wird deutlich, dass ein solcher 'Friedensprozess' nur zu einer Katastrophe führen konnte. Auch wenn man es bedauern kann, resultiert die aus Sicht der palästinensischen Bevölkerung Legitimität der Selbstmordattentate, die auch jene gegen die israelische Zivilbevölkerung einschließen, aus den objektiven Bedingungen der Erniedrigung und des Elends, die diese Bevölkerung ertragen müssen.

Man kann die Hypothese aufstellen, dass der Zusammenbruch der palästinensischen Wirtschaft, offensichtlich für alle Beobachter, die israelischen Wirtschaftseliten gleichgültig gelassen hat, da sie zu sehr damit beschäftigt waren, ihren neuen Platz in der Globalisierung und in der 'New Economy', die Ende der 90er Jahre durch den Internetboom begann, zu verhandeln. In der Tat fand in dieser Periode ein außergewöhnlicher High-Tech-Aufschwung der israelischen Wirtschaft statt, der den natürlichen New Yorker Tropismus der Tel Aviver Eliten verstärkte. Gleichzeitig wurde freie Bahn für eine Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen in den besetzten Gebieten, die wirtschaftlich vernachlässigbar geworden sind, gelassen.

Neoliberalismus, Zionismus, Frieden: eine unlösbare Gleichung

Im Laufe der 80-90er Jahre erlebte die israelische Wirtschaft eine tiefgehende Umstrukturierung. Obwohl der Staat ein wichtiger Eigentümer bleibt (er kontrolliert noch 14% der industriellen Produktion), verstärken die Privatisierungen und die Fusionen/Akquisitionen die Konzentration der israelischen Wirtschaft deutlich, die sich nun in den Händen von fünf großen Hauptgruppen befindet [6]: Diese kontrollieren direkt 53% der Handelsbanken und 38% des Umsatzes der israelischen Industrie. Dieser Konzentrationsprozess wird begleitet von einer Eingliederung in die internationale Finanzwelt. 1998 wurden an der Tel Aviver Börse 14% der Aktienanteile von Ausländern gehalten (im Vergleich zu 3% fünf Jahre zuvor); alle wichtigen High-Tech-Unternehmen [7], die während des Booms der 'New Economy' ein außergewöhnliches Wachstum erlebt hatten, sind jetzt an der Wall Street notiert und werden hauptsächlich von ausländischen Investoren gehalten. Die israelische Hochtechnologieindustrie erlebte einen außergewöhnlichen Aufschwung aufgrund zweier Konkurrenzvorteile: die praktische Erfahrung aus der Waffenindustrie und die Verfügbarkeit von hochqualifizierten Arbeitskräften [8], die in den Start-Ups und den High Tech Gruppen arbeiteten. Aber sie hat sich auch auf radikale Weise internationalisiert (oder vielmehr amerikanisiert), was jedoch auch neue Probleme aufgeworfen hat: Zu der strategischen und militärischen Abhängigkeit von der USA kam von nun an eine wirtschaftliche Abhängigkeit hinzu, was die nahezu perfekte Korrelation der Tel Aviver Börse und des NASDAQ attestiert [9].

Von diesem neoliberalen Wirtschaftswachstum profitierte in Israel auf eine groteskere Weise als anderswo ausschließlich eine Minderheit der Bevölkerung, und dies provozierte ein spektakuläres und unbestrittenes Ansteigen der sozialen Ungleichheit. Schon in den 80er Jahren hat die ultraliberale 'Schocktherapie', die der israelischen Wirtschaft auferlegt wurde, um die Hyperinflation auszumerzen und das staatliche Modell durch beschleunigte Privatisierungen anzugreifen, eine in Israel bisher unbekannte Arbeitslosigkeit aufflammen lassen. Das war eine erste ernsthafte Bruch in den Versprechungen des Zionismus, nach dem es für jeden Juden, der sich in Israel niederlassen möchte, eine Wohnmöglichkeit und einen Arbeitsplatz gibt. Nach einem Höhepunkt von 11% im Jahre 1992 ging die Arbeitslosigkeit auf 8% im Jahre 1996 zurück; aber seit 1997 nimmt sie wieder zu, und mit einer Beschleunigung 2001-2002 befindet sie sich heute wieder bei 11%.

