Sand im Getriebe (SiG) No. 18
internationaler deutschsprachiger Rundbrief der ATTAC-Bewegung

Themenforum Palästina motiviert zum Frieden in der Region
Das afrikanische Sozialforum will Stimme des Kontinents werden
'No Vox' erheben ihre Stimme
Kollektive Engagements der Bewohner unserer barrios
Die Auswirkung der Liberalisierung des Handels auf Umwelt und natürliche Ressourcen
Ein ethisches Tribunal für die Medien
Freie Software stillt den Hunger


'NO VOX' ERHEBEN IHRE STIMME
Jean-Batiste Heyrault


Die Aktionen und Bewegungen, die für die armen Bevölkerungen kämpfen, lassen ihre Stimme hören und wollen auch für ihre Zukunft sorgen. Wie kann 'eine anderen Welt' ins Auge gefasst werden, wenn die Bewegungen der Armen sich nicht beteiligen können?

Die Hälfte unseres Planeten ist Opfer oder am Rande des Überlebens. Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt mit weniger als zwei Euro täglich, während die Ungleichheiten sich überall verschärfen und die weltweiten Gefahren immer konkreter werden (Kriege, Umweltkatastrophen, Hungersnöte...). Das kapitalistische System und der Konsumwahn lassen sich nicht auf die gesamte Weltbevölkerung übertragen - mangels Rohstoffen und wegen der Unmöglichkeit des Öko-Systems, einen solchen Produktionsrhythmus zu verkraften. Die Zukunft und selbst die Existenz der armen Bevölkerungshälfte der Welt ist in Frage gestellt, das bezeugt der Mangel an Solidarität der reichen Länder. Die Hälfte der Weltbevölkerung, die nicht mitbestimmen darf, wird für die andere Hälfte gefährlich, die heute den Zugang zu den 'Autobahnen der Information' hat, mit allen Mitteln das wirtschaftliche Wachstum vorantreibt und ihr Lebensnivau weiter steigern will. Auch die andere Hälfte konsumiert, verbraucht Rohstoffe und nimmt an der Umweltverschmutzung teil, wenn auch in ganz anderem Ma§stab. Die Zunahme des Rassismus und des Sicherheitswahns, die Zunahme einer Städtepolitik der Segregation innerhalb der westlichen Nationen zeugen von diesem Klima des Misstrauens innerhalb der Wohlhabenden ihren eigenen Armen gegenüber. Mitgefühl ist nicht mehr angezeigt, die Armen werden zu potenziell gefährlichen Klassen. Mit dem Unterschied, dass sie heute zur Produktion der Reichtümer nicht mehr unbedingt nötig sind. Unproduktiv, kostenverursachend, zumindest in den nördlichen Ländern, stellen sie eine Gefahr und Konkurrenz für die lebenswichtigen Ressourcen dar, haben im derzeitigen Wirtschaftssystem keine Zukunft, selbst wenn ein kleiner Teil von ihnen auf dem Arbeitsmarkt noch nützlich ist, um die Lohnnebenkosten zu senken und die Armut zu erhöhen. Diese Fakten haben mehrere Vereinigungen und Bewegungen im Kampf gegen die Armut dazu veranlasst, im Jahr 2002 das Netzwerk 'No Vox' zu gründen, dessen Ziel es ist, ein internationales Netz zur Mobilisierung ausgeschlossener Bevölkerungsgruppen aufzubauen - mit Hilfe derer, die sie unterstützen.

