Sand im Getriebe (SiG) No. 18
internationaler deutschsprachiger Rundbrief der ATTAC-Bewegung

Aufruf der sozialen Bewegungen
Das Weltsozialnetz
Mobilisierung gegen die G-8!
Drittes Weltforum der ParlamentarierInnen
Weltbildungsforum
Botschaft von Kofi Annan an das Weltsozialforum
Start des Internationalen Netzwerks gegen Steuerflucht
Weltweites Attac-Treffen in Porto Alegre
Bericht Attac-Europa & Attac-Welt-Treffen
US-Delegierte auf dem Weltsozialforum


WELTBILDUNGSFORUM
Erklärung von Porto Alegre, 2003


Einleitung
Die zweite Auflage des Weltbildungsforums, das am Vorabend des Weltsozialforums in Alegre, Rio Grande do Sul (Brasilien) stattfand und mehr als 15.000 Lehrerinnen, Lehrer und Studierenden aus über 100 Ländern aller Kontinente versammelte, ist ein Beweis für die Ausbreitung und Vitalität der sozialen Bewegung zum Schutz der öffentlichen, weltlichen, kostenlosen und hochwertigen Bildung für alle Frauen und Männer dieses Planeten.

Ein Jahr nach Realisierung des ersten Weltbildungsforums wurden wieder Gedanken und Ideen über Grenzen und Entwicklungsmöglichkeiten, Rück- und Fortschritte, Schwierigkeiten und Siege einer emanzipierenden und integrierenden Bildung gesammelt, die in der Lage ist, eine aktive, multi- und interkulturelle weltweite Bürgerschaft zu fördern. Damit haben wir die kritische Analyse, einer durch neokonservative und neoliberale Vorherrschaft dominierten Welt, wieder aufgenommen, und wir bestätigen die Prinzipien, Orientierungen und Vorschläge der 'Erklärung von Porto Alegre für eine öffentliche Bildung für Alle', die anlässlich des ersten Weltbildungsforums verfasst wurde und die von nun an in diese Erklärung integriert ist.

Wir bestätigen erneut unsere Absage an eine Vermarktung der Bildung, die durch internationale Organisationen und Freihandelsabkommen eingeführt wird, an jede Form der Diskriminierung, und an jede einseitig eingesetzte Gewalt in diesem internationalen Kontext der Kriegs- und Gewaltkultur. Wir bekräftigen also unser bedingungsloses Engagement für eine Kultur des Friedens und der Solidarität und für eine Umwelt, die Freiheit, Gleichheit und Respekt der Vielfalt fördert.

Wir meinen, dass die in diesem Dokument aufgezeigten Prinzipien, Ansätze und Perspektiven grundlegende Referenzen für all diejenigen bleiben, die sich im Kampf für eine Universalisierung der öffentlichen, weltlichen, hochwertigen und an die Gesellschaft gerichteten Bildung engagieren. Wir glauben auch, dass wir diese Vorschläge voranbringen müssen, indem wir unsere Verpflichtungen in die Tat umsetzen.

So wie unsere vorangehenden Erklärungen gemeinschaftlich ausgearbeitet wurden, muss auch das Prinzip der Vergesellschaftung des Entscheidungsprozesses weiterhin eine obligatorische Komponente in der Formulierung und Umsetzung von Politiken, Plänen, Programmen und Bildungsprojekten darstellen. Bezüglich der Vorgehensweise schlagen wir als Strategie vor, alle Männer und Frauen der Erde zu vereinen, denn unserer Meinung nach kann der notwendige Aktionsplan weder die Frucht einer kleinen Gruppe von Wissenden und Pädagogen sein, noch einer mächtigen Minderheit, sondern er muss aus der Gesamtheit verschiedener mobilisierter und organisierter sozialer Sektoren hervorkommen.

Erklärung
Gemäss der Prinzipien und Ansätze, die bereits in der 'Erklärung von Porto Alegre für eine öffentliche Bildung für Alle' definiert wurden, verkünden wir folgende Verpflichtungen :

I - Einrichtung einer 'Bürgerschule' als pädagogisches Ideal, Aufgabe des Staates, unter sozialer Kontrolle, errichtet durch alle, begründet durch ein inter- und multikulturelles Programm - d.h. nicht gleichgültig gegenüber Unterschieden -, offen für die Möglichkeiten demokratischer Praktiken mit hilfe von emanzipierenden Bewertungsprozessen; eine Schule, in der Kenntnis erworben werden, die alle Menschen auf eine aktive Beteiligung im Kontext ihrer jeweiligen spezifischen Gesellschaft vorbereitet. Die Entwicklung und Unterstützung aller Formen von Bewegungen durch Volksbildung, die einen politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Wandel fördert, sind Teil dieser Utopie.