Vom wesentlichen Teil des BIP-Wachstums zwischen 1990 und 2000 profitierten privilegierte Schichten [10]. Es handelt sich nicht nur um das Hoch der Tel Aviver Börse, deren Profite natürlich nahezu vollständig an die Wohlhabendsten gingen, sondern auch im Bereich der Arbeitnehmer tat sich eine Kluft zwischen der höheren Ebene und der Basis auf: Zwischen 1994 und 2000 stieg das Einkommen einer Führungskraft vom 30-fachen auf das 40-fache des Mindesteinkommens. Die Ungleichheiten haben sich auch zwischen den unterschiedlichen ethnischen Gruppen entwickelt, die das israelische Mosaik bilden: Wenn man davon ausgeht, dass das durchschnittliche Jahreseinkommen 100 beträgt, stieg zwischen 1990 und 1999 das Einkommen der Aschkenasim [11] von 125 auf 139, das Einkommen der Sephardim [12] von 81 auf 92, während das der arabischen Israeli von 75 auf 66 sank. Aber auch innerhalb dieser Gruppen verschärfen sich die Ungleichheiten. 'In den 50er Jahren war das 'sozialistische' Israel eines der egalitärsten Länder, und die 20% der Reichsten verdienten nur das 3,3-fache der 20% der Ärmsten. 1995 (...) wird Israel zum Land mit den größten sozialen Unterschieden unter den entwickelten Ländern, und das Verhältnis steht bei 21,3, im Vergleich zu 'nur' 10,6 in den USA (Nitzan, Bichler, S. 350-351). Die Armutsquote der Israeli steigt von 24% auf 31% zwischen 1979 und 1999 (Adva, 2002).

Diese interne Spaltung der israelischen Gesellschaft, die zeitlich mit der massiven Ankunft von Einwanderern (Afrikanern in den 80er Jahren, Russen in den 90er Jahren), dann mit dem 'Friedensprozess', zusammenfällt, führt zu einem möglicherweise dramatischen Zerfall des inneren Konsenses, der die Stärke des zionistischen Staates ausmachte. In der Tat beschädigt der Ausbruch der Ungleichheiten den Mythos der Einigkeit des jüdischen Volks, während die Anerkennung Israels durch die PLO und durch die Gesamtheit der arabischen Länder das Ende der externen Bedrohung bedeutet. Darin besteht eine tödliche Gefahr für das zionistische Projekt selbst, dessen ganze Dynamik auf das Gefühl der Lebensbedrohung zurückgeht, das auf den Juden lastet. Laut Moshe Sharet, Ministerpräsident in den 50er Jahren und gemäßigter Zionist, meinte Ben Gourion, dass 'wir ohne die zivilen und militärischen Spannungen (...) keine kämpfende Nation hätten, und ohne ein kämpfendes Regime sind wir verloren'. Denn 'nur ein ständiger Kriegszustand kann das immigrierte Gesindel in einen 'neuen hebräischen Menschen' verwandeln' [13].

Man versteht so die zögerliche Haltung der israelischen Eliten, ihre Ausflüchte und ihren grundlegend fehlenden Willen, die Osloer Abkommen tatsächlich umzusetzen, zweifellos besser. Die 'Fehler' Baraks und seiner scheinbar inkonsequenten Politik resultieren wahrscheinlich zu einem großen Teil aus dieser grundsätzlichen Unfähigkeit der zionistischen Eliten, auf die kittende Angst zu verzichten, die ihre Gesellschaft zusammenhalten und gleichzeitig ihre interne Vorherrschaft bewahren soll. Der High-Tech-Neoliberalismus (dessen politische Vertretung in Israel die Arbeiterpartei ist) möchte den Frieden. Aber die sozialen Auswirkungen seiner Wirtschaftspolitik untergraben den sozialen Zusammenhalt und die Legitimität der Eliten und drängen unabwendbar zur Militarisierung gegen den 'Terrorismus' und gegen die 'Unsicherheit'. Aber auch über die zionistischen und kolonialistischen Irrungen hinaus illustriert Israel auf karikaturistische Weise den teuflischen Mechanismus der neoliberalen Globalisierung.

