Sand im Getriebe (SiG) #19
internationaler deutschsprachiger Rundbrief der ATTAC-Bewegung

Willkommen bei SiG
Vorwort
Replik
Überblick über Artikel
Kurznachrichten
Impressum
Nächste Themenschwerpunkte
Anti Krieg-links


FÄLSCHUNGEN, RESSENTIMENTS UND SEKTIERERTUM
Anmerkungen zu Thomas Ebermanns Pamphlet gegen Attac in Deutschland
von Peter Wahl

Der Autor ist Mitarbeiter von 'WEED - Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung' und Mitglied des Koordinierungskreises von ATTAC Deutschland.

In der Monatszeitschrift 'konkret' (Nov 2002) wurde unter dem Titel 'Attackiert Attac' ein Pamphlet gegen Attac veröffentlicht. Autor ist Thomas Ebermann.
Der Vorschlag an die Redaktion von 'konkret', eine Replik zu veröffentlichen, um eine Diskussion in Gang zu setzen, wurde nicht akzeptiert.

Kritik - Lebenselixier emanzipatorischer Politik
Das Problem ist nicht, dass Kritik an Attac geübt wird. Es ist trivial, darauf hinzuweisen, dass Kritik ein Lebenselixier für emanzipatorische Politik ist. Attac will kontroverse Diskussion in den eigenen Reihen, aber auch mit anderen Kräften des emanzipatorischen Lagers. Kritik ist nicht nur eine demokratische Selbstverständlichkeit, sondern auch ein methodisches Prinzip, das Kollektive, Organisationen und Institu-tionen dazu befähigt, zu lernen, sich zu verändern und damit sich in ihrem gesellschaftlichen Umfeld erfolgreich zu entwickeln.
Hinzu kommt, dass Attac noch eine Baustelle ist - und auf lange Zeit bleiben wird. Vieles steckt in den Kinderschuhen, und Attac hat natürlich auch die eine oder andere Kinderkrankheit. Daher ist das Attac-Prinzip so wichtig, einen Raum zu bieten, 'wo politische Lern- und Erfahrungsprozesse ermöglicht werden,' und in dem 'unterschiedliche Strömungen emanzipatorischer Politik miteinander diskutieren' (Attac-Selbstverständnis). Es geht also nicht darum, politischer Auseinandersetzung aus dem Wege zu gehen.

Bewegungen können nicht 'gemacht' werden
Wenn Ebermann der Meinung ist, dass Attac das Resultat von 'Bewegungsmacherei' oder gar Meisterschaft 'im Umgang mit Medien' sei, so ist dies ein legitimer Irrtum. Progressive Bewegungen sind schon von ganz anderen als Ebermann als Werk von raffinierten Machern oder gar Verschwörern dargestellt worden. Nicht jeder muss verstanden haben, dass soziale Bewegungen nicht 'gemacht' werden können, sondern das Resultat gesellschaftlicher Probleme und Widersprüche sind.
Regelrecht geschmeichelt könnte man sich sogar über Ebermanns Einschätzung fühlen 'Attac und Umfeld sind gefährlicher als der schnöde Reformismus'. Leider ist Attac so stark und bedeutend nun doch noch nicht. Unerfreulicher daran ist allerdings, dass hier wieder mal ein Fehler gemacht wird, der typisch für sektiererische Denkstrukturen ist: die Falschen zum Feind zu erklären. Schlimmstes Beispiel ist die Sozialfaschismustheorie aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Damals meinten die Kommunisten, die Sozialdemokratie sei gefährlicher als die Nazis und dementsprechend als Hauptfeind zu bekämpfen.

Fälschung als Methode
Aber wie gesagt, dies sind inhaltliche Fragen, über die Attac gerne diskutiert. Das Problem mit dem Artikel liegt allerdings wo anders, nämlich in seiner Methode. Ebermann hält seinen Artikel für 'linke Kritik'. Das Wort Kritik kommt von dem griechischen Verb krínein, (griechisch: scheiden, trennen). Kritik ist also die Kunst der Unterscheidung, des differenzierten und differenzierenden Denkens. Ebermann aber macht das Gegenteil von differenzieren. Er generalisiert, macht Analogieschlüsse ohne jeglichen Kausalzusammenhang, klaubt sich verschiedene Partikel des politischen Geschehens in und um die globalisierungskritische Bewegung zusammen und schmeißt alles in einen Topf. So einen 'Verein Deutsche Sprache', einen portugiesischen Literaturnobelpreisträger, die Linkskeynesianer, den Bundespräsidenten, die Erlassjahrkampagne und eine ominöse 'Weltlokalisierungsorganisation' sowie einige Einzelmitglieder von Attac. Dieses Panoptikum wird dann als Kritik an Attac verkauft.
Die geläufigste Methode Ebermanns ist dabei, Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen und in vielen Fällen deren Aussage zum Gegenteil umzufälschen. So wird ausgerechnet Werner Rätz (Vertreter der ila im Koordinierungskreis), der sich selbst als linksradikal bezeichnet, zum Fan von Oskar Lafontaine. Tatsächlich ist Werner Rätz ein regelrechter Lafontainefresser.
Richtig unappetitlich wird es aber, wenn Ebermann persönlich wird und Einzelnen die geistige Zurechnungsfähigkeit abspricht. So hat z.B. W. Rätz nach Ebermanns Meinung 'nicht alle Tassen im Schrank'. In der Nacht der Ebermannschen Methode werden schließlich alle Katzen so grau, dass keine Unterschiede mehr zwischen der Erlassjahrkampagne und der SS erkennbar sind.
Das ist keine Kritik - und schon gar nicht linke - sondern einfach unseriöser Journalismus, schlechtes Handwerk und Ressentiment.
Dabei verfälscht Ebermann Zitate nicht einfach nur aus Schlamperei oder Ignoranz, sondern auch wider besseres Wissen. Beispiel: bereits bei einer Podiumsdiskussion im Juni in Berlin, bei der er einiges von seinen Ressentiments gegenüber Attac verlas, wurde er darauf hingewiesen, dass der von ihm zitierte Satz 'die Politik der Regierungen [ist] zur Geisel der Finanzmärkte geworden' nicht von Attac stammt, sondern vom früheren Chef-Ökonomen der UNCTAD. Das Zitat bezieht sich auf die Entwicklungsländer und steht in der WEED-Broschüre 'Kapital braucht Kontrolle'. Ebermann macht es zum Beleg dafür, Attac liefe in die Falle 'den Staat zu idealisieren und den vermeintlichen Niedergang seiner Macht zu beflennen'. Eine Seite vor dem UNCTAD-Zitat hätte Ebermann lesen können: 'Die Veränderungen im Verhältnis von Politik und Ökonomie werden meist als Bedeutungsverlust des Staates wahrgenommen. Es entsteht der Eindruck, der Staat sei gegenüber den Finanzmärkten machtlos. Tatsächlich waren es die Regierungen selbst - zunächst in den USA und Großbritannien, dann aber auch in den anderen Industrieländern -, die diese Entwicklung herbeigeführt und dem laissez-faire der Märkte freie Bahn verschafft haben.'
Nach diesem Muster verfährt Ebermann in einem satten Dutzend weiterer Fälle, von denen hier nur noch zwei herausgegriffen seien, weil sie politisch aktuell und bedeutsam sind: der Vorwurf des Antiamerikanismus und der des Antisemitismus.

