Sand im Getriebe (SiG) #20
internationaler deutschsprachiger Rundbrief der ATTAC-Bewegung

Was machen denn die USA in Afrika? Der große verheimlichte Krieg. José García Botía

Was machen denn die USA in Afrika?
Der große verheimlichte Krieg.
von José García Botía
, Solidaritätskomitee für Schwarzafrika

'Das Meer umspült unsere Küsten, die Welt liegt zu unseren Füßen. Dampfkraft und Elektrizität haben Entfernungen überwunden. Die herrenlosen Länder der Erde, vor allem in Afrika, müssen den Rahmen für unsere Vorstöße und Erfolge abgeben.'(König Leopold von Belgien, Anfang 1861)

Während wir im Westen unsere Aufmerksamkeit auf den Irak gerichtet haben, verfolgen die Vereinigten Staaten eine in den 90er Jahren begonnene Strategie, die auf Afrika, genauer gesagt, auf die Region der Großen Seen abzielt. Was dieser Kontinent unter seiner Oberfläche birgt, ist viel, sehr viel und harrt tatsächlich noch seiner Ausbeutung. Vom Golf von Guinea bis Angola reiht sich unter dem Meeresboden eine bedeutende Kette von Ölblasen aneinander. Südlich von der Zentralafrikanischen Republik birgt das Land immense Rohstoffvorkommen.

Während die Kriege in Afghanistan oder im Irak im Fernsehen gezeigt werden und zu den täglichen Nachrichten gehören, werden die Kriege in Afrika völlig ignoriert (es sei denn, es werden menschenunwürdige Gräueltaten gezeigt.) Von größter Bedeutung in diesem Zusammenhang sind die Kriege in Angola und in der Region der Großen Seen. Bei letzterem geht es vor allem um die Demokratische Republik Kongo (das frühere Zaire des Diktators Mobutu.) Das Land besitzt geradezu atemberaubende Mengen Gold, Diamanten, Kupfer, Kobalt, Mangan, Zink, Cadmium, Silber, Uran und andere seltene Mineralien, die strategisch wichtig sind, wie z.B. Coltan, Cassiterit, Europium, Thorium, Niob und Pyrochlor. Zum Beispiel liegt der Weltdurchschnitt der Goldextraktion pro Tonne geräumten Erdreichs bei 11 Gramm. In weiten Gebieten im Osten Kongos dagegen liegt er bei 6 bis 7 kg. Manchmal liegt der Ertrag sogar bei 16 kg. Nach einschlägigen Berechnungen könnten mit dem Erlös von nur der Hälfte der Goldvorkommen der Mine von Sezere die gesamte Auslandsverschuldung Kongos bezahlt werden. Die Kupfer -und Kobaltreserven der Mine von Kolwesi werden auf einen Gegenwert von 16 Milliarden Dollar geschätzt. Coltan ist ein auf dem Planeten seltenes Erz, das aus Columbit und Tantalit besteht. Tantalit hat ebenso gute Antikorrosionseigenschaften wie Glas, es ist extrem hitzebeständig, sehr leicht und außerordentlich leitfähig. Verwendet wird es bei der Herstellung von Mobiltelefonen, Satelliten, Kernreaktoren, Raketen und bei einigen Bauteilen von Raumfähren. Bis vor kurzem wurde es in Thailand, Kanada, Brasilien, Bolivien und Australien abgebaut. Aber seitdem Vorkommen in sehr hohen Konzentrationen in der DR Kongo entdeckt wurden, wird heute der größte Anteil der Weltproduktion im Kongo gewonnen. Die erwähnten Bodenschätze konzentrieren sich vor allem im Osten Kongos . Darüber hinaus ist die zentrale Lage der DR Kongo auf dem afrikanischen Kontinent von großer strategischer Bedeutung, abgesehen von seiner territorialen Ausdehnung: es ist z.B. fünfmal so groß wie Spanien und hat mit 9 anderen Ländern eine gemeinsame Grenze. Somit ist die Kontrolle über die DR Kongo der Schlüssel zu Afrika südlich der Sahara.