Das schwarze Jahr 2000
In diesem Jahr kommen alle Widersprüche zur gleichen Zeit ans Tageslicht. Der NASDAQ und der Friedensprozess brechen gleichzeitig zusammen, was nicht ganz zufällig passiert. Die Wirtschaft begann bereits 1998 aufgrund der Asien- und Russlandkrisen zurückzugehen, da diese die Nachfrage nach geschliffenen Diamanten, einem Hauptexportgut Israels, verringerten. Außerdem ließ das Nachlassen der Einwanderung einen Hauptfaktor der Wirtschaftsdynamik ins Stocken geraten. Bis ins Jahr 2000 wird die Wirtschaft noch durch den spekulativen Boom der 'New Economy' angetrieben, daher ist der Schock beim Zerplatzen der Internetblase noch viel heftiger. Nach einem Wachstum von 6% im Jahr 2000, befindet sich die Wirtschaft 2001 und auch 2002 mit einer Wachstumsrate von -1% in einer Rezession (dies bedeutet einen jährlichen Rückgang des Pro-Kopf-BIP um 3%). Zwei, ja sogar drei Jahre der Rezession in Folge, das gab es noch nie zuvor in Israel. Der Tourismus, eine der Haupteinnahmequellen des Landes, geht wegen der Al-Aqusa-Intifada zurück (2,6 Millionen Touristen 2000, 1,2 Millionen 2001). Die Arbeitslosigkeit steigt 2002 wieder auf 10,4%, und das Ende ist noch nicht in Sicht. Die Gehälter sinken deutlich (-5% 2002, laut Bank of Israel).

Die Regierung versucht durch eine Sparpolitik, das 'Vertrauen' der Finanzwelt wieder zu erlangen und die Börse wieder anzukurbeln. Aber das Staatsdefizit schnellt in die Höhe und überschreitet 3% (das interessanterweise durch die israelische Zentralbank festgelegte Maximum, die jedoch nicht den Vertrag von Amsterdam unterschrieben hat). Die Wiederaufnahme der Militarisierung, als Folge der erneuten Besetzung des Westjordanlandes, bringt neue militärische Ausgaben mit sich: Die Waffenimporte steigen (+15% 2001 [14]), und die Militärausgaben, die seit dem historischen Maximum von 28% des BIP im Jahre 1975 auf 10% 1997-1998 gefallen sind, sind auf dem Weg zu einem neuen Höhepunkt. Die israelische Regierung bat gerade ihren amerikanischen Beschützer, der ihr bereits eine jährliche Unterstützung von beinahe 3 Milliarden Dollar zur Verfügung stellt, um eine zusätzliche Hilfe von 4 Milliarden Dollar in Form von militärischen Ausrüstung und um einen 8 Milliarden-Kredit für Garantien aus Handelskrediten [15].

Auch wenn es in Israel nicht sonderlich gut läuft, so ist dies natürlich nichts im Vergleich zur Situation in den besetzten Gebieten: Die palästinensische Wirtschaft, die wegen des 'Friedensprozesses' schon langsam zurück ging, brach mit der zweiten Intifada total zusammen. So beläuft sich die Arbeitslosenrate nach Schätzungen des palästinensischen Statistikamtes (PCBS) im dritten Quartal des Jahres 2002 auf 50% (sie hat sich in zwei Jahren verdreifacht), und das Abhängigkeitsverhältnis (Anzahl Einwohner zu Anzahl Arbeitnehmer) stieg zwischen September 2000 und September 2002 von 4,8 auf 8,6. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen verringerte sich um 50% im Vergleich zum Einkommensniveau von 1994. Bereits vor der erneuten Besetzung des Westjordanlandes im März-April 2002 hatten mehr als die Hälfte der Haushalte mindestens 50% ihres Einkommens verloren; 58% erhielten humanitäre Hilfe zum Überleben. Nach Angaben der Weltbank überwiesen die Länder der Arabischen Liga im Jahr 2001 45 Millionen US-$ pro Monat und die Europäische Union 9 Millionen; ohne diese Spenden 'wäre bis heute jede Spur einer modernen Wirtschaft verschwunden' [16]. Zahlreiche Familien überleben nur dank der Lebensmittelmarken, die von NGOs verteilt werden. Sperrstunden, Blockaden und Unterdrückung vernichten endgültig, was von der wirtschaftlichen Tätigkeit im Westjordanland und in Gaza noch übrig geblieben war. Kein Zweifel, dass der 'Kampf gegen den Terror' auf lange Sicht keine brillanten Erfolge einbringen wird...

