Sand im Getriebe (SiG) #19
internationaler deutschsprachiger Rundbrief der ATTAC-Bewegung

Der Adler im Sturzflug
Das Innenleben des 'Imperiums'
USA hat bereits Tausende Leichensäcke und Särge nach Sizilien geschickt
ATTAC-Reader, Analysen


DER ADLER IM STURZFLUG
Der Niedergang der US-Hegemonie begann vor dem 11. September 2001
Immanuel Wallerstein


Die Pax Americana hat ein Ende gefunden. Die militärischen Auseinandersetzungen in Vietnam, auf dem Balkan, im Nahen Osten und nach dem 11. September haben die Grenzen der amerikanischen Vorherrschaft offenbart. Werden die Vereinigten Staaten bereit sein, still und leise schwächer zu werden, so fragt der marxistische Historiker Immanuel Wallerstein, oder werden sich konservative Kräfte in den USA dem widersetzen und einen allmählichen Niedergang in einen Absturz mit Kollateralschäden verwandeln?

Die Vereinigten Staaten im Niedergang?
Nur wenige Menschen würden heute einer solchen Behauptung Glauben schenken. Die einzigen sind die Falken in den USA, die vehement für eine Politik plädieren, die diesen Niedergang umkehren soll.
Doch die Annahme, dass das Ende der US-Hegemonie bereits begonnen hat, leitet sich nicht aus der Verwundbarkeit her, die für alle am 11. September 2001 offensichtlich wurde.
Die Vereinigten Staaten sind als Globalmacht seit den siebziger Jahren im Niedergang begriffen, und die Reaktionen der USA auf die terroristischen Angriffe haben diesen Niedergang lediglich beschleunigt. Ein Verständnis davon, warum die Pax Americana zu Ende geht, erfordert eine Untersuchung der Geopolitik des 20. Jahrhunderts, besonders der letzten drei Jahrzehnte. Eine solche Arbeit führt uns notwendig zu der Schlussfolgerung: Die ökonomischen, politischen und militärischen Faktoren, die zur US-Hegemonie beigetragen haben, sind die gleichen, die unaufhaltsam den kommenden Niedergang der USA hervorbringen werden.

Hegemonie und Weltsystem
Der Aufstieg der USA zur globalen Hegemonie vollzog sich in einem langen Prozess, der in aller Deutlichkeit mit der Weltrezession von 1873 einsetzte. Zu jener Zeit begannen die Vereinigten Staaten und Deutschland, sich stärker auf den globalen Märkten auszubreiten, was hauptsächlich auf Kosten der stetig schwächer werdenden britischen Ökonomie erfolgte. Beide Staaten hatten sich gerade erst eine stabile politische Basis geschaffen - die Vereinigten Staaten mit der erfolgreichen Beendigung des Bürgerkriegs, Deutschland mit der Reichsgründung nach dem Sieg über Frankreich im Französisch-Preußischen Krieg. Von 1873 bis 1914 wurden die Vereinigten Staaten und Deutschland in bestimmten Produktionssektoren führend: die USA in der Stahl- und später in der Automobilproduktion, Deutschland in der chemischen Industrie.
In Geschichtsbüchern ist zu lesen, dass der Erste Weltkrieg 1914 begann und 1918 endete, und der Zweite Weltkrieg von 1939 bis 1945 dauerte. Es ist jedoch sinnvoller, die beiden Kriege als einen einzigen, kontinuierlichen 'Dreißigjährigen Krieg' zwischen den USA und Deutschland anzusehen, in dessen Verlauf immer wieder Waffenstillstände geschlossen und lokale Konflikte ausgetragen wurden. Die Konkurrenz um die Hegemonialnachfolge nahm 1933 eine ideologische Wende, als die Nazis in Deutschland an die Macht kamen und danach strebten, das globale System vollständig neu zu gestalten. Sie trachteten nicht danach, die
Hegemonie im existierenden System zu erringen, sondern eine Art globales Reich zu errichten. Es sei an die Nazi-Parole vom Tausendjährigen Reich erinnert. Im Gegenzug übernahmen die USA die Rolle des Verfechters eines zentristischen Weltliberalismus - es sei auf die 'vier Freiheiten', Freiheit des
Wortes, des Glaubens, Freiheit von Mangel und von Angst verwiesen, von denen der frühere US-Präsident Franklin D. Roosevelt sprach - und gingen ein strategisches Bündnis mit der Sowjetunion ein, das den Sieg über Deutschland und seine Verbündeten ermöglichte.

