Sand im Getriebe (SiG) No. 18
internationaler deutschsprachiger Rundbrief der ATTAC-Bewegung

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BOTSCHAFT DES GENERALSEKRETÄRS DER VEREINTEN NATIONEN AN DAS WELTSOZIALFORUM, 27. Januar 2003

Nitin Desai, stellvertretender Generalsekretär für Wirtschaft und Soziale Angelegenheiten wurde dank der Bridge Initiative on Globalization zum WSF eingeladen. Er nahm am Diskussionspodium 'In Opposition zu den Kriegen des 21ten Jahrhunderts, wie schaffen wir Frieden unter den Menschen?' teil und brachte eine Botschaft von Kofi Annan.

Es ist mir ein großes Vergnügen, meine Grüsse an dieses Forum zu senden.

Ihr trefft Euch vor dem Hintergrund großer Sorge - über die Möglichkeit eines Krieges im Irak, über nukleare Verbreitung auf der koreanischen Halbinsel, über zunehmende Gewalt im Mittleren Osten und über die Möglichkeit weiterer Terrorangriffe. In der Tat steht der Sicherheitsrat vor einer seiner größten Prüfungen in seiner Geschichte und trifft sich zu diesem Zeitpunkt in New York, um den Bericht der UN-Waffeninspektoren über ihren Fortschritt im Irak entgegen zu nehmen. Ich teile Eure Sorgen über diese Krisen und möchte Euch meiner Entschlossenheit versichern, weiterhin mein Äußerstes zu tun, ihnen im Einklang mit den Grundsätzen internationalen Rechts und mit den von der Charta der Vereinten Nationen vorgegebenen Prinzipien zu begegnen.

Ihr habt Euch aber auch versammelt aus Besorgnis über eine Vielfalt anderer Fragen, die dem Bestreben der Welt nach Sicherheit, Wohlstand und Frieden zugrunde liegen: die Notlage der Ärmsten der Welt und der schwächsten Länder; die gnadenlose Ausbreitung von AIDS; die schonungslose Plünderung der Umwelt; die ungleiche Verteilung der Gewinne der Globalisierung; die Handelsbarrieren und Subventionen, die den Entwicklungsländern eine faire Chance verweigern, in der globalen Wirtschaft mitzuhalten oder es einigen erschweren, den öffentlichen Gesundheitskrisen zu begegnen - diese Phänomene und Bedrohungen haben gleichen Anspruch auf Gewissen, Ressourcen und Wollen der Welt. Aber, wie Ihr, sorge ich mich darum, dass man sie vernachlässigen wird, dass sie Opfer zu kurzer Aufmerksamkeitsspannen oder enger Vorstellungen nationaler Interessen werden oder einfach nur schwer internationales Interesse wecken können, wenn so viel Anderes in den nächsten Wochen und Monaten geschieht und zu erwarten ist.

Das wäre tragisch, nicht zuletzt, da wir heute besser als je in der Lage wären diese Probleme in Angriff zu nehmen. Weltkonferenzen und Gipfeltreffen der letzten Jahre haben von Staaten auf höchstem politischen Niveau Verpflichtungen erbracht, Märkte für Produkte aus Entwicklungsländern zu öffnen, Schuldenerlass zu beschleunigen, Hilfen zu erhöhen, die Umwelt zu schonen und Entwicklung ins Zentrum der Politik zu rücken. Darüber hinaus haben wir mehr als Verpflichtungen, Versprechen und ausführliche Aktionspläne. Für die Schlüsselfrage wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung haben wir ein gemeinsames Rahmenwerk, das uns leiten kann: das Millenium-Entwicklungsziel (MDZ - Millenium Development Goal). Es umfasst die Halbierung extremer Armut bis zur Verhinderung der Ausbreitung von HIV/AIDS und universeller Grundschulbildung - all dies bis zum Ziel-Jahr 2015. Es stellt eine Auswahl von einfachen aber wirkungsvollen Zielvorgaben dar, die jeder Mann und jede Frau in den Strassen von New York, Nairobi oder Neu-Delhi leicht unterstützen und verstehen kann. So ehrgeizig sie erscheinen mögen, sind sie doch nicht nur fromme Wünsche. Sie sind im Gegenteil vollkommen erreichbar, selbst in der kurzen gesetzten Frist.

Die Regierungen müssen die Millenium-Entwicklungsziele durchsetzen. Alle Hauptzweige des UN-Systems werden zusammenwirken, um alles zu tun, womit wir helfen können. Aber weder wir noch die Regierungen, werden alleine ohne Euer Engagement erfolgreich sein - Ihr, die dynamischen Kräfte, hier in Porto Alegre versammelt. Ich sehe drei Hauptwege für Euer Mitwirken.

Erstens könnt Ihr Euren Regierungen ihre Versprechungen vorhalten. Der Fortschritt wird durch eine Reihe von Berichten überwacht, die in Zusammenarbeit von Regierungen, UN-Gremien und Nichtregierungsorganisationen (NROs) und ihren Partnern erstellt werden. Das eröffnet Euch ein Podium, wo Ihr Eure Stellungnahmen einbringen könnt, Lob für Regierungen, wenn sie das Tempo halten oder Kritik, wenn das Engagement nachzulassen scheint oder Prioritäten fehlen.

Zweitens, wenn Ihr von Euren Regierungen Rechenschaft fordert, hoffe ich, dass Ihr in Partnerschaft mit ihnen arbeitet, dass Ihr untereinander Bündnisse bildet, mit UN-Gremien, ja auch mit dem privaten Sektor. NROs und Geschäftswelt haben beide wichtige Beiträge zu liefern, müssen sich aber über reflexartige kontraproduktive Denkarten, gegenseitige Verachtung und Dämonisierungen hinweg bewegen.

Drittens könnt Ihr die Diskussion über die Richtung unseres internationalen Systems bereichern. Einige von Euch haben eine deutliche Meinung zur Globalisierung. Wir können uns darüber einigen, dass viele Menschen und viele Länder kaum oder gar nicht von der Globalisierung Nutzen gezogen haben. Aber die Frage ist nicht, ob wir Globalisierung wollen, sondern welche Art von Globalisierung. Unser Ziel ist die Globalisierung zu einem inklusiven, gerechten Prozess zu machen. Euer Eintreten wird weiterhin einen wesentlichen Teil in den Bemühungen spielen, ihn so zu formen, dass er Chancen nicht nur für die glücklichen Wenigen, sondern für alle Menschen, besonders die Armen und Verletzlichen bietet.

Manchmal scheint es, als sei das internationale System für immer Geisel der Mächte und von Gier untergraben. Es gibt aber auch Momente, wo sich Chancen öffnen. So ein Moment ist heute. Jetzt ist die Zeit, unsere Bemühungen zu verdoppeln, ein System von Regeln und Gesetzen zu formen, ein offenes und faires System, ein System, das Armut und Ungerechtigkeit nicht zulässt, ein System, das den echten Bedürfnissen echter Menschen entspricht. Das macht es für uns in den Vereinten Nationen und für Euch in der Zivilgesellschaft entscheidend, dass wir unser konstruktives Engagement fortführen. Ich messe dieser Beziehung und unserem gemeinsamen Bestreben für eine friedliche, sichere und gerechte Welt höchste Bedeutung zu.

In diesem Geist entbiete ich Euch meine besten Wünsche für ein erfolgreiches Forum.

Kofi Annan
Generalsekretär der Vereinten Nationen

Übersetzer: Bernt Lampe, Ehrenamtliches Übersetzungs-Team coorditrad@attac.org, sig mdv-bw, 23.02.2003