Le Pen träumte davon, Sharon setzt es um
Angesichts dieses Fiaskos ist die Aufrechterhaltung der Legitimität der Eliten keine leichte Aufgabe. Die auf Sicherheit bezogene Rhetorik spielt dabei eine entscheidende Rolle, wie es die Verteufelung der Palästinenser, die systematische Instrumentalisierung der terroristischen Attentate oder selbst die jüngste 'präventive' Kampagne der Verteilung von Gasmasken gegen eventuelle Attacken durch im Irak vermutete biologische Raketen zeigen.

Aber der externe Feind reicht nicht aus. Um den Mangel an Billigarbeitskräften nach der Sperrung der palästinensischen Gebiete auszugleichen, ließen die israelischen Behörden in den 90er Jahren Hunderttausende von türkischen, philippinischen, thailändischen usw. Arbeitern kommen, die heute den Wahlsündenbock darstellen. Sharons Finanzminister, Silvan Shalom erläuterte den Krieg gegen die Armen und die Jagd auf Immigranten als Mittel, die von nun an die Sozialpolitik der israelischen Regierung ersetzen sollen: 'Ich habe den Beamten meines Ministeriums den Auftrag gegeben, in öffentlichen Ausschreibungen eine Klausel einzufügen, die die Märkte für jene Unternehmen reserviert, die ausschließlich Israelis beschäftigen. Einige sagen, dass dies unmöglich ist, dass Israelis keine schweren Arbeiten machen wollen. Ich bin damit nicht einverstanden. Sie sagen, dass die Einführung dieser Politik der ausschließlichen Beschäftigung von Israelis uns teuer zu stehen kommen wird. Es koste, was es wolle. Das ist besser, als weiterhin Arbeitslosengeld zu bezahlen und eine Kultur der Arbeitslosigkeit zu finanzieren' [17].

Le Pen hat davon geträumt, Sharon setzt es in die Tat um: Das Amt für Einwanderung leitete im November 2002 eine Werbekampagne mit dem Ziel ein, eine Maßnahme zur Ausweisung von 50.000 ausländischen Arbeitern zu fördern. Ihr Slogan ist: '160.000 illegale immigrierte Arbeiter, 260.000 (israelische) Arbeitslose: Das ist nicht gerecht, das ist illegal und das geht so nicht' [18]. In der gehobeneren Sprache der israelischen Zentralbank: 'Die Verringerung der Anzahl ausländischer Arbeiter und die gleichzeitige Einführung von Maßnahmen zur Senkung des Grenzeinkommens (oberhalb dieser Einkommensgrenze sind die Arbeiter bereit, in den Arbeitsmarkt einzutreten) werden dazu beitragen, die Zahl israelischer Arbeitnehmer deutlich zu erhöhen' [19]. Die universellen Themen der rassistischen Rechtsextremen ('zunächst der Nationsangehörigen') verbinden sich auf harmonische Weise mit der alten neoliberalen Leier der 'Arbeitslosigkeitsfalle' und der unsere Großzügigkeit ausnutzenden Bezieher einer staatlichen Unterstützung.

Über die speziellen Aspekte der israelischen Situation und des zionistischen Projektes hinaus bietet die Entwicklung der israelischen Gesellschaft und der Wirtschaft einen Einblick, durch den man ein allgemeineres Paradigma verstehen kann, das heute die herrschenden Eliten in der Mehrheit aller westlicher Länder dominiert: Die Wiederherstellung einer wackligen Legitimität durch die Instrumentalisierung, durch die Darstellung und sogar durch die Nährung von Terror- und Sicherheitsbedrohungen. Auch wenn sich einige gegen die kriegerischen Exzesse von Bush Jr. und Blair stellen, so verwenden doch alle europäischen Regierungen dieses Rezept ohne Vorbehalt. Chirac und Sarkozy haben es noch anlässlich der Präsidentschaftswahlen von 2002 gezeigt. Terroristen, Einwanderer, Arbeitslose: Durch das Schreckgespenst der neuen Feinde des Volkes wollen unsere Regierungseliten ihre Popularität trotz der Verfolgung und der Vertiefung der liberalen Politiken wiedergewinnen. Dieses neue Sicherheitsparadigma der liberalen Globalisierung findet im Mittleren Orient einen idealen Raum zum Experimentieren: Die israelisch-palästinensische Frage gehört daher zu den zentralen Themen der weltweiten Bürgerbewegungen.

