Barbara Waschmann

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Normal ist, was uns gerne verschwiegen wird
von Barbara Waschmann


erschienen in 'medienimpulse' Heft 53, 2005

Die „Junge Normale“
Groß werden – Wachsen bedeutet verstehen, Zusammenhänge erkennen, analysieren, Medienkompetenz und Kritikfähigkeit entwickeln.

Die „Junge Normale“, gesellschaftspolitisches Kino für Schülerinnen und Schüler, findet in Zusammenarbeit mit der europaweiten „Global Education Week“ von 7.-13. November 2005 im Grazer Forum Stadtpark als Programmleiste der 3. „Normale“ statt. Die Schulvorstellungen vormittags werden von Abend- und Wochenendvorstellungen für Erwachsene ergänzt.
Diese Filmwoche zieht im Anschluß weiter nach Landeck in Tirol (14.-18.11.05) und Linz (21.-25.11.05) – www.normale.at

Die „Junge Normale“ versteht sich als Beitrag zum, vom Europarat ausgerufenen, „Europäischen Jahr der Politischen Bildung“. Sie kombiniert kommentierte Filmvorführungen mit themenspezifischen und medienpädagogischen Workshops für Schüler und Schülerinnen von 8-18 Jahren.

In 2005 stehen die „Global Education Weeks“ unter dem Motto „Learning for a better world, for all of us, everywhere, now”.
In den letzten 50 Jahren ist das Bildungsniveau in den Entwicklungsländern zwar erheblich gestiegen, aber dennoch lebten 1998 von den rund 113 Millionen Kindern im Schulalter, die keine Grundschulbildung besuchten, 97% in Entwicklungsländern; fast 60% davon waren Mädchen, wobei insbesondere im ländlichen Raum die Einschulungsrate von Mädchen bestürzend gering ist. In den Millenniumszielen der Vereinten Nationen (millenium development goals, kurz MDGs) wird explizit die Wichtigkeit von „Bildung als Entwicklungsfaktor“ angesprochen und das Ziel formuliert, „bis 2015 sicher zu stellen, dass Kinder in der ganzen Welt, Jungen wie Mädchen, eine Primärschulbildung vollständig abschließen können und dass Mädchen wie Jungen gleichberechtigten Zugang zu allen Bildungsebenen haben.“
Das Thema der Global Education Weeks 2005 bietet auch Anknüpfungspunkte an bildungspolitische Fragestellungen in Österreich: Welche Bildung, welches Wissen, welche Fähigkeiten, welche Kompetenzen braucht jedeR Einzelne, braucht die Weltgesellschaft, um sich den Herausforderungen und Schlüsselfragen der Gegenwart und Zukunft gemeinsam zu stellen?
Die Filmwochen fokussieren 2005 daher auf Menschenrechte, die Schulsituation in Ländern des Südens, Bildungsqualität (PISA) und Liberalisierung des Bildungswesens.

In moderierten Workshops und Diskussionen mit Bildungsverantwortlichen und ExpertInnen seitens Nichtregierungsorganisationen erfahren die Heranwachsenden im Weltbezug der jeweils eigenen Lebenswirklichkeit anschaulich und konkret, wie sich unser aller Handlungen auswirken und wie wir dem in unserem Alltag begegnen können.
Im anschließenden medienpädagogischen Workshop wird an verschiedenen „hands on“-Stationen vermittelt, wodurch „bewegtes Bild“ entsteht und – abhängig von der jeweiligen Altersgruppe – worin die Möglichkeiten der Manipulation und „Meinungsmache“ liegen. Die Heranwachsenden erfahren dabei auch, inwieweit sich der Dokumentarfilm von der Fiktion unterscheidet.

Einseitige Berichterstattung.
Kommerzielle Medien sind in hohem Maße von Werbeeinschaltungen abhängig und aus diesem Grund oft nicht zu einer ausgewogenen Berichterstattung fähig. Die Informationsvermittlung liegt in Händen weniger profit-orientierter Medienkonzerne. Das öffentliche Bewußtsein erreicht daher zumeist ungenügende, unzusammenhängende oder medial verfälschte Information.

Dialog braucht Information.
Die Bewusstseinsbildung auf Seiten der Bürger und Bürgerinnen ist Voraussetzung für deren Beteiligung an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen. Die Vermittlung wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Zusammenhänge ist dabei von grundlegender Relevanz. Denn den Menschen fehlt oft das Verständnis für globale Zusammenhänge und grenzübergreifend stattfindende Prozesse und daher das Gefühl für Solidarität.

Information ist aktive Holschuld.
Dank der „camcorder revolution“ halten Filmschaffende und Medien-AktivistInnen weltweit „die Kamera drauf“: auf die Realität – das „Normale“.

Die „Normale“ ermöglicht sowohl nachhaltige Reflexion der durch die Filme vermittelten Einblicke in gesellschaftliche Ordnungen und in ihnen wirkende Zusammenhänge, Kräfte und Interessen, als auch die Entwicklung möglicher, solidarischer, auch von unterschiedlichen Perspektiven argumentierter, verantwortungsbewußter Handlungsalternativen.