II - Die Erziehung von Kindern im Alter von 0 bis 6 Jahre soll in der Art und Weise gesichert werden, dass ihre volle Entfaltung garantiert ist.

III - Alle Bewohner dieser Erde im Schulalter sollen eine Grundschulausbildung erhalten und ebenfalls alle, die noch keinen Zugang dazu hatten, und alle die davon ausgeschlossen waren. Diese Ausbildung soll garantieren, dass die Menschen ihre vollen Rechte und Pflichten als StaatsbürgerInnen erkennen und ausüben.

IV - Eine weiterführende Bildung soll für alle garantiert werden, die die Grundausbildung abgeschlossen haben. Alle Bürgerinnen und Bürger haben ein Anrecht auf den Besuch einer weiterführenden Schule als Bestandteil der Grundausbildung.

V - Das Fundament und die Strukturen für eine allgemeine, hochwertige technische Ausbildung sollen geschaffen werden, damit allen die Teilnahme an der Arbeitswelt in einer emanzipatorischen Perspektive ermöglicht wird.

VI - Alle, die daran Bedarf haben, haben ein Recht auf höhere Bildung. Der Zugang und die soziale Qualität des Hochschulwesens müssen in den Bereichen des Unterrichts, der Forschung und der gemeinschaftlichen Dienstleistungen, garantiert werden.

VII - Die private Aneignung wissenschaftlichen und technologischen Wissens, das aus einzig wirtschaftlichen Gründen angehäuft wird, und das auf Ausbeutung von Menschen beruht, wird verurteilt. Da diese Kenntnisse dank Vereinigung gemeinsamer Kräfte erlangt wurden, stellen sie ein Allgemeingut der Menschheit dar.

VIII - Eine Spezialausbildung soll angeboten werden, die den Vorrang von Personen garantiert, die spezielle Bedürfnisse haben und sich in Risikosituationen befinden.

IX - Den Unterdrückten, Ausgebeuteten und Ausgegrenzten dieser Welt soll vorrangig garantiert werden, am gemeinschaftlich produzierten Reichtum teilzuhaben. Auf diese Weise sollen die Schulden ausgeglichen werden, die ihnen entgegen ihrer Wünsche, Perspektiven, Ideale und Rechte aufgezwungen wurden.

X - Die Berufs- und Gewerkschaftsrechte der Arbeiter und Arbeiterinnen im Bildungsbereich und die freie Meinungsäusserung auf allen Bildungsniveaus und -formen müssen garantiert werden.

XI - Der Kampf für eine Verwandlung der Städte und der ländlichen Gebiete in pädagogische Räume soll verstärkt werden. Für die Errichtung einer 'Bildungsstadt' sollen alle Ressourcen, in allen Bereichen und Instanzen, restrukturiert und mobilisiert werden.

Unter Berücksichtung dieser erkenntnistheoretischen, politischen und ethischen Referenzen, erklären wir unsere Verpflichtung, in allen Bereichen der Gesellschaften, denen wir angehören, zu mobilisieren und zu organisieren, um eine Weltbildungsplattform zu schaffen. Diese Plattform beinhaltet Prinzipien und Orientierungen, Perspektiven und Ziele, Strategien der Umsetzung und der Potenzialisierung von Ressourcen, regelmässige Bewertungen und Aufzeichnungen, Pläne, Programme und Bildungsprojekte, die alle Bildungsniveaus und alle Menschen der Erde einschliessen.

Die Plattform soll die Mobilisierung, gesellschaftliche Teilnahme und den demokratischen Entwicklung von Vorschlägen, die von unterschiedlichen Organisationsformen der Gesellschaft ausgearbeitet werden, fördern. Die Entscheidungsfindung und Konsolidierung von Meinungen erfolgt schrittweise, von der kleineren zur größeren Einheit, von der lokalen zur nationalen Ebene; ihr muss von den verschiedenen repräsentativen Instanzen, die in diesen Prozess integriert sind, zugestimmt werden. Dies soll die Dezentralisierung und Universalisierung der Entscheidungen garantieren.

Die Inhalte der Weltbildungsplattform werden formuliert und den Foren aller Länder, die an den ersten beiden Weltbildungsforen teilgenommen haben und allen Foren, die der Bewegung noch beitreten, vorgeschlagen. Die Konsolidierung wird mit dem III. Weltbildungsforum beginnen, und das Ziel wird sein, ein Bildungssystem zu schaffen, dass 'eine andere Welt ermöglicht'.

Übersetzerin: Anette Heiss, coorditrad@attac.org, Ehrenamtliches Übersetzungs-Team, sig mdv-bw, 23.02.2003