| | SiG #19 - STURMWOLKEN ÜBER AMERIKA
In diesen Tagen erleben wir, wie die neoliberale Globalisierung durch die USA mit einem imperialistischen Krieg überlagert wird. Das Unheil, das Kriegherren anrichten, ist schon schlimm genug. Wir sollten ihnen nicht auch noch den Gefallen tun, angesichts ihrer Kriegsmaschinerie uns von Gefühlen der Erdrückung, der Ohnmacht, der Wut und Verzweiflung beherrschen zu lassen, und damit an Lebendigkeit und Kraft einzubüßen. Was wir brauchen ist Mitgefühl mit den Opfern - den Opfern von militärischen Übergriffen und anderer Gewaltakten, nicht nur im Irak - wie auch den Opfern der stillen Bomben des Hungers, mit den Verdammten dieser Erde, mit den Opfern eines chaotischen Weltwirtschaftssystems im Dienste einiger Weniger.
Wir beobachten gegenwärtig das Aufbrechen seit langem schmorender, latenter Widersprüche. Die Weltwirtschaft in aufgestauter Überproduktionskrise; europäische Länder im Widerspruch zu den USA; große Teile der Welt in einem Prozess zunehmender Marginalisierung. Der marxistische Historiker E. Wallerstein hat mit seiner 'Weltsystemtheorie' immer eine räumlich globale und zeitlich Jahrhunderte übergreifende Perspektive in der Analyse globaler Widersprüche angeboten. Er warnt uns angesichts der anstehenden Katastrophen davor, unbewusst die Perspektive der Washingtoner Falken von der Allmacht der USA zu übernehmen. Wallerstein ist nicht der Meinung, dass die USA ein Papiertiger ist, aber er sieht - ähnlich wie Emanuel Todd (im 'Spiegel' 10/03) - eine absteigende Supermacht. Er zeichnet die Entwicklungslinien des letzten Jahrhunderts nach und kommt zu der Schlussfolgerung: 'Zweifellos wird der Niedergang der USA sich als entscheidende Kraft in der Weltpolitik während des kommenden Jahrzehnts weiter fortsetzen'.
Stehen wir an einer 'Abbruchkante der Zeit', wie Kant 1789 die Zeit der Französische Revolution kennzeichnete? Die globalen Proteste gegen den Krieg, die Opposition fast der gesamten Weltöffentlichkeit, ja der übergroßen Mehrheit der Staaten der Welt sind ein neues, ermutigendes Phänomen. Denn wir wissen: Jegliche Kriegsmaschinerie funktioniert nur so lange, wie Menschen sie überzeugt betreiben oder zumindest dulden. Sonst ist sie nur Schrott.
Die vielen Bewegungen in Lateinamerika, über die wir in dieser Nummer berichten, sind ein anderes Beispiel einer aufkeimenden 'Gegenmacht'. Auch für Europa gilt: aus der Anti-Kriegsbewegung kann eine Stärkung der globalisierungskritischen Bewegung entstehen. Die Foren in diesem Frühjahr, den Gegengipfel zum G8-Treffen in Evian Anfang Juni können wir zu einem weiteren Meilenstein gegen die Herrschaft der 'Saigneurs du monde' (Häscher der Welt) machen. Damit es uns gelingt, brauchen wir strategische Weitsicht und eine ruhige, kluge und herzliche Entschlossenheit, keine blinde Wut.
Das Redaktion-Team dieser Ausgabe: Marie-Dominique Vernhes und Peter Strotmann (attac Deutschland), Barbara Waschmann (attac Österreich)
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