Durch die Bewußtseinsbildung für die Zusammenhänge zwischen regionalen Problematiken und globalen Zusammenhängen wird die Rezeptionsfähigkeit geschärft, die eigene Mitverantwortung bewußt und auch die Möglichkeiten zur persönlichen Mitgestaltung sichtbar.

Die so initiierten Diskurse ermöglichen eine differenziertere Haltung gegenüber der kommerziellen Berichterstattung, eine höhere Aufmerksamkeit gegenüber dem eigenen Konsumverhalten und eine bewußtere Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung im Hinblick auf entwicklungspolitische Notwendigkeiten.

Die „Normale“ folgt dem Leitsatz „verstehen um zu handeln“ und trägt dazu bei, dass eine informierte Gesellschaft demokratische Alternativen entwickeln kann.
Seit dem Sommersemester 2004 läuft die „Junge Normale“ im Rahmen von CINEmedia – dem Kino für Schulklassen – in Zusammenarbeit mit media wien (Fachdienststelle für AV-MedienErziehung der Stadt Wien), der Südwind Agentur Wien, VIDC und BAOBAB.
Mit dem Bildungsmedienzentrum des Landes Oberösterreich (bimez) ist – ebenfalls für November 2005 – ein Pilotprojekt zur Multiplikation in Gemeinden geplant.

Geschichte, geschrieben von Waffenproduzenten
In 2004 wurde der Waffenfabrikant Dassault durch die Europäische Union autorisiert, die Kontrolle über 70 französische Print-Medien zu übernehmen. Ein anderer Waffenproduzent, Lagardère, der bereits an der Spitze eines Imperiums in den Bereichen Presse, Edition, Vertrieb und audiovisuelle Medien steht, hat sich des Editionsbereichs von Vivendi Universal bemächtigt und damit eine Quasi-Monopolstellung mit der Zustimmung der französischen Regierung errungen. Schließlich hat die finanzielle Holdinggesellschaft Wendel – ebenfalls in 2004 – die Gruppe Editis übernommen, der zweitgrößten in Frankreich, die außerdem einen sehr großen Teil der Schulwörter- und Schulbücher herausgibt.

Wessen Informationsgesellschaft?
Der World Summit on the Information Society (WSIS), zu deutsch Weltgipfel zur Informationsgesellschaft, ist eine von der UNO ausgerufene Weltkonferenz, veranstaltet von International Telecommunications Union (ITU) mit Sitz in der Schweiz.
Zum ersten Mal dürfen an einem UN-Weltgipfel nicht nur Wirtschaftsverbände, sondern auch einzelne Medienkonzerne teilnehmen, was als bedenklicher Präzedenzfall gesehen wird.
Dem Informations-Kapitalismus steht eine Informationsgesellschaft gegenüber, die auf den Grundpfeilern von sozialer Gerechtigkeit, Demokratie und Partizipation aufbaut und der menschlichen wie der sozialen Entwicklung dienen soll. Zivilgesellschaftliche AkteurInnen haben dabei Beobachterstatus und weisen für gewöhnlich auf Defizite in den offiziellen Gipfelergebnissen hin. Aus dieser Sicht relevant sind u.a.:
Digitale Kluft (digital divide), die Möglichkeit des Zugangs zu und der Nutzung von moderner digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien (speziell das Internet und da eindeutig „open source“) sowohl innerhalb unserer Gesellschaften als auch hinsichtlich der ungleichen Lebensverhältnisse zwischen Ländern des Nordens und des Südens.
Kommunikation als interaktiver und partizipatorischer Prozess, der sich vom bloßen Recht auf Zugang zu Information und der „Info-Einbahnstraße“ von wenigen Sendern zu vielen Empfängern abgrenzt. Kommunikation beinhaltet auch immer die eigene Produktion von Inhalten und somit die aktive Teilnahme an der Informationsgesellschaft.
Kulturelle und sprachliche Vielfalt (Diversität), die sich nicht nur auf ihre Bewahrung bezieht, sondern vielmehr kulturelle Entwicklung mit besonderer Berücksichtigung benachteiligter Gruppen aktiv fördern will.
Information wird von großen Teilen der Zivilgesellschaft als öffentliches Gut verstanden, das nicht – oder nur in eingeschränktem Maße – zur kommerziellen Verwertung geeignet ist. Informations- und Kommunikationsressourcen sind Teil der „Global Information Commons“, die ein deutliches Gegenmodell zu wirtschaftsbasierten Informationskonzepten bilden.
Im November 2005 soll in Tunis – einem Land, in dem Journalisten inhaftiert sind - die zweite Phase und damit der WSIS abgeschlossen sein.