Die Übereinkunft von Jalta.
Das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs war eine enorme Zerstörung, die Verwüstung von Infrastruktur und die Vernichtung von Menschen in ganz Eurasien, vom Atlantik bis zum Pazifik. Kaum ein Land blieb davon unberührt. Die einzige große Industriemacht der Welt, die aus dem Krieg unbeschadet und in ökonomischer Hinsicht sogar gestärkt hervorging, waren die Vereinigten Staaten, die flugs daran gingen, ihre Position zu konsolidieren. Die aufstrebende Hegemonialmacht sah sich allerdings mit einigen praktischen Hindernissen konfrontiert. Während des Kriegs hatten sich die Alliierten auf die Gründung der Vereinten Nationen geeinigt, die sich hauptsächlich aus den Ländern zusammensetzen sollten, die sich in der Koalition gegen die Achsenmächte zusammengefunden hatten. Der kritische Punkt der Organisation war der Sicherheitsrat, die einzige Institution, die Gewaltanwendung autorisieren konnte. Da durch die UN-Charta fünf Mächten ein Vetorecht eingeräumt worden war - darunter den USA und der Sowjetunion - war der Sicherheitsrat praktisch weitgehend zahnlos. Es war also nicht die Gründung der Vereinten Nationen im April 1945, von der die geopolitische Zurückhaltung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmt wurde, sondern das Treffen von Jalta zwischen Roosevelt, dem britischen Premierminister Winston Churchill und dem sowjetischen Staatschef Stalin, das zwei Monate zuvor stattgefunden hatte.
Die formellen Abkommen von Jalta waren weniger wichtig als die informellen, unausgesprochenen Übereinkünfte, die man nur beurteilen kann, wenn man sich das Verhalten der USA und der Sowjetunion in den folgenden Jahren ansieht. Als der Krieg in Europa am 8. Mai 1945 endete, waren sowjetische und westliche (d.h. US-amerikanische, britische und französische) Truppen im Wesentlichen entlang einer Linie im Zentrum Europas aufmarschiert, die fortan Oder-Neiße-Linie genannt wurde. Abgesehen von ein paar kleinen Veränderungen blieben sie dort.
Rückblickend lässt sich sagen, dass Jalta für beide Seiten zur Folge hatte, dass keine Seite Gewalt anwenden würde, um die andere zu verdrängen. Diese stillschweigende Übereinkunft galt auch für Asien, was sich an der Okkupation Japans und der Teilung Koreas zeigte. Politisch war Jalta daher ein Abkommen über den Status Quo, nach dem die Sowjetunion ein Drittel der Welt und die USA den Rest kontrollierten.
Washington sah sich viel größeren militärischen Herausforderungen gegenüber. Die Sowjetunion verfügte über die größten Landstreitkräfte der Welt, während die US-Regierung unter innenpolitischem Druck stand, die Armee zu verkleinern, etwa indem sie die Wehrpflicht abschaffte. Die USA beschlossen daher, ihre militärische Stärke nicht auf Landstreitkräfte zu gründen, sondern auf das Monopol an Atomwaffen (und auf Luftstreitkräfte, die sie würden einsetzen können). Dieses Monopol fand bald sein Ende; 1949 verfügte auch die Sowjetunion über Atomwaffen. Seither haben die USA versucht zu verhindern, dass auch andere Mächte an Atomwaffen (sowie biologische und chemische Kampfstoffe) gelangen, ein Bemühen, das im 21. Jahrhundert als nicht besonders erfolgreich erachtet werden muss.