Antiamerikanismus und Antisemitismus bei ATTAC?
Da wird behauptet, Attac sei 'stets' (!) der Meinung, dass 'hierzulande das relativ kleinere, jenseits des Atlantiks das größere Übel beheimatet ist.' Sicher ist die Dialektik von Einheit und Differenz der Gegensätze nicht immer einfach zu verstehen. Wo liegt das Gemeinsame zwischen der imperialen Supermacht und ihren europäischen Juniorrivalen? Was unterscheidet sie? Was resultiert möglicherweise aus einer Gemengelage? Da kann man sich leicht verhauen und die komplexe Realität in ein plattes Schwarz-Weiß-Schema pressen, wie nicht zuletzt die einschlägige Kontroverse in konkret zeigt.
Dass Attac sich des Problems bewusst ist, hätte Ebermann mit einem Minimum an Recherche merken können, wenn er sich die Grundsatzerklärung, also nicht gerade irgendein x-beliebiger Text, runtergeladen hätte. Dort heißt es, dass die neoliberale Globalisierung 'von den Regierungen der großen Industrieländer und mit Hilfe von Internationalem Währungsfonds (IWF), Weltbank und Welthandelsorganisation (WTO) zielgerichtet betrieben [wurden]. Deutschland und die EU spielen dabei sowohl nach innen (Liberalisierung der Binnenmärkte) als auch bei der neoliberalen Zurichtung der Weltwirtschaft eine maßgebliche Rolle.' Aber wie wir bereits gemerkt haben, solides Handwerk ist Ebermanns Sache nicht.
Die widerlichste Trickserei leistet sich Ebermann allerdings damit, Attac in die anti-semitische Ecke zu stellen. Da er in Attac-Dokumenten mit antisemitischen Stereotypen, wie vom 'heimatlosen' und 'anonymen' Finanzkapital, dem 'raffenden und schaffenden Kapital' oder dem vom 'jüdischen Bolschewismus' natürlich nicht fündig werden kann, zieht er Quellen heran, die Attac nicht zu verantworten hat, z.B. 'die globalisierungskritische Literatur', was immer das sein mag. Durch Extrapolation, Analogiebildung, Verallgemeinerungen und schlichte Erfindung halluziniert er sich eine 'Dämonisierung' der Finanzmärkte durch Attac. Er instrumentalisiert für seine Vorwürfe die Tatsache, dass die Nazis eine Kategorie der politischen Ökonomie, nämlich die des 'Finanzkapitals' (vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts u.a. von Hilferding, Rosa Luxemburg und Lenin diskutiert) vereinnahmten und in die Phrase vom 'jüdischen Finanzkapital' pervertierten. Ebermann macht sich dabei nicht mal die Mühe, zwischen manifestem und strukturellem Antisemitismus zu unterscheiden, wie es in seiner Szene sonst üblich ist, und kommt daher in einem Atemzug von dem, was er für 'Führungsleute von Attac' hält, zum Pogrom. Auch eine Methode, das Pogrom zu banalisieren.
Zwar ist die Kategorie 'Finanzkapital' angesichts der Verschmelzung von Industrie- und Finanzkapital heute, anders als zu Rosa Luxemburgs Zeiten, kaum noch tragfähig. Unabhängig davon ist die Gleichsetzung von 'Finanzkapital' und 'jüdischem Finanzkapital' jedoch so unsinnig wie die Gleichsetzung von Sozialismus mit Faschismus, indem man jenem das Adjektiv 'national' voranstellt. Damit kommt man bekanntlich ruckzuck zum 'Nationalsozialismus', zumindest in der Totalitarismustheorie. So wie für diese ein direkter Weg von der Kritik der politischen Ökonomie in den GULAG führt, so führt die Kritik der politische Ökonomie der Finanzmärkte bei Ebermann nach Auschwitz.
Die Denkfehler sind bei beiden die gleichen.