Seit einiger Zeit haben es die Amerikaner auf den Kongo abgesehen, ohne dass die Weltöffentlichkeit darüber informiert wird, was in dieser Region passiert; es sei denn, es passt ihnen in den Kram. Gegebenenfalls werden dann auch schon mal Lügen verbreitet. Dann werden Geschehnisse aus dieser Region plötzlich zu Weltnachrichten, die bestimmte Vorstellungen im kollektiven Unterbewusstsein festigen, wie z.B. die Massaker der Tutsis durch die Hutus, die uns auf die Gedanken bringen sollen, dass der Ursprung allen Unglücks und Gräuels der Region in ethnischen Kriegen liegt. Als ob zwei Ethnien, die Jahrhunderte auf dem selben Territorium zusammengelebt haben, plötzlich verrückt geworden wären. Die Planung der Vorgehensweise in dieser Region und die strategischen Mittel, die von den Vereinigten Staaten und einer Gruppe multinationaler Konzerne eingesetzt wurden, haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Es ist ihnen unter anderem gelungen, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass in Ruanda irrationaler Hass zwischen Hutus uns Tutsis herrscht; dass der einzige Völkermord, den es gegeben hat der von den Tutsis 1994 war; dass man über die Invasion des Ostens Kongos seit dem Sommer 1998 durch die Alliierten der USA ,d.h. Uganda, Ruanda und Burundi nichts zu wissen braucht. Dies alles trotz der Tatsache, dass wir es hier mit einem barbarischen und grausamen Krieg zu tun haben, der bis heute 3,5 Millionen Menschen das Leben gekostet hat und den man auch den afrikanischen Weltkrieg genannt hat. Den USA ist es gelungen, alle Schritte zu blockieren, die von der UNO eingeleitet wurden, um Frieden in dem Gebiet zu schaffen und die Hutu-Tutsi-Massaker, sowie die gewaltsamen Übergriffe auf die Kongolesen, zu verhindern. Dagegen haben sie es nicht vermocht, zu verhindern, dass eine von der UNO in die DRKongo entsandte 'Expertengruppe' aufschlussreiche Berichte verfasste, aus denen klar und gut belegt hervorgeht, dass das einzige Ziel des Überfalls auf den Kongo die Plünderung seiner natürlichen Reichtümer war. Anschließend ist es ihnen aber doch noch gelungen, die von der Expertengruppe vorgeschlagenen UN-Maßnahmen zu verhindern, weil diese zur Beilegung des Konfliktes hätten führen können, wie z.B. Handelsembargos auf Gold, Diamanten, Coltan und Waffenlieferungen in die Region. Der Bericht S/2001/357 der Vereinten Nationen belegt diese Tatsachen ? obwohl auch dieses wichtige Dokument nicht über alle Zweifel erhaben ist. Darin enthalten ist zwar eine ausführliche Studie des Konflikts; aber in der Liste der Länder, die am illegalen Handel mit den o.e. Erzen erscheinen seltsamerweise nur europäische Firmen aber keine einzige amerikanische. Es ist ihnen gelungen, in der DRKongo L. D. Kabila als zeitweiligen Alliierten an die Macht zu bringen, um ihn später als er ihre Interessen nicht mehr ausreichend bediente 'ermorden zu lassen'. Schließlich haben sie es geschafft, dass nichts darüber an die Öffentlichkeit gelangte und somit für die Medienkonsumenten des Nordens keine Bedeutung hatte.

Was Angola betrifft, ist es schon merkwürdig, dass ausgerechnet jetzt, nach 30 Jahren Krieg zwischen der UNITA von Jonas Savimbi und der Regierung von José Eduardo dos Santos Frieden geschlossen wurde. Die Vereinigten Staaten hatten die UNITA unterstützt, Cuba und die ehemalige UdSSR die angolanische Regierung. Die Haupteinnahmequelle der Regierung war das Erdöl, die Diamanten die der UNITA. Die Dynamik bestand darin, dass, solange es Diamanten und Erdöl gab, beide Banden weiter Waffen kaufen konnten und, da keine dieser Quellen jemals versiegte, auch der Krieg nie zu einem Ende kam.
Als die Sowjetunion zusammenbricht, geht der Krieg in Angola jedoch weiter... Im Februar 2002 bekommt der Präsident Angolas dann einen Termin bei G. W. Bush im Weißen Haus (das Datum wurde im September 2001 festgelegt) und, welch ein Zufall: jetzt kann der Mossad den Regierungstruppen plötzlich den genauen Aufenthaltsort von Savimbi nennen und das nur wenige Tage bevor Eduardo dos Santos den Flug zum Weißen Haus antritt.
Die programmatischen Worte Bushs lassen an Klarheit nichts zu wünschen übrig: 'Frieden im Tausch gegen Diamanten und Steigerung der Ölförderung!'. Dos Santos musste es akzeptieren, denn mit der Einkehr des Friedens in Angola steigt die Ölförderung rapide an (die Tagesproduktion wird voraussichtlich bald 1,5 Millionen Barrel betragen). Vor den Angriffen auf Irak und Afghanistan haben die Vereinigten Staaten eine Reihe vorbeugender strategischer Maßnahmen getroffen, um ihren Erdölkonsum zu sichern: der versuchte Staatsstreich in Venezuela, der o.e. erwähnte Frieden in Angola, die Steigerung der Ölförderung in Äquatorial-Guinea, die Anstrengungen, um bald zu einem Friedensabkommen im Sudan zu kommen...

Und für all dies ist es gut, dass die Konsumenten des Nordens sich keine Gedanken machen und nur weiter konsumieren.

Aus 'Grano de arena' #185, 28.3.2003
www.umoya.org

Übersetzung: Helga Heidrich & Harmut Brühl
coorditrad@attac.org, Ehrenamtliches Übersetzungs-Team