Antikommunismus.
Bis 1991 koexistierten die USA und die Sowjetunion im 'Gleichgewicht des Schreckens' des Kalten Krieges. Dieser Status Quo wurde nur dreimal ernsthaft in Frage gestellt: 1948/49 während der Berlin-Blockade, 1950 bis 1953 im Korea-Krieg und während der kubanischen Raketenkrise von 1962.
Jedes Mal bestand das Ergebnis in der Wiederherstellung des Status Quo. Zudem ist festzuhalten, dass immer, wenn die Sowjetunion mit einer politischen Krise eines ihrer Satellitenregimes konfrontiert war - 1953 Ostdeutschland, 1956 Ungarn, 1968 Tschechoslowakei und 1981 Polen -, die USA nicht mehr als propagandistische Anstrengungen unternahmen und es der Sowjetunion erlaubten, zu handeln, wie sie es für richtig hielt. Diese Passivität erstreckte sich freilich nicht auf die ökonomische Ebene. Die USA schlugen aus dem Kalten Krieg Kapital, indem sie wirtschaftliche Rekonstruktionsbemühungen unternahmen, zunächst in Westeuropa und dann in Japan (und auch in Südkorea und Taiwan). Der Grund war offensichtlich. Was nützte eine derart überwältigende Überlegenheit in der Produktion, wenn der Rest der Welt keine effektive Nachfrage zuwege bringen konnte? Zudem half der wirtschaftliche Wiederaufbau, klientelistische Verpflichtungen auf Seiten der Nationen zu schaffen, denen US-Hilfe gewährt wurde. Das Gefühl, den USA verpflichtet zu sein, förderte die Bereitschaft, Militärbündnissen beizutreten und, was noch wichtiger ist, sich politisch ergeben zu verhalten. Schließlich sollte man auch die ideologische und kulturelle Komponente der US-Hegemonie nicht unterschätzen. In der Periode unmittelbar nach 1945 hatte die Popularität der kommunistischen Ideologie ihren Höhepunkt erreicht. Heute vergessen wir nur allzu leicht die großen Stimmenanteile, die kommunistische Parteien bei freien Wahlen in Ländern wie Belgien, Frankreich, Italien, in der Tschechoslowakei und Finnland erzielen konnten, ganz zu schweigen von der Unterstützung, die kommunistische Parteien in Asien - in Vietnam, Indien und Japan - sowie in ganz Lateinamerika genossen. Erwähnt sind hierbei noch nicht Länder wie China, Griechenland und der Iran, wo freie Wahlen nicht stattfanden oder Druck auf die Wähler ausgeübt wurde, wo aber kommunistische Parteien eine starke Anziehungskraft hatten. Als Reaktion starteten die USA eine antikommunistische ideologische Offensive. Diese Initiative muss aus heutiger Sicht als erfolgreich bezeichnet werden.
Washington verkaufte seine Rolle als führende Macht der 'freien Welt' mindestens ebenso erfolgreich wie die Sowjetunion ihre Position als führende Kraft im 'fortschrittlichen' und 'antiimperialistischen' Lager.

Ein, zwei, viele Vietnams
Mit dem Erfolg der Vereinigten Staaten als Hegemonialmacht in der Nachkriegszeit wurden die Bedingungen für den Niedergang dieser Hegemonie geschaffen. Der Prozess verdichtet sich in vier symbolischen Stationen: dem Vietnamkrieg, den Revolutionen von 1968, dem Fall der Berliner Mauer und den terroristischen Angriffen vom September 2001. Jedes Symbol setzt das vorangegangene voraus, was in der Situation kulminiert, in der sich die USA derzeit wiederfinden - eine einsame Supermacht, der es an tatsächlicher Macht mangelt, eine Führerin der Welt, der niemand folgt und die nur wenige respektieren, und eine Nation, die gefährlich in einem Chaos treibt, das sie nicht kontrollieren kann.