Die großen Sozialforen der fortschrittlichen Mittelklassen Da wir uns bewusst sind, welche Bedeutung die Sozialforen haben, indem sie die Nicht-Regierungs-Organisationen (NROs) , Gewerkschaften und sozialen Bewegungen zusammenführen, sind wir uns aber auch im klaren sind über deren Grenzen. Da ja die fortschrittlichen Mittelklassen und ihre Organisationen deren einzige 'Baumeister' und die Transportkosten ein wichtiger Faktor bei der sozialen Selektion sind, sind wir entschlossen, die Präsenz der 'Stimmlosen' an den Sozialforen zu erzwingen. Was nützt es, gegen das Elend in der Welt und die verheerenden Auswirkungen des Neoliberalismus zu kämpfen und eine andere Welt aufbauen zu wollen, wenn die Opfer - ob potenziell oder bereits maßgeblich betroffen - sich daran nicht beteiligen können und nicht zu Hauptakteuren werden? Wie kann man ernsthaft den Aufbau einer anderen Welt ins Auge fassen ohne Beteiligung der Bewegungen der Armen und der 'Stimmlosen'? Das 3. internationale Sozialforum hat ihnen erneut keinen, oder nur einen unbedeutenden Platz eingeräumt. Die Präsenz der Vertreter der 'Stimmlosen' bei den großen Konferenzen ist lächerlich gering, ebenso wie ihre Vertretung auf der Organisationsebene des Forums. Es muss nämlich für die Finanzierung ihrer Reise, den Zugang zum Forum und für die Organisation von internationalen Begegnungen gesorgt werden, um ein Bewusstsein und eine Identität derer ohne Stimme zu erzeugen - als Träger des Bestrebens zum Aufbau einer anderen Welt. Die finanziellen Mittel dazu sind vorhanden: das Sozialforum wird ca. 30 Millionen Euro kosten. Die Verschwendung der Geldmittel ist umso schockierender. Die Miete einer ultramodernen Universität, der Einsatz von professionellen statt engagierten Dolmetschern, die Unmenge von westlichen Delegationen in Luxus-Hotels oder die Verwendung von Finanzmitteln aus Stiftungen wie Ford _ solche Fragen stellt man sich. Die Finanzmittel sind vorhanden, um den Stimmlosen eine aktive Beteiligung an den Sozialforen zu ermöglichen. Hindernisse dafür sind jedoch der fehlende politische Wille sowie interne politische Spielbälle. Die Entstehung von Volksbewegungen zunächst auf lokaler Ebene, die sich auf nationale und dann auch auf überregionale Ebene ausweiten, ist jedoch nicht mehr zu übersehen.

Das Forum der 'Stimmlosen' im Kampf Dieses Jahr, haben die 'Stimmlosen' magere finanzielle Mittel aufgetrieben, um eine Delegation nach Porto Alegre zu entsenden, vor allem diejenigen aus Brasilien und anderen Ländern Lateinamerikas. DAL, AC und MIB werden präsent sein. Da es unmöglich ist, am Forum teilzunehmen, ohne die täglichen Meldungen über das Elend zu hören, werden wir dort ein Forum der 'Stimmlosen' organisieren. Am Donnerstag, dem Eröffnungstag des Forums, haben wir am späten Vormittag in Porto Alegre gemeinsam mit der wichtigsten militanten brasilianischen Bewegung für Wohnungsbeschaffung, dem MNLM, in Porto Alegre ein unbebautes Grundstück besetzt, um dort obdachlose Familien anzusiedeln und zu unterstützen. Schon letztes Jahr hatte das MNLM (movimiento Nacional de Luta por la Moradia), unterstützt vom DAL und zahlreichen NROs, ein freistehendes Gebäude im Stadtzentrum, das einer Bank gehört, besetzt. Nach Verhandlungen und Erwerb des Gebäudes durch ein öffentliches Kollektiv nach einem Enteignungsverfahren, wurde dieses Gebäude von Obdachlosen freigeräumt, um die Wohnungsrenovierung für arme Familien zu ermöglichen. Diese Renovierungsarbeiten sind noch nicht abgeschlossen.

In diesem Jahr handelt es sich um die Besetzung eines Terrains durch mehrere Hundert Obdachlose von militanten MNLM-Mitgliedern, argentinischen 'piqueteros' (Movimiento Mario de Pie), Jugendlichen der umgebenden Favelas, aber auch solchen von Sao Paulo, die sich in kulturellen Netzwerken hip hop (wie die Gruppe Moleque de Rua) zusammengeschlossen haben, Strassenkindern, Jugendlichen aus indianischen Kamps, Vertretern von NROs und militanten Bewegungen verschiedener Ländern.

Während dieser Besetzung werden Konzerte und Diskussionen veranstaltet, eine Volkskantine organisiert, Unterkünfte aufgestellt, sodass das Terrain für die Besetzer auch bewohnbar gestaltet wird.

Im Rahmen des WSF fanden internationale Begegnungen zwischen 'Stimmlosen' statt - die ersten dieser Art -, um miteinander Strategien und gemeinsame Aktionen auszuarbeiten und Praktiken auszutauschen. Es wurde die Idee eines weltweiten Marsches der Stimmlosen eingebracht sowie einige Strategien, um das Sozialforum den Basisbewegungen anzunähern. Das ist eine langatmige Arbeit, die für mehrere Jahre geplant ist. Sie hat aber das Ziel, ein Netzwerk von Volksbewegungen zu schaffen und die NROs dafür zu gewinnen, bei der Entwicklung und Konvergenz dieser Bewegungen mitzuhelfen, sowie deren Akzeptanz im Forum zu fördern.

Ehrenamtliche Übersetzung: Regine Kappeler, attac.info home-team Österreich, sig-bw 21.02.2003