Sand im Getriebe (SiG) #19
internationaler deutschsprachiger Rundbrief der ATTAC-Bewegung

Sturmwolken über Lateinamerika
Bäuerliche Agonie im Reich der Ungleichheit
Informationsquellen
Widerstand gegen die Globalisierung Mittelamerikas
Plan Puebla-Panamá en detail


BÄUERLICHE AGONIE IM REICH DER UNGLEICHHEIT
von Diego Ceballos


Die 12 Mexikaner, die auf der von der US-amerikanischen Wirtschaftszeitschrift Forbes angefertigte Liste der reichsten Menschen der Welt stehen, besitzen insgesamt Reichtümer, die 4,9% des Bruttoinlandsproduktes ausmachen.

Die brutale soziale Ungleichheit hat die Agrarrevolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die ungefähr eine Million Leben gekostet hatte und 71 Jahre unter der Regierung der Partido Revolucionario Institucional (PRI), die sich als Erbin und Verteidigerin dieses Prozesses bezeichnet, überlebt.

Die bäuerlichen Organisationen, die behaupten, die Millionen Nachfahren der Kämpfer in dieser Revolution zu repräsentieren, realisieren seit Ende vergangenen Jahres Mobilisierungen, die von der Regierung unter Vicente Fox einen Notfallplan fordern, um das Land vor dem Ruin zu retten.

Fox, der erste nicht zur PRI gehörige Mandatsträger, der 2000 das Amt übernahm, hat Gespräche mit den Agrarproduzenten und eine Berücksichtigung von deren Forderungen zugesagt. Dies könnte sich Ende dieser Woche konkretisieren.

Die Bauern verlangen eine Neuformulierung der rechtskräftigen Öffnung des Agrarmarktes in Richtung USA und Kanada, den Teilhabern Mexikos im freien Handelsvertrag Nordamerikas (TLCAN = NAFTA), den sie als die Hauptursache ihrer Probleme sehen.

Im Januar wurden Gebühren für den Austausch von 21 Agrarprodukten im TLCAN gestrichen, darunter Kartoffeln, Weizen, Äpfel, Zwiebeln, Kaffee, Hühner- und Kalbfleisch.

Diese Maßnahme ist Teil des regionalen Integrationsabkommens, das drei Etappen für die Öffnung des Agrar- und Viehhandels vorsieht. Die erste Etappe begann 1994, als der TLCAN in Kraft trat, die zweite im Januar und die dritte soll 2008 stattfinden.

Víctor Quintana, Forscher an der unabhängigen Universität Chihuahua, einem Grenzstaat zu den USA, bezeichnet die Ungleichheit der Einkommensverteilung und die Armut der mexikanischen Landbevölkerung als eine Zeitbombe, die vom TLCAN geschürt wird.

Offizielle Daten geben an, dass 75% der Armut in Mexiko die Landbevölkerung betrifft, wo die Hälfte der 100 Millionen Einwohner unter Armutsbedingungen lebt.

Studien der Weltbank zeigen, dass die ärmsten 20% der Bevölkerung Mexikos 3,8% der Einkommen ansammeln, während die reichsten 20% der Bevölkerung 55,3% der Reichtümer besitzen.

Aber Fox ist nicht der Ansicht, daß die Armut mit dem TLCAN in Beziehung steht, sondern im Gegenteil, dass dieser vorteilhaft für die Schaffung neuer Arbeitsplätze und die Verbesserung der Lebensbedingungen des Landes war.

Die mexikanischen Exporte sind 1994, als der TLCAN in Kraft trat um 60.882 US-Dollar, und 2001 um 158.442 US-Dollar gestiegen, während die Importe im gleichen Zeitraum von 79.345 auf 168.396 gestiegen sind.

Für den Historiker Lorenzo Meyer wirkt sich die Öffnung des Handels auf die soziale Bresche und die Armut auf dem Land aus, genauso wie auch die Korruption, die Konzentration der politischen Macht sowie die falsche Verteilung von Boden.

Das oberste Agrargericht, das vor 10 Jahren ins Leben gerufen wurde, gibt an, dass es ungefähr 30.000 Besitzstreitigkeiten über Staats-, Gemeinde-, Agrarsiedlungs- und Privatbesitzgrenzen gibt.

Mindestens 1.000 Personen sind laut dem staatlichen Instituto Nacional Indigenista (nationales Institut der Indigenas) in der letzten Dekade aufgrund von Agrarkonflikten ums Leben gekommen.

Der Consejo Agrario Permanente (ständiger agrarischer Rat), die Hauptorganisation der Bauern in Mexiko, schien sich in den sieben Dekaden unter der Regierung des PRI für diese Partei entschieden zu haben und realisierte keine wichtigen Mobilisierungen.

Heute jedoch verbinden sich der Consejo Agrario Permanente und andere unabhängige oder mit der Linken verbundene Gruppen und machen mobil, um von Fox eine Änderung der Politik im Agrarsektor zu fordern.

Es ist das erste Mal in 70 Jahren, dass sich die verschiedensten Organisationen der Bauern zusammentun, um Mittel zur Rettung der ländlichen Gebiete zu fordern und auch, dass die Regierung anbietet ihnen zu zuhören, sagt Meyer.

'Hier könnte etwas interessantes entstehen' mutmaßt der Historiker.

Quelle: IPS, www.ipsenespanol.net
aus Grano de Arena 177