Was war der Vietnamkrieg?
Erstens und vor allem der Versuch des vietnamesischen Volkes, die Kolonialherrschaft zu beenden und einen eigenen Staat zu gründen. Die Vietnamesen kämpften gegen die Franzosen, die Japaner und die Amerikaner und gewannen schließlich, eine beträchtliche Leistung. Geopolitisch jedoch war der Krieg eine Ablehnung des Status Quo von Jalta durch Bevölkerungen, denen das Etikett Dritte Welt angeheftet worden war.
Vietnam wurde zu einem solch bedeutenden Symbol, weil Washington dumm genug war, seine ganze Militärmacht aufzubieten. Und dennoch haben die USA verloren. Es ist wahr, die USA haben keine Atomwaffen eingesetzt (eine Entscheidung, die bestimmte kurzsichtige Gruppen der Rechten immer wieder kritisiert haben). Ein solcher Einsatz hätte das Abkommen von Jalta zunichte gemacht und zu einem nuklearen Holocaust führen können - eine Folge, die von den USA einfach nicht riskiert werden konnte.
Vietnam bedeutete allerdings nicht nur eine militärische Niederlage oder einen Imageverlust der USA. Mit dem Krieg wurde die Fähigkeit der USA, die dominierende Wirtschaftsmacht der Welt zu bleiben, erheblich geschmälert. Der Konflikt war extrem kostspielig und zehrte mehr oder weniger die US-Reserven auf, die sich seit 1945 angehäuft hatten. Zudem luden die USA diese Kosten auf sich, als Westeuropa und Japan einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebten. Seit den späten sechziger Jahren standen die Mitglieder dieser Triade wirtschaftlich nahezu ebenbürtig da, wobei jeweils ein Mitglied eine Zeitlang im Vorteil war, keines aber weit vorauseilen konnte.
Als 1968 rund um den Globus Revolutionen ausbrachen, wurde die Unterstützung der Vietnamesen eine wichtige Komponente. In vielen Straßen rief man 'Ein, zwei, viele Vietnams' und 'Ho, Ho, Ho Chi Minh', nicht zuletzt auch in den USA. Aber die 68er verurteilten nicht bloß die US-Hegemonie. Sie attackierten die
sowjetische Kollusion mit den USA und damit Jalta. Dabei benutzten oder adaptierten sie die Sprache der chinesischen Kulturrevolutionäre, wonach sich die Welt in zwei teilt - die beiden Supermächte gegen den Rest der Welt.
Die Denunziation der sowjetischen Kollusion führte logischerweise zur Ablehnung der Kräfte im Bereich der jeweiligen Nationalstaaten, die eng mit der Sowjetunion verbündet waren, in den meisten Fällen der traditionellen kommunistischen Parteien. Aber die Revolutionäre von 1968 attackierten auch andere Momente der alten Linken wie nationale Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt, sozialdemokratische Bewegungen in Westeuropa und die Demokraten des New Deal in den USA, die sie ebenfalls der Kollusion mit dem beschuldigten, was sie im allgemeinen 'US-Imperialismus' nannten.
Die Kritik an der sowjetischen Kollusion mit Washington und an der alten Linken schwächte die Legitimität des Abkommens von Jalta, auf dem die USA die Weltordnung aufgebaut hatten. Sie untergrub auch den zentristischen Liberalismus als einzig legitime globale Ideologie.
Die unmittelbaren politischen Konsequenzen der Weltrevolutionen von 1968 waren minimal, die geopolitischen und intellektuellen Auswirkungen hingegen enorm und irreversibel. Der zentristische Liberalismus stürzte von dem Thron, den er seit den europäischen Revolutionen von 1848 besetzt und der es ihm ermöglicht hatte, Konservative und Radikale gleichermaßen zu kooptieren. Diese Ideologien kehrten wieder und stellten erneut eine reale Option dar. Die Konservativen konnten wieder Konservative, die Radikalen wieder Radikale werden. Die zentristischen Liberalen verschwanden nicht, verloren aber an Bedeutung. Und deshalb war die offizielle Ideologie der Vereinigten Staaten, antifaschistisch, antikommunistisch und antikolonialistisch zu sein, für einen immer größer werdenden Anteil der Weltbevölkerung fadenscheinig und wenig überzeugend.

Die machtlose Supermacht
Der Beginn der internationalen wirtschaftlichen Stagnation in den siebziger Jahren hatte für die USA und ihre Macht wichtige Konsequenzen. Die Stagnation führte zum Niedergang der Ideologie, deren sich die alte Linke, die damals an der Macht war, mit Vorliebe bediente, nämlich der Vorstellung von 'Entwicklung', wonach jede Nation wirtschaftlich aufholen könne, wenn der Staat die angemessenen Maßnahmen ergreife.
Diese Regimes wurden eines nach dem anderen mit innenpolitischen Unruhen, mit sinkendem Lebensstandard, wachsender Verschuldung und der Abhängigkeit von internationalen Finanzinstitutionen sowie schwindender Glaubwürdigkeit konfrontiert. Was in den sechziger Jahren wie eine erfolgreiche Steuerung der Dekolonialisierung durch die USA aussah - die Minimierung störender Momente und die Maximierung der sanften Machtübertragung auf Regimes, die sich der 'Entwicklung' verschrieben hatten, aber kaum revolutionär waren -, machte einem Zerfall der Ordnung, schleichender Unzufriedenheit und ungebändigtem Aufruhr Platz. Als die USA zu intervenieren versuchten, scheiterten sie. 1983 entsandte US-Präsident Ronald Reagan Truppen in den Libanon, um dort die Ordnung wieder herzustellen. Die Truppen wurden faktisch zum Abzug gezwungen. Zur Kompensation folgte die Invasion von Grenada, einem Land ohne Armee. Präsident George H.W. Bush ließ seine Truppen in Panama einmarschieren, einem weiteren Land ohne Armee. Bei der Invasion in Somalia, wo ebenfalls die Ordnung wieder hergestellt werden sollte, wurden die USA erneut zum recht schmählichen Abzug gezwungen. Da die US-Regierung wenig unternehmen konnte, um diesen Trend der schwindenden Hegemonie umzukehren, entschloss sie sich, ihn einfach zu ignorieren - eine Politik, die vom Rückzug aus Vietnam bis zum 11. September 2001 zu einer Konstante wurde.