„Soziales ist nicht sexy“
In „World Press Review 2004“, dem aktuellen Jahresbericht des in Wien ansässigen Internationalen Presse Instituts (IPI), werden 109 Nationen mit Verstößen gegen die Pressefreiheit erwähnt. Dazu zählen Einschüchterung, Entführungen, Ermordungen, wobei die Mörder häufig weder verfolgt noch bestraft werden sowie die Zensur und das Verbot von Medien. In 2004 starben 120 JournalistInnen in Ausübung ihres Berufs, derzeit befinden sich weltweit 185 JournalistInnen in Haft. Fred Turnheim, Präsident des Österreichischen JournalistInnen-Clubs ÖJC, dazu „Die Pressefreiheit wird zu Beginn des 3. Jahrtausends weltweit immer weniger beachtet“ und er bedauert, dass „jedes Jahr die immer größer werdende Gewalt an Journalistinnen und Journalisten in den demokratischen Ländern zwar beklagt wird – aber geändert wird nichts“.
Nicht zuletzt aufgrund der Entwicklungen in Frankreich konstantiert auch Observatoire français des médias, dass es „unentwegt einigen Firmen gelingt, die Kontrolle über den Journalismus und die Kommunikation auszuweiten, ohne eine angemessene Reaktion irgendeiner Behörde oder Regierung“ und dass „die Strategie der Beherrschung der Informationsmittel durch Wirtschaft und politische Interessen die Mittel zur Verbreitung von Doktrinen verstärkt, die die Interessen der Finanzgruppen am meisten begünstigen.“

1925 erschien das Buch „Propaganda“ von Edward Bernays, das als das grundlegende Werk der heutigen Public Relations-Industrie gilt. Gleich zu Anfang heißt es dort, dass man 'das Denken der Öffentlichkeit ganz genauso dirigieren' kann 'wie eine Armee die Körper ihrer Männer dirigiert'. „Diese neuen Techniken der Reglementierung des Geistes sollten“, wie Bernays schrieb, „von intelligenten Minderheiten genutzt werden, um dafür zu sorgen, dass der Pöbel nicht auf falsche Gedanken kommt“.
Noam Chomsky, Professor für Linguistik am MIT, bedeutender Sprachwissenschaftler und Medienkritiker sagt dazu „durch die Fabrikation von Konsens kann man die Tatsache neutralisieren, dass viele Menschen ein formales Wahlrecht genießen. Die politischen Führer können letzterem jede Bedeutung nehmen, da sie ja in der Lage sind, Konsens zu fabrizieren und so die Wahlmöglichkeiten und Einstellungen der Menschen derart zu beschränken, dass sie letztlich immer nur gehorsam tun werden, was man ihnen sagt, obwohl sie formal, beispielsweise über die Wahlen, selbst am System teilhaben.“

In Anbetracht laufender globaler Entwicklungen – wie GATS (Allgemeines Abkommen zum Handel mit Dienstleistungen seitens der Welthandelsorganisation, WTO), EU-Dienstleistungsrichtlinie, Korruption, Waffen- und Menschenhandel, Steueroasen, Bio-Piraterie, Handelskriege EU<>USA, Standortwettbewerb zulasten von Volkswirtschaften, um nur einige zu nennen – die allesamt als Rahmenbedingungen für unser aller Lebensgestaltung sind, reicht es nicht aus „politische Bildung“ als Geschichtsunterricht zu sehen.
Das, vom Europarat für 2005 ausgerufene „European Year of civic education“ beinhaltet die ausgewogene und ehrliche Darstellung des Zeitgeschehens und der öffentlichen Debatten, um die eigene Meinungsbildung überhaupt erst zu ermöglichen.

JedeR hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Resolution 217 A (III) vom 10.12.1948, Artikel 19

Nach über einem Jahrzehnt privat-wirtschaftlicher Arbeitserfahrung in den Bereichen Filmproduktion, Veranstaltungsorganisation und Internet-Datenbanken ist Barbara Waschmann als ein, in Zusammenhängen denkender, neutraler Informations-, Vernetzungs- und Koordinationsknoten in der Zivilgesellschaft auf nationaler wie auch auf europäischer Ebene engagiert. Die Unabhängigkeit von Organisationen und Institutionen garantiert ihr dabei die freie Sicht, die ein solches Unterfangen benötigt. Barbara Waschmann ist in Kontakt mit Filmschaffenden, Medien-AktivistInnen, Filmkollektiven, Medienbildstellen und internationalen Filmfestivals, wodurch sie Dokumentarfilme zu gesellschafts- und wirtschaftspoltisch relevanten Themen programmiert. Seit 2003 ist sie Initiatorin und Koordinatorin der „Normale“ und entwickelte in Zusammenarbeit mit Silvia Santangelo Jura (Verein globalista) und Renate Schreiber die Programmleiste „Junge Normale“ für 8-18jährige.

Link-Tipps:
www.normale.at
www.globaleducationweek.at
www.mediawien.at/kino/programm.asp
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte: www.unhchr.ch/udhr/lang/ger.htm
zur Mediensituation in Frankreich: www.observatoire-medias.info/article202.html
Columbia Journalism Review – Who Owns What: www.cjr.org/tools/owners/
Reporters sans frontiéres, www.rsf.org und Reporter ohne Grenzen, www.rog.at
Millennium Entwicklungs-Ziele: www.un.org/millenniumgoals/, www.nullkommasieben.at, www.armutszeugnis.at
Heinrich Böll-Stiftung Deutschland zum WSIS: www.worldsummit2005.de