Hunger und Wut Warum die Welternährungskrise kein Zufall ist von Petra Schulz 43 Min, deutsch Deutschland 2008
| Der Welthunger ist längst kein temporäres Problem mehr, sondern eine strukturelle Welternährungskrise. Sie ist das Ergebnis einer jahrelangen Entwicklung, die nur am Wohlergehen der Industrieländer orientiert war. Die Dokumentation beschreibt Mechanismen der globalen Wirtschaft, die es armen Ländern wie beispielsweise Ägypten, Bangladesch, Ecuador, China und Kenia erschweren, sich zu entwickeln. Ein Mitteleuropäer gibt rund 15 Prozent seines Einkommens für Nahrungsmittel aus. In Afrika, Asien und Lateinamerika müssen die Menschen bis zu 75 Prozent dafür aufwenden. Aber schon seit drei Jahren steigen die Preise für Weizen, Reis und Mais, und zwar drastisch. Die Gründe sind unter anderem in der Börsenspekulation mit Nahrungsmitteln zu sehen und auch in der steigenden Nachfrage wegen der Biotreibstoffe aus Agrarprodukten. Weltweit hungern eine Milliarde Menschen. Seit Kurzem gehen sie auf die Straße, protestieren und plündern. Jahrelang wurde in der Welt still vor sich hin gehungert, leise gestorben - die Weltordnung wurde nicht gestört. Was ist bei dieser Hungersnot anders? Zum Beispiel, dass sich die Ernährungskrise nicht mehr nur auf die Armen beschränkt, sondern bis in die Mittelschichten reicht. Und das sind Menschen, die politisch interessiert und teilweise sogar organisiert sind. Die jetzt nicht nur der Hunger auf die Straße treibt, sondern vor allem ohnmächtige Wut und Zukunftsangst. Der Hunger der Welt - endlich nimmt man ihn wahr. Dabei ist das, was jetzt viele Länder der Erde erschüttert, kein plötzlicher Schicksalsschlag. Es ist das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses, der nur auf das Wohlergehen der Industrienationen abzielt. Jahrelang sind zwar vollmundige Versprechen der reichen Länder gemacht worden, die Entwicklungshilfe wenigsten auf 0,7 Prozent des jeweiligen Bruttosozialproduktes anzuheben, geschehen aber ist nichts. Im Gegenteil: Viele Länder haben ihre Leistungen sogar noch gekürzt. Gleichzeitig sind über die Welthandelsabkommen die Regeln so verändert worden, dass viele Produkte aus Entwicklungsländern so gut wie keine Chance auf dem Weltmarkt haben. Und so muss derzeit der Agrosprit als Sündenbock herhalten, ein problematisches Produkt, mit dem aber Entwicklungsländer gutes Geld verdienen können. 'Teller oder Tank?' lauten die Schlagzeilen. Der Weltmarktpreis für Weizen stieg um 180 Prozent. Doch diese Ursachenbehauptung greift viel zu kurz - ein ganzes Bündel von Gründen lässt sich identifizieren: Missernten bedingt durch die Klimaveränderung, Bevölkerungswachstum, eine extrem gestiegene Fleischnachfrage, eine falsche Subventionspolitik und nicht zuletzt knallharte Rohstoffspekulanten, die auf steigende Lebensmittelpreise wetten. Bis zum Jahr 2015, so haben es die Vereinten Nationen in ihren Millenniumszielen festgeschrieben, soll die Zahl der Hungernden halbiert werden. Ein noch realistisches Ziel? Die Dokumentation beschreibt Prozesse und Strukturen der globalen Wirtschaft, vor allem der subventionierten und protegierten westlichen Landwirtschaft. In teilweise erschütternden Aufnahmen berichtet Petra Schulz aus den verschiedensten Regionen der Welt über die Ärmsten der Armen. Ihre Analyse belegt sie mit Beispielen aus Burkina-Faso, Ecuador, China oder Manila, wo die 'Müllmenschen' den Abfall von Fast-Food-Ketten durchwühlen, um das gefundene Gammelfleisch entweder selbst zu essen oder für 12 Cent sogar noch weiterzuverkaufen. In Interviews kommen Klaus Döpfner, u.a. der ehemalige Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen und auch ehemaliger IWF-Chef, der Staatssekretär im deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit - Erich Stather, der Gründer der Verbraucherschutzorganisation 'foodwatch' - Thilo Bode und die Handelsexpertin von Oxfam Deutschland - Marita Wiggerthale zu Wort. Alle ExpertInnen kommen zu demselben Ergebnis: Die gegenwärtige Ernährungskrise ist alles andere als überraschend, sie hat sich seit Jahren aufgebaut und so abgezeichnet. |