Veränderte Kräfteverhältnisse.
Unterdessen begannen Konservative, Schlüsselpositionen in staatlichen und zwischenstaatlichen Institutionen unter ihre Kontrolle zu bringen. Die neoliberale Offensive der achtziger Jahre war von den Regierungen Thatcher und Reagan sowie vom Aufstieg des Internationalen Währungsfonds (IWF) zum Hauptakteur auf der Weltbühne gekennzeichnet. Wo einst (mehr als ein Jahrhundert lang) konservative Kräfte versucht hatten, sich als die klügeren Liberalen auszugeben, waren nun zentristische Liberale gezwungen, sich als die effektiveren Konservativen zu verkaufen. Die Programme der Konservativen waren klar. Im Innern versuchten sie, eine Politik zu verfolgen, mit der die Kosten der Arbeitskraft gesenkt, Umweltauflagen für die Industrie minimiert und staatliche Sozialausgaben gekürzt werden sollten. Die tatsächlichen Erfolge fielen bescheiden aus, sodass die Konservativen energisch auf das internationale
Parkett vordrangen. Bei den Zusammenkünften des World Economic Forum in Davos trafen sich die Eliten und Medien.
Der IWF war ein Club für Finanzminister und Zentralbankdirektoren. Und die USA drängten auf die Schaffung der Welthandelsorganisation, um den freien Güter- und Finanzfluss über alle Grenzen durchzusetzen. Als man in den USA nicht hinsah, brach die Sowjetunion zusammen. Ja, Ronald Reagan hatte die Sowjetunion als das 'Reich des Bösen' bezeichnet und mit rhetorischem Bombast die Beseitigung der Berliner Mauer gefordert, die USA meinten es aber nicht wirklich ernst und waren gewiss nicht für den Zusammenbruch der Sowjetunion verantwortlich. Die Sowjetunion und ihre osteuropäische Herrschaftszone brachen wegen der weit verbreiteten Desillusionierung über die alte Linke zusammen und auch durch Gorbatschows Bemühen, sein Regime durch die Liquidierung des Abkommens von Jalta und die innenpolitische Liberalisierung ('Perestroika plus Glasnost') zu retten. Gorbatschow hat Jalta erfolgreich liquidiert, jedoch die Sowjetunion nicht gerettet (obwohl, das sei hinzugefügt, es ihm
fast gelungen wäre).
In den USA überraschte und erstaunte der plötzliche Zusammenbruch, und man war unsicher, wie man mit den Konsequenzen umgehen sollte. Der Zusammenbruch des Kommunismus bedeutete in der Tat auch das Ende des Liberalismus, wodurch die einzige ideologische Rechtfertigung für die US-Hegemonie verloren ging, eine Rechtfertigung, die von den angeblichen ideologischen Gegnern des Liberalismus stillschweigend befürwortet wurde. Dieser Legitimitätsverlust führte direkt zur irakischen Invasion in Kuwait, die der irakische Führer Saddam Hussein nie gewagt hätte, wäre das Abkommen von Jalta noch gültig gewesen. Das US-Vorgehen im Golfkrieg führte zu einer Waffenruhe, die der zu dessen Beginn herrschenden glich. Kann aber eine Hegemonialmacht im Krieg mit einer mittelstarken Regionalmacht mit einem Unentschieden zufrieden sein? Saddam demonstrierte, dass man sich mit den USA anlegen kann und ungestraft davonkommt. Mehr noch als die Niederlage in Vietnam hat Saddams dreiste Herausforderung besonders den als 'Falken' bekannten Rechten in den USA schwer zugesetzt, was den Eifer erklärt, mit dem sie einen Einmarsch in den Irak und den Sturz des dortigen Regimes fordern.

In der Zeit zwischen dem Golfkrieg und dem 11. September 2001 wurden die Konflikte hauptsächlich auf dem Balkan und im Nahen Osten ausgetragen. Die USA haben in beiden Regionen eine wichtige diplomatische Rolle gespielt. Rückblickend lässt sich fragen, ob die Ergebnisse anders ausgefallen wären, wenn die USA eine vollkommen isolationistische Position eingenommen hätten. Auf dem Balkan ist ein wirtschaftlich erfolgreicher multinationaler Staat, nämlich Jugoslawien, in seine einzelnen Teile zerfallen. Zehn Jahre lang haben die meisten der entstandenen Staaten einen Prozess der Ethnisierung betrieben, der in brutale Gewalt, weit verbreitete Menschenrechtsverletzungen und offenen Krieg mündete. Die Intervention von außen - bei der die USA führend waren - ermöglichte eine Waffenruhe und beendete die entsetzlichsten Formen der Gewalt, kehrte jedoch die Ethnisierung nicht um, die nun konsolidiert und in gewisser Weise legitimiert ist. Hätten diese Konflikte ohne Einmischung der USA ein anderes Ende gefunden? Die Gewalt hätte vielleicht länger angedauert, das Ergebnis aber hätte vermutlich kaum anders ausgesehen. Das Bild im Nahen Osten ist noch düsterer. Dort war das US-Engagement stärker und das Scheitern spektakulärer. Auf dem Balkan wie im Nahen Osten konnten die USA ihre hegemonialen Ansprüche nicht effektiv durchsetzen, nicht weil sie es nicht gewollt oder sich nicht bemüht hätten, sondern weil es ihnen an wirklicher Macht mangelte.