Kontakt für diesen Artikel: cs@attac.org


[1] Für 1990-1996; siehe Webseite des israelischen Statistikamtes: < www.cbs.gov.il/statistical/econom.htm

[2] Die Einwanderung ist seit dem Mauerfall enorm (fast 400.000 Einwanderer 1990-91, eine Million in den 90er Jahren; das sind fast 20% Bevölkerungswachstum für eine Bevölkerung von 6,5 Millionen im Jahr 2001).

[3] Zonen A (Städte) unter komplett palästinensischer Souveränität, Zonen B (Dörfer) mit palästinensischer Zivilverwaltung und israelischer Sicherheitsverwaltung, Zonen C (ländliche Gegenden und Grenzbereiche) unter israelischer Souveränität.

[4] Sara Roy (1998), 'The Palestinian Economy and the Oslo Process: Decline and Fragmentation?, The Emirates Occasional Papers, n° 24

[5] Edward Said, in The new Intifada, herausgegeben von Roane Carey, Verso, S. 28.

[6] IDB, Ofer, Koor, Dankner, Arison. Siehe das exzellente Werk von Jonathan Nitzan und Shimshon Bichler (The global political economy of Israel , Pluto Press, 2002), vor allem S. 84-91.

[7] Eine der wichtigsten ist « Check point Software » (sic, dies ist wirklich nicht erfunden!), der Erfinder der berühmten 'Firewall' (Schutzsystem für Informatiknetzwerke)

[8] 'Die Mehrheit der erfolgreichen High Tech Unternehmen ist eng mit dem Militär verbunden' (Nitzan, Bichler, S. 346); Israel zählt 135 Ingenieure auf 10.000 Einwohner gegenüber 85 in den USA, und diese Reserve 'vergrößerte sich in den 90er Jahren durch den massiven Zufluss von hoch-qualifizierten Einwanderern aus der UdSSR' (id., S. 347).

[9] Siehe Grafik im Werk von Nitzan und Bichler.

[10] Statistisch ausgedrückt, die reichsten 10 Prozent; siehe Sozialbericht des ADVA Centers (Information on equality and social justice in Israel), www.adva.org/socialreport2001english.pdf.

[11] genauer, nach offiziellen Angaben, von 'in Europa oder in den USA geborenen Vätern'

[12] oder genauer von 'in Afrika oder in Asien geborenen Vätern'

[13] Memoiren von Sharet, zitiert durch Nitzan und Bichler, 2002, S. 102.

[14] Siehe target=_blank>www.cbs.gov.il/israel_in_figures/indict1e_mar02.htm

[15] J. Hammer, 'A 12 billion question', Newsweek, 10.02.2003. Der Journalist von Newsweek erwähnt die Möglichkeit, dass die USA, als Austausch für diese Hilfe, von Sharon fordern könnte, 'einige der 145 Kolonien des Westjordanlandes oder Gazas einzufrieren oder sogar abzubauen'. Aber gleichzeitig fügt er hinzu: 'Ob die Bush-Regierung dazu den Mut hat?'

[16] Weltbank, 'Fifteen months. Intifada, closures and Palestinian economic crisis, an assessment?, http://lnweb18.worldbank.org/mna/mna.nsf

[17] Silvan Shalom, Finanzminister, Rede in der Knesset am 30.10.2001.

[18] Ruth Sinai, 'A state-sponsored racist campaign', Haaretz, 11.11.02.

[19] Bank of Israël, 'Recent economic developments', www.bankisrael.gov.il/develeng/develeng99/develeng.pdf. Die gleichen Wirtschaftswissenschaftler verbinden ansonst den Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen in den 90er Jahren mit dem russischen Immigrationsboom. Die jüdische Immigration schafft Arbeitsplätze, aber nicht die asiatische oder die türkische Immigration...

Übersetzung: Annette HEISS, Yann-Christoph PELZ 8.4.2003, ehrenamtliches Übersetzungs-Team, coorditrad@attac.org sig21md