Falken ohne Halt
Dann kam der 11. September - der Schock und die Reaktion. Von der Legislative unter Druck gesetzt, behauptet die Central Intelligence Agency (CIA) nun, sie habe die Regierung Bush vor möglichen Bedrohungen gewarnt. Obwohl die CIA ihr Augenmerk auf al-Qaida richtete und sich auf ihre eigene geheimdienstliche Sachkenntnis verließ, konnte sie die terroristischen Angriffe nicht vorhersehen (und daher auch nicht verhindern). So argumentiert CIA-Direktor George Tenet. Solche Aussagen sind für die US-Regierung oder die Bevölkerung nur ein schwacher Trost. Was auch immer Historiker feststellen mögen, die Angriffe vom 11. September 2001 waren für die Macht der USA eine große Herausforderung. Die für die Angriffe verantwortlichen Personen waren keine Repräsentanten einer wichtigen Militärmacht. Es handelte sich um Mitglieder einer nicht staatlichen Formation mit einem hohen Grad an Entschlossenheit, etwas Geld, einer Gruppe überzeugter Anhänger und einer starken Basis in einem schwachen Staat. Kurzum, militärisch waren sie nichts. Dennoch gelang ihnen ein dreister Angriff auf US-amerikanischem Boden.
Als George W. Bush an die Macht kam, war er sehr kritisch gegenüber der Art und Weise, wie die Regierung unter Clinton auf weltpolitischer Ebene handelte. Bush und seine Berater gestanden nicht ein - obgleich es ihnen zweifellos bewusst war -, dass Clintons Amtsführung dem Handeln jedes US-Präsidenten seit Gerald Ford entsprach, Ronald Reagan und George H.W. Bush eingeschlossen. Es entsprach sogar dem Vorgehen der gegenwärtigen Bush-Regierung vor dem 11. September. Man muss sich nur anschauen, wie Bush auf den Abschuss eines US-Flugzeugs vor der chinesischen Küste im April 2001 reagierte, um festzustellen, dass das Motto des Spiels Besonnenheit hieß.
Nach den terroristischen Angriffen änderte Bush seinen Kurs, erklärte dem Terrorismus den Krieg, versicherte dem amerikanischen Volk: 'Der Ausgang ist gewiss', und machte der Welt deutlich: 'Ihr seid entweder für uns oder gegen uns.' Selbst von den meisten konservativen US-Regierungen frustriert, bestimmten die Falken schließlich die US-Politik. Ihre Position ist klar. Die USA verfügen über die militärische Vormachtstellung, und wenn auch zahllose ausländische Regierungschefs es nicht für klug halten, dass Washington die militärischen Muskeln spielen lässt, können sie und werden sie nichts unternehmen, wenn die USA dem Rest einfach ihren Willen aufzwingen. Die Falken sind der Ansicht, die USA sollten aus zwei Gründen als Imperialmacht auftreten: erstens, weil sie niemand daran hindern wird. Und zweitens, wenn Washington nicht seine Macht ausübe, würden die USA marginalisiert.

Strategische Optionen.
Heute bestimmt die Position der Falken drei Handlungsfelder: die Militäraktion in Afghanistan, die faktische Unterstützung des israelischen Versuchs, die palästinensische Autorität zu liquidieren, sowie die Invasion im Irak, die sich, wie berichtet wird, im Stadium der militärischen Vorbereitung befindet. Weniger als ein Jahr nach den terroristischen Angriffen vom September 2001 ist es vielleicht zu früh, um zu beurteilen, was mit diesen Strategien erreicht werden wird. Bislang haben sie zum Sturz der Taliban in Afghanistan geführt (ohne al-Qaida ganz zu zerschlagen oder die Führungsriege gefangen zu nehmen), zu enormen Zerstörungen in Palästina (ohne dass Palästinenserpräsident Arafat 'irrelevant' geworden wäre, wie der israelische Premierminister Ariel Sharon das von ihm behauptet) sowie zu erheblicher Opposition der US-Alliierten in Europa und im Nahen Osten gegen die Invasion des Irak.
Die Falken betonen angesichts der jüngsten Ereignisse, die Opposition gegen das Vorgehen der USA sei zwar erheblich, bislang jedoch weitgehend verbaler Natur gewesen. Weder Westeuropa noch Russland, China oder Saudi-Arabien scheinen bereit zu sein, die Verbindungen mit den USA ernsthaft zu gefährden. Mit anderen Worten, die Falken glauben, dass die USA damit durchkommen. Sie gehen davon aus, dass das für ein baldiges militärisches Eingreifen der USA im Irak ähnlich wie auch für spätere Militäraktionen gelte, sollten die USA ihre Autorität in anderen Teilen der Welt durchsetzen, sei es im Iran, in Nordkorea, Kolumbien oder vielleicht in Indonesien. Die Ironie der Geschichte ist es, dass sich die internationale Linke, die gegen die US-Politik anschreit, und zwar vor allem, weil sie fürchtet, dass die Chancen für deren Erfolg gut stehen, die Interpretation der Falken weitgehend zu Eigen gemacht hat.

Die Macht aus den Gewehrläufen.
Die Interpretationen der Falken sind allerdings falsch und werden nur zum Niedergang der USA beitragen, und dazu, den allmählichen Abstieg in einen beschleunigten und turbulenten Sturz zu verwandeln. Und zwar aus militärischen, ökonomischen und ideologischen Gründen. Das Militär ist zweifellos der stärkste Trumpf der USA, faktisch ihr einziger. Die USA verfügen derzeit über den gewaltigsten Militärapparat der Welt. Und glaubt man Behauptungen, wonach die USA in Sachen Militärtechnologie unübertroffen sind, ist ihre militärische Dominanz größer als noch vor einem Jahrzehnt.
Heißt das aber, dass die USA im Irak einmarschieren, das Land rasch besetzen und ein ihnen freundlich gesinntes, stabiles Regime einsetzen können? Das ist unwahrscheinlich. Es sei daran erinnert, dass von den drei größeren Kriegen, die das US-Militär seit 1945 geführt hat (Korea, Vietnam und am Golf), einer mit einer Niederlage endete und zwei unentschieden blieben - nicht gerade ein glorreiches Ergebnis.
Die Armee Saddam Husseins ist nicht die der Taliban, und seine Kontrolle über das Militär intensiver. Für eine Invasion wären starke Landstreitkräfte erforderlich, die sich ihren Weg nach Bagdad freikämpfen müssten und vermutlich erhebliche Verluste erleiden würden. Diese Streitkräfte würden Bereitstellungsräume benötigen, und Saudi-Arabien hat deutlich gemacht, dass es dafür nicht zur Verfügung steht. Werden Kuwait oder die Türkei einspringen? Vielleicht, wenn Washington tief in die Tasche greift.
Saddam wird unterdessen all die ihm zur Verfügung stehenden Waffen einsetzen. Und die Frage, wie gefährlich diese Waffen sind, bereitet der US-Regierung Kopfschmerzen.
Die USA können auf die Regimes in der Region Druck ausüben, doch in der dortigen Öffentlichkeit wird die ganze Angelegenheit als Ausdruck starker antiarabischer Ressentiments in den USA gesehen. Kann ein solcher Krieg gewonnen werden? Der britische Generalstab hat Premierminister Tony Blair offenbar bereits informiert, dass er nicht dieser Ansicht ist.
Und dann existiert stets die Gefahr 'zweiter Fronten'. Nach dem Golfkrieg bereiteten sich die US-Streitkräfte auf die Möglichkeit von zwei simultan zu führenden Regionalkriegen vor. Nach einer Weile verabschiedete sich das Pentagon still und leise von diesem Konzept, weil es undurchführbar und zu teuer war. Wer kann sich aber sicher sein, dass kein potenzieller Feind der USA zuschlägt, wenn sie im Irak im Schlamassel stecken?
Es gilt, auch die Frage der Aufnahme von Niederlagen in der Öffentlichkeit der USA zu berücksichtigen. Die Amerikaner schwanken zwischen einem patriotischen Eifer, mit dem sie alle Präsidenten in Kriegszeiten unterstützen, und einem starken isolationistischen Impuls. Seit 1945 ist der Patriotismus stets am Ende gewesen, wenn die Zahl der gefallenen Soldaten anstieg.
Warum sollte das heute anders sein? Und selbst wenn die Falken (die fast alle keine Militärs sind) für die öffentliche Meinung unzugänglich sein sollten, die Generäle der US-Armee, mit der Erfahrung von Vietnam, sind es nicht.
Und wie sieht es an der ökonomischen Front aus? In den achtziger Jahren sind zahllose amerikanische Finanzexperten wegen des japanischen Wirtschaftswunders übergeschnappt. In den neunziger Jahren haben sie sich angesichts der finanziellen Schwierigkeiten der Japaner, über die ausführlich berichtet wurde, wieder beruhigt. Nachdem sie das Tempo des japanischen Fortschritts zunächst überschätzten, geben sich die US-Experten nun selbstzufrieden und sicher, dass Japan weit hinterherhinkt. Heute scheint Washington eher geneigt, japanischen Entscheidungsträgern zu erklären, was sie falsch machen.

Lehren aus der Geschichte.
Ein solcher Triumphalismus ist kaum gerechtfertigt. Nehmen wir den folgenden Bericht aus der New York Times vom 20. April 2002: 'In einem japanischen Labor ist der schnellste Computer der Welt entwickelt worden, eine Maschine, die so leistungsfähig ist, dass sie es mit der addierten Verarbeitungskapazität der 20 schnellsten amerikanischen Computer aufnehmen kann ... Diese Entwicklung ... beweist, dass das technologische Wettrennen, das amerikanische Ingenieure zu gewinnen glaubten, noch längst nicht vorbei ist.' In dem Bericht heißt es weiter, dass in den beiden Ländern 'divergierende wissenschaftliche und technologische Prioritäten' gesetzt werden.
Der japanische Computer wurde zur Analyse des Klimawandels entwickelt, die US-Computer hingegen dienen der Simulation von Waffen. Dieser Unterschied verweist auf die älteste Tatsache in der Geschichte hegemonialer Mächte. Die vorherrschende Macht konzentriert sich (zu ihrem Nachteil) auf das Militär, der Kandidat für die Nachfolge auf die Ökonomie. Letzteres hat sich stets ganz hübsch bezahlt gemacht. Das war so im Fall der USA. Warum sollte es sich nicht auch für Japan auszahlen, vielleicht in einem Bündnis mit China?
Schließlich gibt es noch die ideologische Sphäre. Gegenwärtig ist die US-Ökonomie offenbar relativ schwach, zumal wenn wir die exorbitanten Militärausgaben in Betracht ziehen, die die Strategie der Falken mit sich bringt. Zudem ist Washington politisch isoliert. Nahezu kein Staat (außer Israel) ist der Auffassung, dass die Strategie der Falken sinnvoll ist oder einer Ermutigung bedarf. Andere Staaten fürchten sich oder sind nicht willens, sich direkt mit Washington anzulegen, aber selbst ihr Zögern verärgert die USA.
Die USA unternehmen wenig mehr, als arrogant Druck auszuüben. Arroganz zeitigt eigene negative Folgen. Geld ausgeben heißt, dass für das nächste Mal weniger Geld zur Verfügung steht, und dauernd sich fügen zu müssen, führt zu wachsendem Unmut. In den vergangenen 200 Jahren haben die USA einen beträchtlichen moralischen Kredit angehäuft. Derzeit verspielen sie ihn allerdings schneller als die Goldreserven in
den sechziger Jahren.
In den kommenden zehn Jahren bleiben den USA zwei Möglichkeiten. Sie können die Politik der Falken betreiben, mit negativen Folgen für alle, besonders für die USA selbst. Oder man begreift, dass die negativen Folgen zu groß sein werden.
Simon Tisdall schrieb kürzlich im Guardian, dass, selbst wenn man die internationale öffentlichen Meinung außer Acht lasse, 'die USA nicht in der Lage sind, einen erfolgreichen Krieg gegen den Irak allein zu führen, ohne immensen Schaden zu nehmen, nicht zuletzt im Hinblick auf ihre wirtschaftlichen Interessen und ihre Energieversorgung. Mr. Bush kann lediglich verbal auftrumpfen, wirkt allerdings schwach.' Und wenn die USA dennoch im Irak einmarschieren und dann zum Rückzug gezwungen werden, werden sie noch schwächer wirken.
Präsident Bushs Optionen sind extrem begrenzt, und zweifellos wird der Niedergang der USA als entscheidende Kraft in der Weltpolitik während des kommenden Jahrzehnts sich weiter fortsetzen. Die wirkliche Frage ist nicht, ob die US-Hegemonie schwindet, sondern ob die USA einen Weg finden können, um den Niedergang elegant und mit einem Minimum an Schaden für die Welt und sich selbst zu gestalten.

Aus dem Englischen von Jürgen Schneider.
Immanuel Wallerstein ist Professor an der Yale University. In deutscher Übersetzung erschien kürzlich sein Buch Utopistik. Historische Alternativen des 21. Jahrhunderts, Wien: Promedia 2002.
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